
Gestern Abend fand in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt am Main der offizielle Auftakt des Lesemarathons, in dessen Mittelpunkt Valentin Sengers Buch Kaiserhofstraße 12 steht, statt [mehr…], [mehr…]
Unter dem Motto Noch vieles wäre aus unserer Straße zu berichten … eröffnete der Jazzmusiker und Freund Valentin Sengers, Emil Mangelsdorff, musikalisch das Programm.
Dr. Elisabeth Niggemann, Generaldirektorin der Deutschen Nationalbibliothek, betonte, dass die Kaiserhofstraße 12 ein Glücksfall für die erste Aktion Frankfurt liest ein Buch ist. Bereits kurz nach bekannt werden der Auftaktveranstaltung war diese ausgebucht, viele Gäste, die im Saal keinen Platz mehr gefunden haben, lauschten den Vorträgen im Foyer und in der Cafeteria.
Die Verbindung von Altem und Neuem im Buch und in der Aktion unterstrich Bürgermeisterin Jutta Ebeling im Grußwort der Stadt. „So eine Veranstaltung hätte dem Vali gut gefallen“, sagte sie.
Kulturdezernent Prof. Dr. Felix Semmelroth hob hervor, dass ein Überleben für jüdische Bürger in der NS-Zeit möglich war, weil andere sich einen letzten Rest Anstand bewahrt hatten.
Verleger und Vorsitzender des extra gegründeten Vereins Frankfurt liest ein Buch, Klaus Schöffling, stellte das umfangreiche Programm vor und würdigte das Buch als „Grundbuch deutscher Geschichte“, als „Literatur, die lehrt, was wir nie wieder vergessen dürfen“.
Über seinen Freund Valentin Senger sprach Prof. Dr. Arno Lustiger: „1997 verlor ich einen Freund, der wie ein älterer Bruder für mich war“, begann er seine Erinnerungen. Er schilderte sein großes Erstaunen beim Erscheinen der Erstausgabe der Kaiserhofstraße 12 1978 und dachte während des Lesens: So ein Lügner, das kann gar nicht wahr sein! Neugierig und empört ging Arno Lustiger zur Buchvorstellung und lernte den Autor kennen. Anschließend wusste er: Kein Wort war gelogen. Beide Schriftsteller wurden Freunde, ergänzten sich in ihren Forschungen über jüdisches Leben in Frankfurt.
Arno Lustiger sprach auch das Thema deutsche Staatsbürgerschaft an, sie war Valentin Senger bis 1981 verwehrt worden – nicht aus religiösen, sondern aus politischen Gründen; seine ehemalige Nähe zur Kommunistischen Partei war den deutschen Behörden nicht geheuer. Später rechnete Valentin Senger, der schon früh Zweifel an der Politik Stalins hatte, mit der KP ab, in seinem Buch Kurzer Frühling, erschienen 1984 im Zürcher Ammann Verlag, kann man das nachlesen.
Mit bedauerndem Augenzwinkern – „die guten Sachen im Leben sind immer zu kurz; Mangelsdorff – zu kurz, Arno Lustiger – zu kurz“ – leitete Klaus Schöffling die Lesung ein. Passagen aus dem Buch trugen Susanne Fröhlich, Schriftstellerin, Michael Herl, Leiter des Stalburg Theaters, Frank Lehmann, Journalist und TV-Moderator, Michael Quast, Schauspieler und Leiter der Fliegenden Volksbühne, Oliver Reese, Intendant Schauspiel Frankfurt, Franziska Reichenbacher, Journalistin und TV-Moderatorin, Rosa Ribas, Schriftstellerin, Jan Seghers, Schriftsteller, und Alissa Walser, Schriftstellerin, vor.
Im Schlusswort, das der Witwe Valentin Sengers, Irmgard Senger, vorbehalten war, erzählte sie, wie es zur Kaiserhofstraße 12 kam und beendete ihre Geschichte im Hinblick auf den Lesemarathon mit den Worten: „Eine schönere Hommage an Valentin Senger kann ich mir nicht vorstellen“.
Zum Schluss der Veranstaltung bat Klaus Schöffling die Mitarbeiter seines Verlags auf die Bühne – auch ihnen gebührt ein großes Dankeschön, die letzten Wochen waren für sie äußerst arbeitsintensiv.
25 Buchhandlungen beteiligen sich am Lesemarathon, einige Veranstaltungen sind jetzt bereits ausgebucht.
Vorab, am 16. April, fand im privaten Literarischen Salon schon eine Premiere im gar nicht so kleinen Kreis mit Irmgard Senger, Klaus Schöffling und Lothar Ruske statt, die Christoph Schröder moderierte. An diesem Abend unterstrich Klaus Schöffling, dass diese erste Aktion Frankfurt liest ein Buch auf einer Privatinitiative beruht. Sie wird von der Stadt unterstützt, konnte jedoch weder Stiftungen noch Banken als Sponsoren gewinnen.
Klaus Schöffling, der es als mittleren Skandal ansah, dass Sengers Buch nicht mehr lieferbar war und dieses Buch auf jeden Fall – mit oder ohne Aktion – neu auflegen wollte, hatte auf dem Weg zu den späteren Kooperationspartnern die typisch Frankfurter Reaktion auf neue Ideen in Sachen Kultur im Kopf, die meist mit „ach, meinste wirklich“ oder „ei geh fort“ beantwortet werden.
Umso erstaunlicher die überaus große positive Resonanz auf dieses Projekt und die jetzige deutschlandweit beispiellose Veranstaltungsdichte.
JF