Home > Runde Geburtstage > Jürgen Voigt (70)

Jürgen Voigt (70)

Helga und Jürgen Voigt

Jürgen Voigt wird heute 70 Jahre alt.

Der gebürtige Leipziger hat sich schon vor zehn Jahren für den Ruhestand entschieden, ist aber vielen Buchhändlern in NRW unvergessen als der Verlagsvertreter mit dem Klapprad. Sein „ganz bewusster“ Rückzug ins Privatleben, das zeigt sich jetzt, war „in mehrfacher Hinsicht richtig“: So konnte er sich mit seiner Frau Helga (auch langjährige Verlagsvertreterin) noch einen Lebenstraum erfüllen und noch gemeinsam mit ihr die Welt halb umsegeln. Doch der weitere Traum von einem gemeinsamen Lebensabend blieb auf diese zehn Jahre im Ruhestand begrenzt: Vor wenigen Wochen ist seine Frau und unsere Freundin (hier ein Foto noch aus diesem Jahr, auf dem man ihr ihre schwere Erkrankung nicht ansieht) gestorben.

So fühlt sich der gelernte Groß- und Außenhandelskaufmann noch einmal darin bestätigt, dass die frühe Entscheidung für seinen Rückzug aus dem Berufsleben doppelt richtig war. „Ich höre immer wieder, ihr habt zu einer guten Zeit aufgehört.“

Ich weiß aus vielen Gesprächen mit den beiden, dass sie aber eigentlich die seit ihrem Ausscheiden veränderte Branche meinten. Beide waren sie leidenschaftliche Verlagsvertreter, die ihre Kunden im Handel geliebt haben und engagiert für ihre Verlage unterwegs waren: Aber sie sahen auch, dass es Vertreter ihrer Art künftig immer weniger geben wird.

Jürgen Voigt hat den Wandel des Berufsbildes Verlagsvertreter über 35 Jahre miterlebt: Nach seiner Schulzeit in Münster und seiner Lehre in Düsseldorf war Jürgen Voigt im Außendienst in Hamburg mit Filialaufbau einer Offsetmaschinenfirma betraut, bevor er 1963 zunächst für den Cotta Verlag und später durch Vermittlung von Kurt Lingenbrink für Ensslin reiste.

Akquise war seine Stärke, 1967 übernahm er eine winzige Buchhandlung in Hamburg, für die er dann aber von einem Großteil der Öffentlichen Büchereien Hamburgs neue Aufträge hereinholte, in dem er persönlich dort vorstellig wurde. 1970 kam dann die Gründung einer für damalige Verhältnisse großen Buchhandlung im Stadtteil Bramfeld; nebenher reiste er ab 1974 für Blanvalet in NRW und kam so zu Bertelsmann, als Lothar Blanvalet den Verlag verkaufte. Und wenn wir schon so ausführlich zurückblicken: 1975 heiratete er die Ensslin Vertriebsleiterin Helga Richters, für die er 1976 eine weitere Buchhandlung in HH-Langenhorn gründete, die sie Frau höchst erfolgreich führte.

Doch 1982 sollte die Wochenendbeziehung aufhören; die Buchhandlung wurde verkauft; seine Frau zog zu ihm ins Rheinland und übernahm mit ihm die Verlagsvertretung bei Bertelsmann

Ich habe Jürgen nach ein paar Stichworten gefragt, was ihm im Rückblick durch den Kopf geht:

Hier seine Gedanken, ungekürzt, im O-Ton.

Erfahrungen: Erfolg kommt nur bei intensivem Willen und das Ziel vor Augen zu haben. Um etwas zu erreichen: dafür vollen Einsatz und Risiko zu geben.
Berufliche Beobachtungen: Bei mehr Einkaufsexperimenten und Wagnissen im Einkauf kamen fast immer bessere Umsätze der Sortimenter zustande. Es gab Buchhändler, die sich über zu viel Engagement der Vertreter bei den Verlagen beschwerten. Dann, nach der Remissionsquote befragt, war diese verschwindend gering. Also muss doch Beratung und Einschätzung OK gewesen sei. Fazit: eng mit Vertretern ein Vertrauensverhältnis aufbauen, denn ein guter Vertreter weiss aus der Kenntnis aller Sortimente in der Regel seine Kunden einzuschätzen.
Verlage: Ständiger Vertreterwechsel bei Sortimentskunden steht dem Vorgenannten entgegen. Auch die neue Sparwelle ist sicher keine Lösung der momentanen Probleme. Sie wird sich irgendwann nicht mehr rechnen lassen sowohl bei Handelsvertretern als auch bei Angestellten Vertretern.
Die seit Anfang der neunziger Jahre bei Ketten immer weiteren und besseren Konditionen, wird verstärkt zu weiteren Verlagserpressungen führen. Bestimmen schon heute manche Ketten was der Verlag zu tun hat. Ist das normal?
Anregungen: Auch den Verlagen nützen keine eben vom Studium gekommenen „Greenhorns“ oder besser auf deutsch „Grünschnäbel“, die sich erst bei Mitarbeitern über die Basics der Usancen im Buchhandel informieren lassen.

Wünsche: Unsere Branche war so schön, alle sollten versuchen das Wissen zu erhalten und, moderat modernisiert weiter zu führen.

Lieber Jürgen, Dörthe und ich denken heute an Helga und Dich. Dein C.

Kontakt: j.h.voigt@t-online.de

{Möchten auch Sie jemandem aus Ihrer Buchhandlung/Ihrem Verlag zum „Runden Geburtstag“ gratulieren? Dann mailen Sie uns einen kleinen Text und ein Foto des Jubilars/der Jubilarin: redaktion@buchmarkt.de, Stichwort: Runde Geburtstage

Anzeige

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Anzeige