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20. Arno Schmidt-Tag in Frankfurt

Bernd Rauschenbach, Joachim Kersten,
Jan Philipp Reemtsma (v.l.)

Seit 20 Jahren gibt es jedes Frühjahr den Arno Schmidt-Tag im Literaturhaus Frankfurt.
Literaturhaus-Chefin Maria Gazzetti freute sich, gestern Abend im vollen Lesesaal Bernd Rauschenbach, Joachim Kersten und Jan Philipp Reemtsma begrüßen zu können und wies darauf hin, dass es unter den Zuhörern Menschen gibt, die diese außergewöhnliche Veranstaltung seit 20 Jahren besuchen.

An diesem Abend stand der 1960 von Arno Schmidt für den Rundfunk verfasste Dialog über Charles Dickens im Mittelpunkt. Bernd Rauschenbach übernahm dabei die Rolle des kenntnisreichen und scharf urteilenden Autors, Jan Philipp Reemtsma die des Dialogpartners mit Zweifeln und Einwänden und Joachim Kersten las passende Texte von Dickens.

Charles Dickens starb am 9. Juni 1870 an einem zweiten Schlaganfall. Wer war dieser englische Erzähler? „Lassen sie uns die Spiegel doch etwas schärfer einstellen“, forderte Bernd Rauschenbach respektive Arno Schmidt zu Beginn und beleuchtete zunächst die Kindheit und Jugend des aus ärmlichen Verhältnissen stammenden, am 7. Februar 1812 geborenen Dickens. Er musste für den Unterhalt der Familie sorgen, an den Besuch einer Schule war bis zur Entlassung des Vaters aus dem Schuldgefängnis nicht zu denken. Nur die Hoffnung auf Lernmöglichkeit und die Eigenschaft, putzig lesen zu können, hielten den jungen Dickens am Leben.

Der Vater erbte und ermöglichte damit seinem Sohn Charles wieder den Schulbesuch. Ohne ein nennenswertes Verhältnis zur Wissenschaft wurde er Lehrling und Schreiber bei einem Rechtsanwalt und entwickelte ein profundes Misstrauen gegen Justiz und Staat. Dennoch arbeitete er mit herausragenden Stenografiekenntnissen als Parlamentsberichterstatter. Stenografie sei so schwierig, wie sechs Sprachen zu lernen, sagte er. Ab 1831 schrieb er für Zeitungen, wurde mit den Pickwick Papers bekannt; während die erste Auflage aus 400 Heften bestand, erlebte die letzte 40.000 Exemplare. Allerdings, so stellte Arno Schmidt fest, sei die liederliche Figurensammlung in Pickwick eine Beleidigung für den Leser. Außerdem verklärte er die viktorianische Welt in seinen ersten Romanen; jeder neue Dickens-Band brachte den Bettlern mehr Almosen, wie der bekannte Oliver Twist, dessen beste deutsche Übersetzung von Gustav Meyrink stammt. – Übrigens wurde die lange nicht mehr lieferbare, 1909 bei Langen, München erschienene Twist-Übersetzung wieder aufgelegt – ein Verdienst der Arno Schmidt-Stiftung, fügte Bernd Rauschenbach außerhalb des Dialogs hinzu.

Auch der 1840 erschienene Raritätenladen erhält von Arno Schmidt nur ein Beinahe-Lob.

Der durch seine Bücher vermögend gewordene Charles Dickens begibt sich auf Reisen, führt ein rasendes Leben nach der Formel working and walking. Sein Amerika-Besuch enttäuscht ihn, entsprechend beschreibt er das Land und erntete daraufhin hämische, ja feindliche Rezensionen.

Ist nicht David Copperfield Dickens bestes Buch? Für solch ein Urteil muss man schon ein ziemlich unwissender Leser sein, befindet Arno Schmidt. Das Meisterwerk des englischen Autors ist Bleak House, hier finden sich beispielsweise 57 Hauptgestalten, die alle wichtig und sinnvoll sind, die Realität wird härter und schonungsloser geschildert.

Doch Dickens verdiente in seinen letzten Jahren wesentlich mehr mit seinen spektakulären Lesungen. Dabei trägt er mit Inbrunst Mord-Szenen vor. Kein Wunder; sein Hauptthema – so Arno Schmidt – sei das erfolgreiche Verbergen von Verbrechen.

Ein vergnüglicher Abend, der nicht nur einen anderen Akzent auf das Werk Charles Dickens’ setzte, sondern gleichzeitig Einblicke in das scharfe Urteilsvermögen Arno Schmidts lieferte.

JF

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