
Gestern Abend stand der österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard, dessen Todestag sich in diesem Februar zum 20. Mal jährte, im Mittelpunkt der Veranstaltung in der Buchhandlung Dausien in Hanau, die 2009 ihr 60-jähriges Bestehen feiert.
Besonderer Gast war dabei der ausgewiesene Spezialist und langjährige Bernhard-Lektor Raimund Fellinger, gleichzeitig Cheflektor im Suhrkamp Verlag.
Zur Einstimmung wurde Thomas Bernhard in den Monologen auf Mallorca, 1981 von Krista Fleischmann aufgezeichnet, auf der Leinwand lebendig. Er sitzt am Meer, fühlt sich wohl, ist gerade nicht wütend, ist froh, die Sprache nicht zu verstehen und reflektiert seine vom Kulturbetrieb vorgenommene Charakterisierung als „negativer Schriftsteller“ und seine Selbsteinschätzung als „positiver Mensch“.
Wer ist Thomas Bernhard? Diese Frage stellte Raimund Fellinger ins Zentrum seines Versuches coram publico, sich dem Autor und seinen umfangreichen Werken zu nähern.
Antworten gibt es bereits genügend und vielfarbig in der Literaturwissenschaft: ein Erfinder seiner selbst, ein Schriftsteller, der seine Figuren als Sprachrohr nutzt, vielleicht ähnelt er auch einer Matrjoschka, jener russischen Holzpuppe, die immer wieder neue Puppen in sich birgt.
In den 1950er Jahren erschienen erste Gedichte von Thomas Bernhard; „lesen Sie sie nicht, sie sind furchtbar“, kommentierte Raimund Fellinger. Bernhard selbst erkannte das, wendet sich von der Lyrik ab. 1963 erscheint sein erster Roman Frost, damit erhält er die ersehnte Anerkennung.
Einen Schlüssel zum Verständnis bietet eine Äußerung Bernhards in einem Interview von 1970: Man soll sich vorstellen, man ist im Theater, man macht mit der ersten Seite einen Vorhang auf, der Titel erscheint, totale Finsternis – langsam kommen aus dem Hintergrund, aus der Finsternis heraus, Wörter, die langsam zu Vorgängen äußerer und innerer Natur, gerade wegen ihrer Künstlichkeit besonders deutlich zu einer solchen werden. (Thomas Bernhard. Ein Lesebuch, Hrsg. Raimund Fellinger, Suhrkamp 1993)
Doch jeder Versuch, eine eindeutige Stellungnahme Bernhards in seinen Texten zu finden, ist vergeblich. Immer sind es indirekte, verschachtelte Aussagen, nie Fassbares.
Raimund Fellinger erläuterte seine Sichtweise, das Oppositions-Konstruktions- und Oppositions-Destruktionsverfahren. Tätigkeiten werden gegenüber gestellt, die auf den ersten Blick nichts Gemeinsames haben – wie Gehen und Denken.
Zweifellos ist Bernhard ein Wortartist, der Begriffe so lange hin und her wendet, bis sie ihren Inhalt verloren haben. Ein Schriftsteller zwischen Akrobatik und Komik, der nichts und niemanden ernst nimmt. Am ehesten kommt man ihm mit dem Begriff der romantischen Ironie näher. Bernhard ist einer, der dazwischen lebte, zwischen einigen Menschen, die er mag (es sind wenige) und der Einsamkeit. Zwischen seinem Vierkanthof in Obernathal und den Kaffeehäusern von Wien, Gmunden und Salzburg.
Für Bernhard-Einsteiger empfiehlt Raimund Fellinger Wittgensteins Neffe, natürlich weist er auf den in der Buchhandlung Dausien zu subskripierenden Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und Siegfried Unseld, Suhrkamp Verlag, hin, der am 2. Dezember ausgeliefert wird.
Herausgeber Raimund Fellinger sitzt noch am Personenregister, am Montag, 2. November, soll das über 800 Seiten starke Buch, das etwa 500 Briefe beider enthält, in Druck gehen.
JF







