
Maike Albath (v.l.)
Zwei spannende Geschichtsstunden gestern Abend in Berlin. Die Moderatorin und Literaturkritikerin Maike Albath stellte ihr Buch Der Geist von Turin. Pavese, Ginzburg, Einaudi und die Wiedergeburt Italiens nach 1943 (Berenberg Verlag) gemeinsam mit Hanser Verleger Michael Krüger und dem Historiker Carlo Ginzburg im Literaturhaus vor.
Der 1939 geborene Sohn von Natalia Ginzburg und Leone Ginzburg war eigens aus Italien angereist. Sein Vater war Mitbegründer des Verlags Einaudi und wurde 1944 in einem römischen Gefängnis von den Nazis zu Tode gefoltert.
Der große Saal war schnell bis auf den letzten Platz besetzt und so wurde die Veranstaltung zusätzlich auf eine Leinwand im kleinen Saal übertragen. Ernest Wichner, der Leiter des Literaturhauses, konnte mehr als 200 Besucher begrüßen.
Angelo Bolaffi, der Direktor des Italienischen Kulturinstituts, der durch den kurzweiligen Abend führte, lobte das Buch nicht nur wegen seines Inhalts, auch wegen seiner Ausstattung. Auf dem Cover sieht man Cesare Pavese und Leone Ginzburg im Frühjahr 1932 nebeneinander auf einer kleinen Mauer sitzen. Mitten im Faschismus entschieden sie sich für die Arbeit mit Büchern und gründeten 1933 gemeinsam mit ihrem Schulkameraden Guilio Einaudi einen Verlag, dessen Geist nach 1945 das Klima intellektueller Freiheit über Jahrzehnte prägte. Heute gehört Einaudi zu Mondadori und damit zum Medienimperium Berlusconis.
Bei Maike Albath, einer profilierten Kennerin der italienischen Literatur, erfährt man, wie der Verlag entstand, wie er sich entwickelte und die literarische, intellektuelle und politische Kultur prägte Das alles erzählt sie in dem Buch anhand der wechselhaften Biografien der jungen Gründer. Daraus ergibt sich auch ein Bild der italienischen Geschichte.
Er habe das blendend geschriebene Buch mit Wehmut gelesen, sagte Michael Krüger, weil viele der Intellektuellen inzwischen gestorben seien und weil es das „Europa der Fülle“ nicht mehr gebe. Carlo Ginzburg betonte die Bedeutung der Bildung – auch als Lebenselixier der Demokratie.
Maike Albath will mit ihrem Buch an das andere, leise Italien erinnern, das im TV-Lärm des Berlusconi-Zeitalters unterzugehen droht. Am Ende der Diskussion über Arbeiterbewegung, Faschismus und Verbannung, über gesellschaftspolitisches Engagement, über die Rolle der Intellektuellen und den Untergang der italienischen Linken war Eins klar: Ganz ist der einstige Geist noch nicht verflogen.
Und es gab genügend Gesprächsstoff für den anschließenden Empfang im Berenberg Verlag. Bravissimo war eine Vokabel, die man an diesem Abend besonders oft hörte. Das galt der Diskussion und vor allem dem Buch von Maike Albath. „Lesen sie dieses herrliche Buch!“, hatte Michael Krüger dem Publikum zum Abschluss zugerufen.
Wer in Berlin nicht dabei sein konnte, heute Abend stellt Maike Albath „Der Geist von Turin“ im Frankfurter Literaturhaus vor. Carlo Ginzburg wird auch wieder dabei sein.
ML