
Thomas Holste war Leiter der IBU und kennt „die technische Seite“ der Branche. Seit 1996 ist er als selbständiger Software-Entwickler tätig und hat in den letzten Jahren nicht nur das Warenwirtschaftssystem Galileo für die Firma Comelivres AG in der Schweiz entwickelt, sondern unter anderem auch die Software BiblosWin+ für das Barsortiment Könemann. Nebenbei betreibt er das Projekt O-Konv, einen kostenlosen Onix-Konverter.
In den Debatten zu Libreka vermisst er den Blick auf Möglichkeiten, Libreka als Informations-Quelle zu nutzen.
buchmarkt.de: Die Branche steht Libreka gespalten gegenüber. Während manche, nicht erst seit dem anonymen Brandbrief, dem Projekt skeptisch gegenüberstehen, halten es andere für einen wichtigen Schritt in die Zukunft der Branche. Was ist es denn für Sie?
Holste: Die momentanen Kontroversen drehen sich ja in erster Linie um den E-Book-Markt und die Rolle, die Libreka darin spielt, die ursprüngliche Volltext-Suche scheint mir da ein wenig in Vergessenheit geraten zu sein.
Lässt man jedoch die aktuellen Kontroversen beiseite und geht ausnahmsweise wieder einen Schritt zurück, so ist Libreka zunächst eines: Eine Sammlung weiterreichender Informationen, welche in klassischen Bibliographien auf CD-ROM oder DVD wie dem VLB keinen Platz finden.
buchmarkt.de: Inwiefern?
Holste: Libreka bietet Informationen, welche die bisherige Bibliographie ergänzen können. Sie finden hier nicht nur Cover-Abbildungen, sondern oft auch das Inhaltsverzeichnis oder Leseproben, die einen genaueren Blick auf einen Titel ermöglichen sowie weitere Texte.
buchmarkt.de: Aber das bieten inzwischen doch viele Bibliographien. Und Libreka umfasst noch immer nur eine geringe Titelanzahl.
Holste: Sicher, doch wächst zum einen die Titelanzahl ständig, wenn auch nicht mit der Geschwindigkeit, die sich Betreiber und Nutzer wünschen. Wichtiger jedoch ist, dass Libreka eine barsortimentsunabhängige Datenquelle darstellt. Ich spreche hier bewusst nicht von einer Bibliographie, sondern von Daten, die bisherige Bibliographien ergänzen können.
buchmarkt.de: Bei der Beratung der Kunden müssen unterschiedliche Bedürfnisse bedient werden. Mal wird nach einem Schlagwort gesucht, Romanen, die in Paris spielen etwa oder in denen ein Hund vorkommt. Bei einer solchen Suche ist eine Volltextsuche natürlich sinnvoll. In den meisten Fällen aber würde eine Volltextsuche viel zu viel Material liefern. Übersichtlichkeit würde völlig auf der Strecke bleiben.
Holste: Auch bei der Suche nach Romanen, die in Paris spielen, liefert eine Volltextsuche zu viele und zu ungenaue Treffer, als dass man damit ernsthaft arbeiten kann. Interessant wird, um bei Ihrem Beispiel zu bleiben, die Volltextsuche dann, wenn ich ein Buch über Paris suche, in dem die Rue Edmond Roger vorkommt, wenn ich also eine sehr enge Auswahl treffen möchte. Eine Suche nach einfachen Schlag- oder Stichworten ist mittels konventioneller Bibliographien, seien es das VLB oder die Barsortiments-Kataloge, in der Regel wesentlich effizienter und einfacher zu bewerkstelligen.
buchmarkt.de: Sie regen an, „das Beste aus dem VLB und aus Libreka“ miteinander zu kombinieren. Wie soll das aussehen?
Holste: Nun, wir haben die bisherigen Bibliographien, die eine Vielzahl von Daten für die tägliche Arbeit bereitstellen, die Libreka nicht bietet. Informationen zu Auslieferung etwa oder über welches Barsortiment ein Titel bezogen werden kann. Libreka dagegen bietet, wie bereits erwähnt, weitergehende Informationen, welche im Zweifelsfall die Entscheidung für den einen oder den anderen Titel erleichtern.
Ein Zugriff auf Libreka ist grundsätzlich über jedes Programm möglich, das in der Lage ist, einen Internet-Browser mit einer entsprechenden URL zu starten. Auf diese Weise haben wir seit Sommer 2008 den Zugriff verwirklicht und ungefähr 150 Nutzer unserer Software damit ausgestattet.
buchmarkt.de: Aber bietet VLB online denn nicht längst schon eine solche Verknüpfung?
Holste: Sicher, aber diese browser-basierte Bibliographie ist für Sortimente, die – einmal weit gefasst – lokal installierte Software nutzen, sei es eines der weit verbreiteten Basis-Programme mit eigener Bestell- und Kundenverwaltung bis hin zu komplexen Warenwirtschaftssystemen, nicht ausreichend integrierbar.
buchmarkt.de: Inwiefern ist das für manche Sortimente nicht ausreichend?
Holste: Gerade in Warenwirtschaftssystemen ist eine engere Verzahnung zwischen Bibliographie und WWS-Modulen notwendig. Hier müssen bibliographische Daten mit betriebswirtschaftlichen Daten gemischt werden, so dass die Bibliographie dem Anwender bereits Informationen wie z. B. Verkaufszahlen oder auch bereits erfolgte Bestell-Vorgänge bietet. Hinzu kommen weitere Aufgaben: Die Synchronisation von Daten, beispielsweise die Aktualisierung von Titeldaten im Lagerstamm. Denken Sie hier an die Warengruppen oder auch Preisänderungen. Diese sind mit einer klassischen CD-ROM-/DVD-basierten Bibliographie-Datenbank, im Normalfall auf die Festplatte eines PC kopiert, wesentlich schneller zu bewerkstelligen.
buchmarkt.de: Das heißt, der Buchhändler hat in einer Software dann Warenwirtschaft, Bibliographie und Volltextsuche zur Verfügung?
Holste: Genau. Eine PC-basierte Bibliographie wie BibWin bietet nicht nur Zugriff auf lokale Datenquellen auf der Festplatte, sondern auch auf die verschiedensten Online-Datenbanken. Aufgrund seiner Struktur und seiner zahlreichen Schnittstellen ist es jedoch wesentlich besser in vorhandene Anwendungen integrierbar. Das gleiche gilt natürlich für WWS-eigene Bibliographien anderer Entwickler. Die Verbindung von PC-basierter Branchensoftware mit Internet-Diensten erleichtert die Integration dieser neuen Techniken in den buchhändlerischen Alltag und vereinfacht die Anwendung.
Ich möchte vor allem eines zeigen: Es gibt hier eine Nutzungsmöglichkeit, die meiner Ansicht nach zu wenig beachtet wird, noch nicht flächendeckend verbreitet ist und die dem Sortiment einen direkten Nutzen bringen kann.
buchmarkt.de: Sie selbst haben das in der Schweiz verwirklicht? In Deutschland gibt es auch Ansätze. Wie sind die Erfahrungen bisher?
Holste: Ich selbst habe das in „Galileo“ verwirklicht. Peter Moser, der Entwickler von „BibWin“, der weit verbreiteten Bibliographie-Software, die von verschiedenen Software-Anbietern empfohlen und eingesetzt wird hat den Zugriff auf Libreka ebenfalls implementiert. Die ersten Resonanzen waren sowohl bei ihm als auch bei mir positiv. Ich denke, mit der Verbreitung dieser neuen Version wird die Nutzung entsprechend steigen, zumal der Zugriff ja kostenlos ist. Somit wird der Zugriff über BibWin, welchen wir noch über eine Schnittstelle selbst realisierten, als Standard enthalten sein. Aufgrund der bereits erwähnten weiten Verbreitung dieses Programms könnte dies einem weiten Kreis von Anwendern den Nutzen von Libreka als Informations-Quelle zeigen.
buchmarkt.de: All das bedeutet, dass Sie Potenzial für den Handel in Libreka sehen – allerdings eher in der Volltextsuche. Wie schätzen Sie das Potenzial der Plattform als E-Commerce-Plattform ein?
Holste: Ich glaube nicht, dass es einen weiteren Auguren braucht, der versucht, den Erfolg von Libreka als E-Commerce-Plattform vorauszusagen, dazu spielen zu viele Faktoren eine Rolle, so dass eine verlässliche Aussage unmöglich ist.
Für wichtig erachte ich aber vor allem, dass dem Sortiment alle Möglichkeiten gegeben werden, an diesem Markt, wie immer er sich auch entwickeln mag, teilzunehmen.
buchmarkt.de: Und wie kann der Handel hier teilnehmen? Mal angenommen, eine größere Menge an Händlern registriert sich. Ist das für den Endkunden nicht nervig und wenig nachvollziehbar, wenn er statt mit einem Klick bestellen zu können, erst einen Händler wählen muss?
Holste: Dies wird auf Dauer sicherlich nicht zum gewünschten Erfolg führen. Ich gehe davon aus, dass nur der Teil des Sortiments im E-Book-Geschäft erfolgreich mitmischen wird, der über den entsprechenden Internet-Auftritt verfügt, um sich seinen Kunden gegenüber nicht nur als geeigneter E-Book-Verkäufer mit der entsprechenden Download-Infrastruktur zu präsentieren, sondern auch als kompetenter Ansprechpartner in allen andern buchhändlerischen Dingen.
Auf dieses Sonntagsgespräch hat e-Buch-Sprecher Lorenz Borsche geantwortet. Lesen Sie seinen Zwischenruf hier: [mehr…] und Holstes Antwort hier: [mehr…].
Auch Klaus Wrede hat sich eingeschaltet: [mehr…]