Kaum eine Institution dient so vielen Menschen zur Orientierung bei neuen Produkten und Services wie die Stiftung Warentest. Umso erfreulicher, dass man auch hier nun „bemerkt“ hat, dass Hörbuch-Downloads mittlerweile eine gewichtige Rolle im Downloadmarkt spielen: Erstmals wurden im aktuellen Heft in einem Test – neben neun Anbietern von Musik-Downloads – auch drei reine Hörbuch-Downloadportale berücksichtigt.
Bewertet wurden die Anbieter Audible.de, Claudio.de und Soforthoeren.de – alle mit dem überraschenden, weil doch einigermaßen enttäuschenden Gesamtergebnis „befriedigend“. Audible.de bekommt „eigentlich“ die Note 2,7, wird jedoch wegen „deutlicher AGB-Mängel“ auf 3,2 abgewertet. Gleichauf liegt Claudio.de mit ebenfalls Note 3,2, aber geringen Mängeln in den Geschäftsbedingungen. Ebenso kundenfreundlich in Sachen AGB ist Soforthoeren.de, landet jedoch wegen „dürftigen“ Angebots mit einer Note von 3,7 auf dem letzten Platz.
Offiziell untersuchten die Tester u.a. den Ablauf des Einkaufs – beispielsweise ob ein komfortabler und problemloser Download möglich ist – sowie die Handhabung der Webseite und den Umgang der Anbieter mit Kundendaten. Außerdem erfolgte ein Angebots-Check: „Anhand von Expertenmeinungen und Charts-Platzierungen wählte TEST insgesamt 200 Alben aus, die auf ihre Verfügbarkeit hin überprüft wurden“, heißt es in der Pressemitteilung von Stiftung Warentest.
Die von TEST kritisierten Mängel wollen die Hörbuchportale nun schnell abstellen. So arbeitet Audible bereits an einer Überarbeitung der AGB-Formulierungen, die als missverständlich oder potenziell für den Kunden nachteilig bemängelt wurden. „Allerdings sind wir schon ein bisschen enttäuscht, dass unser Vorsprung im Test wegen eines formalen Kriteriums, nämlich wegen einzelner Formulierungen in unseren AGB, im Ergebnis verwischt ist“, gibt Audible-Geschäftsführer Nils Rauterberg zu. Außerdem werde man versuchen, die Nutzung des Angebotes noch komfortabler für die User zu gestalten und auch die Download-Geschwindigkeit zu verbessern – was allerdings auch von der Internet-Anbindung der Kunden abhänge.
„Dass Audible den ersten Platz belegt, ist gerechtfertigt, denn die Seiten dort sind modern und stimmig“, erkennt Harald Rieck von Soforthoeren.de an. „Wir selbst sehen an unseren Seiten großen Innovationsbedarf und sind schon daran, wichtige Neuerungen zu programmieren.“ Und Balazs Csonka von Claudio.de sagt für sein Team: „Wir sind uns der gerade mal befriedigenden Suche und Darstellung der Suchergebnisse bewusst und arbeiten daran, das besser und schneller zu machen.“ Auch bei den AGBs gebe es Verbesserungsmöglichkeiten: „Hier warten wir noch auf das genauere Feedback von Stiftung Warentest. Wir sind in allen Punkten im Gespräch und wollen gerne die Seite im Sinne unserer Kunden besser machen.“
TEST-Noten zwischen 3,2 und 3,7 – insgesamt kein Ruhmesblatt für Deutschlands führende Hörbuch-Downloadportale. Doch: Ein Test ist nur so gut wie seine Kriterien, die dafür aufgestellt wurden. Gerade hier zeigt sich bei dem Vergleich von Stiftung Warentest eine gewisse Intransparenz: „Die Kriterien wären wirklich interessant, denn privat bin ich auch Kunde bei Napster und finde dort alles ziemlich gut“, sagt Balazs Csonka und gibt dem Portal die persönliche Note 1,7 – im Gegensatz zu Stiftung Warentest, wo Napster mit Note 4,5 auf dem achten und damit vorletzten Platz landet.
Laut Nils Rauterberg sei Audible informiert worden: „Nachdem der eigentliche Test bereits durchgeführt wurde, hat uns die Stiftung Warentest zu einem Termin eingeladen, bei dem die Vorgehensweise vorgestellt wurde. Wir konnten dabei Anregungen zur inhaltlichen Aufbereitung des Themas sowie zur Gewichtung der verschiedenen Einzelfaktoren einbringen – wurden aber nicht über die Ergebnisse informiert.“
Branchenkenner bemerken in den jetzt veröffentlichten Testergebnissen eine offensichtliche Unkenntnis der Tester in Bezug auf den Hörbuchmarkt im Allgemeinen und den Hörbuch-Downloadmarkt im Speziellen. Denn aufgrund der Vermischung mit dem eigentlichen Haupt-Test von Musikportalen ergeben sich automatisch Konzeptprobleme: „Ein Großteil der Hörbuch-Download-Käufer hat zuvor noch keine einzige Hörbuch-CD gekauft. Viele Menschen entdecken erst durch das Internet und durch das Download-Angebot das Medium Hörbuch für sich“, erklärt Nils Rauterberg. „Zudem ist bekannt, dass sich die Anforderungen von Download- und CD-Käufern im Hörbuchmarkt, anders als im Musikmarkt, signifikant unterscheiden – zum Beispiel bei ungekürzten Hörbüchern. Daher hätten eventuell andere Kriterien noch aussagekräftigere Ergebnisse gebracht.“
Rauterbergs Kritik – wie auch seiner Kollegen der anderen getesteten Hörbuchportale – richtet sich auch gegen die Bewertung des Inhalte-Angebots, „die in dem Test einfach über die Abdeckung der Media-Control-Charts erfolgte“. Die allgemeine Vielfalt, die auch den Hörbuchmarkt an sich abbilden sollte, blieb unberücksichtigt. So traf dieses Test-Kriterium vor allem Soforthoeren.de, das trotz 10.000 deutschsprachiger Hörbuch-Downloads – vergleichbar viele wie bei Audible und Claudio – laut TEST nur ein „dürftiges“ Angebot habe. Der Grund: Bisher akzeptieren große Verlage den Download-Verkauf von Bestseller-Hörbüchern nur mit Kopierschutz (DRM). Diesen gibt es bei Audible bei 100% der angebotenen Titel, bei Claudio wiederum noch bei etwa 12% der Titel.
„Dass Soforthoeren.de mit gut 400 Verlagen mit Abstand die größte Genre-Vielfalt hat, wurde schlicht ignoriert. Bei uns gibt es überhaupt keine Titel mit DRM, deshalb hinken wir naturgemäß beim Bestseller-Angebot hinterher“, erklärt Harald Rieck. Als erstes deutsches Hörbuch-Downloadportal habe man von Beginn an auf das freie MP3-Format mit (verfolgbaren) digitalen Wasserzeichen gesetzt. „Doch DRM verschwindet immer mehr, Random House Audio steigt ab April auch auf MP3 um, und selbst Holtzbrinck nimmt langsam, aber sicher davon Abstand – deshalb wird sich das Bestseller-Angebot schnell bessern. Die Zusage von RHA haben wir jedenfalls.“
„Nutzen, Aufwand und Usability stehen in keinem Verhältnis mehr zueinander“, resümiert Balazs Csonka, der die letzten DRM-Titel am besten so schnell wie möglich „loswerden“ will. Die Gründe, die gegen kopiergeschützte Hörbücher sprechen, sind seiner Meinung nach vielfältig: „Extrem hoher Support-Aufwand, Gängelung des Kunden, erschwerte Durchsetzung eines Produktes in einem noch jungen Markt, unnötige Einschränkung des kaufwilligen Käufers. Deshalb wird es DRM bei uns nicht mehr lange geben – das wird die Usability von Claudio.de deutlich erhöhen. Ansonsten finden wir unser Abschneiden nicht schlecht.“
Erstaunlich findet Harald Rieck: „Dass auch die Stiftung Warentest, wie schon viele Journalisten zuvor, auf die Werbebotschaft von Audible mit Lesezeichen und Einzeltracks hereinfällt und das ‚praktische Dateiformat‘ hervorhebt, das zeigt, wie oberflächlich im Test vorgegangen wurde. Denn jeder Fachhändler weiß, dass moderne und viele günstige MP3-Player eine Resume-Funktion besitzen und dort weitermachen, wo gestoppt wurde. Häufig sind sogar Lesezeichen möglich. Umgekehrt müssen Player Audible-kompatibel sein, um diese Funktionen nutzen zu können. Das ist also kein Argument für einen Test.“
Nicht berücksichtigt habe man im Test auch, dass Kunden von Soforthoeren.de Einzeltracks beziehen können: „Das macht durchaus Sinn, wenn man z.B. nur ein Gedicht benötigt aus einer Sammlung von Hunderten“, erklärt Harald Rieck, „vorausgesetzt natürlich, dass der Verlag ein Gedicht auch einzeln anbietet.“
Unterdessen nutzt Audible die Aufmerksamkeit des TEST-Vergleichs schon für eine clevere Neukunden-Aktion: Unter http://www.audible.de/test kann jeder, der sich der Stiftung Warentest anschließen und das Portal testen möchte, den Hörbuch-Bestseller „Der Fotograf“ von Thriller-Autor John Katzenbach gratis herunterladen (Gutscheincode RKQ8ADTD). Nils Rauterberg erklärt das Ziel: „Alle Teilnehmer, die uns das Ergebnis ihres eigenen Tests zurückspielen wollen, erhalten 14 Tage nach Ablauf der Aktion eine Einladung zu einer kurzen Online-Befragung von uns zugesandt.“
rw