
In wenigen Tagen beginnt mit zwei Veranstaltungen zum Jubiläum der Literaturzeitschrift Edit – Papier für neue Texte das Leipziger Literaturfestival textenet.de, im November wird es mit rund fünfundvierzig Lesungen unter dem thematischen Schwerpunkt des Wende-Jubiläums fortgeführt.
buchmarkt.de hat mit Steffen Birnbaum, Festivalleiter und Vorsitzender des Verbandes deutscher Schriftsteller in Leipzig, über die Entstehung, den Anspruch und die Zukunft des neuen Festivals gesprochen.
buchmarkt.de: Im Jahr 2002 fand das frühere Leipziger Herbstfestival für Literatur, der Literarische Herbst, zum letzten Mal statt. Was war der Anlass, in diesem Herbst ein neues Literaturfestival in Leipzig auf die Beine zu stellen?

Steffen Birnbaum: Im letzten Jahr hat das Kulturamt der Stadt Leipzig alle literarischen Vereine der Stadt eingeladen, weil die Stadt Leipzig für den Bereich Literatur zusätzliche Gelder bekommen hatte. Gemeinsam haben wir beschlossen, den früheren Literarischen Herbst neu zu beleben. Diese Gelegenheit haben wir gleich zum Anlass genommen, eine engere Zusammenarbeit zwischen den beiden größten literarischen Vereinen der Stadt, dem Verband deutscher Schriftsteller in Leipzig und dem Förderkreis Freie Literaturgesellschaft Leipzig e.V. umzusetzen. Die war nämlich ohnehin schon lange geplant, und so haben die beiden Vereine das Festival organisiert.
buchmarkt.de:Was ist mit dem Titel „textenet.de“ gemeint?
Steffen Birnbaum: Den früheren Titel – „Leipziger Literarischer Herbst“ – haben wir absichtlich nicht gewählt, denn aufgrund der begrenzteren finanziellen Mittel konnten und wollten wir nicht an das alte Festival anknüpfen. Wir wollten stattdessen einen Namen finden, der genauso wie der Domain-Name der Internetseite lautet. Viele Domain-Namen, die etwas mit Literatur zu tun haben, sind natürlich schon vergeben. Dann sind wir auf textenet.de gestoßen, das hat uns gleich gefallen. Mit diesem Titel weisen wir auch darauf hin, dass wir ein modernes Festival organisieren, das auch die neuen Möglichkeiten der Literaturvermittlung einbezieht.
buchmarkt.de:Was für „neue Möglichkeiten“ sind das?
Steffen Birnbaum: Damit ist vor allem gemeint, dass das reale Festival von einem virtuellen Festival auf www.textenet.de begleitet wird. Dort sind beispielsweise Textgalerien von Literaturzeitschriften vertreten, auch einige Aufnahmen des früheren Leipziger Literaturtelefons kann man dort finden. Aber es werden auch Lesungen stattfinden, die vom klassischen Lesungsmuster abweichen: Am 24. November beispielsweise wird es eine virtuelle Lesung aus der Anthologie „Versnetze 2“ geben, die Autoren selbst sind nicht anwesend, sondern sie haben im Vorfeld ihre Lesungen auf DVD aufgenommen, diese Filme werden abgespielt. Es gibt auch zwei interaktive Lesungen, beim „lauter niemand labor – Extra“ am 21. November können die Zuhörer ihre eigenen Texte mitbringen, der „FHL-Club extra“ am 22. November bietet ebenso eine offene Bühne.
buchmarkt.de:Zu diesen interaktiven Aktionen könnte man auch die beiden Literaturpreise rechnen, die Sie ausgeschrieben haben …
Steffen Birnbaum: Genau, wir werden zwei Preise vergeben, einen für nicht professionell arbeitende Autoren im Raum Leipzig und einen für den gesamten deutschsprachigen Raum. Bei dem zweiten Wettbewerb dürfen nur Tondateien von Texten eingesandt werden, dafür haben wir uns entschieden, um nicht in Manuskripten zu ersticken und um zu zeigen, dass es auch andere Präsentationsformen von Literatur gibt. Die Einsendungen beider Wettbewerbe kann man ebenfalls auf unsere Homepage anhören beziehungsweise lesen.
buchmarkt.de:Sie haben hauptsächlich jüngere Autoren eingeladen, ist es das Konzept des Festivals, den regionalen Nachwuchs zu präsentieren?
Steffen Birnbaum: Es werden auch einige große Autoren kommen, unter anderem Günter Wallraff, Friedrich Schorlemmer, Bert Papenfuß, Marcel Beyer oder – dank des MDR-Literaturcafés – auch Eva Menasse. Aber es ist richtig, dass wir viele jüngere Autoren und noch nicht allzu bekannte Autoren der mittleren Generation eingeladen haben. Bei einem Festival soll es schließlich auch etwas zu entdecken geben.
buchmarkt.de:Findet das Festival jedes Jahr statt, und wenn ja, was könnten die Themen der nächsten Jahre sein? Die thematischen Bezüge dieses Jahres – das Jubiläum der Literaturzeitschrift EDIT und der 20. Jahrestag der Wende – sind ja schwer zu toppen …
Steffen Birnbaum: Wir haben gerade wieder einen Förderantrag gestellt, und kürzlich hat der Leipziger Kulturbürgermeister Michael Faber in einem Interview gesagt, dass zur Stadt Leipzig eigentlich auch ein Leseherbst gehört. Wir sind also guter Hoffnung, dass unser Antrag bewilligt wird. Ein Thema wollen wir noch nicht vorgeben, um uns und die Mitveranstalter nicht von vornherein einzuschränken. Am wichtigsten ist uns die Verbindung der Literatur mit anderen Genres: mit der bildenden Kunst etwa, mit Musik, Theater oder Performance. Aber natürlich könnten auch wichtige Jubiläen thematisiert werden, zum Beispiel der einhundertste Todestag von Mark Twain und Lew Tolstoi oder das Ende des Zweiten Weltkriegs, der 2010 fünfundsechzig Jahre zurückliegen wird.
buchmarkt.de:Was ist Ihr besonderer Tipp unter den fünfundvierzig Veranstaltungen, die in den nächsten zwei Monaten in Leipzig stattfinden?
Steffen Birnbaum: Ich freue mich besonders auf die Eröffnungsveranstaltung der sieben Literaturtage am 19. November im Haus des Buches, bei der Gerhard Zwerenz und Günter Wallraff zu Gast sein werden.
Das komplette Programm des Festivals findet sich unter www.textenet.de.
Interview: Katharina Bendixen