Die Jury der KrimiWelt-Bestenliste von Welt, Arte und Nordwestradio hat die folgenden Kriminalromane für den Monat März 2010 ausgewählt – und der Jury Vorsitzende Tobias Gohlis kommentiert die Ergebnisse:
„Zu den Schwergewichten und Monumentalbrocken der KrimiWelt-Bestenliste für den Februar kommen jetzt die ersten und besten der Frühjahrsproduktion in der KrimiWelt-Bestenliste März 2010 hinzu.
Ganz neu und gleich auf Platz Eins malt Roger Smith in seinem zweiten Roman aus Kapstadt in fetten, bluttriefenden Pinselstrichen ein Blutiges Erwachen. Das Gegenprogramm zur WM!
Nicht nur mit dem Thriller aus Südafrika, sondern mit fast allen anderen Neuzugängen befinden wir uns im nicht-europäischen Raum:
Carol O`Connell, geb. 1947, war schon einmal mit einer Reihe von Titeln in den neunziger Jahren auf dem deutschen Markt – dieser ist ein tolles Comeback zu wünschen. In Such mich! ist diese kluge Autorin neu zu entdecken. Der Roman, eine Hommage an die Route 66, führt an den Beginn von Mallorys Biografie als Findelkind verlorener Eltern. Im Sommer 2010 wird mit Ein Ort zum Sterben der erste Band der außergewöhnlichen Mallory-Serie wieder aufgelegt. (Platz 6)
Aus Argentinien und der dortigen, von Borges und Bioy Casares geprägten sprach-philosophischen Krimitradition kommt Pablo de Santis mit dem Meisterstück
Das Rätsel von Paris DIE ZWÖLF (weltbesten) DETEKTIVE versammeln sich 1889 zur Weltausstellung in Paris, um die Kunst der Detektion vorzuführen. Eingewoben in allerhand Fallgeschichten erörtern die Genies und ihre ebenfalls versammelten Adlaten die philosophischen Grundfragen des Gewerbes. Irritiert wird der Konvent durch die Abwesenheit des argentinischen Repräsentanten, der des Mordes angeklagt ist, und durch den Mord an ihrem Pariser Kollegen, der vom unfertigen Eiffelturm fällt. Mordkunst als Wortkunst! (Platz 7)
Auf Platz 8 finden sie den Roman eines aus Ghana stammenden, heute in Kalifornien lebenden Autors. Kwei Quartey führt seinen Detective Inspector Darko Dawson in seinem Debütroman Trokosi mitten hinein in den Konflikt zwischen traditioneller Spiritualität und modern wissenschaftlichem Denken. Beachtenswert als neue afro-amerikanische Literaturstimme! (Platz 8)
Kommissar und Psychiater – für Paulus Hochgatterer sind diese beiden Rollenmodelle der Menschenerkenntnis Erzählfutter für sein großes Thema: die Unmöglichkeit der Menschenerkenntnis. Bei Hochgatterer verstehen auch die, deren Profession das eigentlich sein sollte, nichts mehr. Gewalt gegen Kinder und Missbrauch sind unspektakulär und eindringlich erschütternd zugleich behandelt. Das Matratzenhaus finden Sie auf Platz 9.
Vielleicht hat der 1970 geborene, seit Jahren in Ungarn lebende US-Amerikaner Olen Steinhauer einen neuen Terminus für den zeitgenössischen Geheimagenten gefunden. Aus dem „Mann, der aus der Kälte kam“ ist Der Tourist geworden. Äußerst verwickelt ist die Geschichte von Milo Weaver, dem Geheimagenten, der sich im Wirrwarr nach 9/11 seinen Weg sucht. Motto der Touristen ist: Überleben ist alles. (Platz 10)
1. (-) Roger Smith: Blutiges Erwachen. Tropen bei Klett-Cotta
Kapstadt: Am Strand schnitzt ein Serienkiller an Blondinen. Zwei Tik-Junkies überfallen Waffenhändler Joe. Roxy durchlöchert Joe. Ex-Bulle Billy hat Schuldgefühle. Gangster Piper will schlitzen, was sich regt, und seinen Lover lebenslang. Kapstadt als Rassenkampf-Gierstadt: Smith splattert, trasht und junkt, dass es kracht.
2. (1) James Ellroy: Blut will fließen. Ullstein
Los Angeles/Las Vegas/Washington: Drei Männer auf der Jagd nach der Beute aus einem Raubüberfall. Zwei rote Göttinnen. Dazu Kokser, Rassisten, FBI, Hetzjagden, Counterinsurgence. Ellroys Abschluss der US-Unterwelt-Trilogie: Monumental-Cluster alles Bösen der Jahre 68-72. Inkommensurabel, grandios gehämmert.
3. (2) Jo Nesbø: Leopard. Ullstein
Oslo/Kigali/Sydney/Hongkong: Harry Hole bleibt nicht trocken. Im Wettkampf mit einem Büro-Karrieristen jagt er, ob nüchtern oder voll, mit begnadeter Intuition einen Mörder, der ihn als ebenbürtigen Gegner erkannt hat. Norweger Nesbø in Schwede Mankells Spuren: schneller, schlaksiger, internationaler.
4. (8) Angelo Petrella: Nazi Paradise. Pulp Master
Neapel: Der namenlose Ich-Erzähler und Abonnent von „Skin-News“ hat Pech. Beim Verdreschen des Negers, der eine Kameradin gebumst hat, fällt er den Bullen in die Hände. Für sie muss er den PC eines Villenbesitzers auf Capri cracken. Sonst gibt es Knast. Überraschende Memoiren eines Neofaschisten: Fix und dreckig.
5. (10) Wolfgang Schorlau: Das München-Komplott. Kiepenheuer&Witsch
München/Berlin: Was reitet das BKA? Georg Dengler wird von seinem früheren Dienstherrn beauftragt, den Anschlag von München 1980 zu untersuchen. Dengler ist Spielball einer Intrige höchster Kreise. Und stochert als detektivische Sonde im Urschlamm des europäischen Rechtsextremismus. Hart am politischen Wind.
6. (-) Carol O’Connell: Such mich! btb
USA, Route 66: Detective Mallory, Soziopathin, kein Vorname, rollt die Mother Route lang. Voraus ein Serienkiller, der die Strecke mit Gräbern spickt. Mit ihr eine Elternkavalkade. Schilder: Wo sind unsere Kinder? Ein Rolling Stone unter den Krimis! Comeback einer phantastischen Autorin. On the Road again.
7. (-) Pablo de Santis: Das Rätsel von Paris. Metro im Unionsverlag
Buenos Aires/Paris: Zur Weltausstellung 1889 versammeln sich DIE ZWÖLF (weltbesten) DETEKTIVE zur Detektions-Demonstration. Dabei: ihre „Adlaten“. Drei Morde fordern die Genies heraus. Intellektuell funkelnd melancholischer Abgesang auf den Detektiv, Schlüsselfigur des 19. Jahrhunderts. Mords Wortkunst.
8. (-) Kwei Quartey: Trokosi. Lübbe
Ketanu, Ghana: Eine junge Anti-AIDS-Aktivistin liegt erdrosselt im Wald. Aus der Hauptstadt kommt Detective Inspector Darko Dawson in sein Herkunftsdorf. Wütend sucht er Wahrheit, eingeklemmt zwischen traditionell lokaler Spiritualität und modern wissenschaftlichem Denken. Schwarzafrika kommt zu Wort.
9. (-) Paulus Hochgatterer: Das Matratzenhaus. Deuticke
Furth am See: Unmerklich wie im wirklichen Leben sickert das Verbrechen ins Bewusstsein derer, die es erkennen müssten. Psychiater Raffael Horn und Kommissar Kovacs zweifeln: an sich selbst, an den Methoden ihrer Profession. Gewalt gegen Kinder, Missbrauch – bei Hochgatterer eindringlich entspektakulisiert.
10. (-) Olen Steinhauer: Der Tourist. Heyne
New York/Paris/Venedig: Das sind nur einige der Orte, an denen der „Tourist“ Milo Weaver arbeitet. Der CIA-Spezialist für nasse Jobs ist in der Bredouille. Er soll die Kollegin vergiftet haben, der er zur Hilfe geschickt wurde. Ultrakomplexe Geheimdienststory der Post-9/11-Ära. Abgebrüht.
Die Jury:
Tobias Gohlis, Zeit-Kolumnist, Moderator und Sprecher der Jury der Krimiwelt, Mitglied der Jury des Deutschen KrimiPreises; Volker Albers , Hamburger Abendblatt, Herausgeber „Kaliber .64“, Mitglied der Jury des Deutschen KrimiPreises; Andreas Ammer, „Druckfrisch“, DLF, BR,, Mitglied der Jury des Deutschen KrimiPreises; Sven Boedecker, Sonntagszeitung Zürich; Kathrin Fischer, Hessischer Rundfunk; Fritz Göttler, Süddeutsche Zeitung; Michaela Grom, SWR; Lore Kleinert, Radio Bremen, Jury Bremer Krimipreis; Thomas Klingenmaier, Stuttgarter Zeitung; Ekkehard Knörer, Perlentaucher, Crime Corner, Mitglied der Jury des Deutschen KrimiPreises; Kolja Mensing, Tagesspiegel; Ulrich Noller, Deutsche Welle, WDR, Mitglied der Jury des Deutschen KrimiPreises; Jan Christian Schmidt, www.Kaliber 38.de, Mitglied der Jury des Deutschen KrimiPreises; Jochen Schmidt, elder critic; Margarete v. Schwarzkopf, NDR; Ingeborg Sperl, Der Standard; Sylvia Staude, Frankfurter Rundschau, Mitglied der Jury des Deutschen KrimiPreises; Hendrik Werner, Die Welt; Thomas Wörtche, Titel-Magazin, Mitglied der Jury des Deutschen KrimiPreises
Die KrimiWelt-Bestenliste wird gleichzeitig in der „Literarischen Welt“, in den Literatursendungen des NordwestRadios und im Internet unter www.arte.tv/krimiwelt vorgestellt.