In der vergangenen Woche hatten wir einen offenen Brief der Autorin Jutta Richter sowie einen der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen auf buchmarkt.de dokumentiert [mehr…]. Beide Briefe wenden sich gegen die Entscheidung der ZEIT, die Kinder- und Jugendbuchseite aus dem Feuilleton auszulagern und in der Nachbarschaft der KinderZEIT zu platzieren. Nun erreichen uns weitere offene Briefe.
Zum einen meldet sich die Internationale Jugendbibliothek in München zu Wort, deren Brief von weiteren Institutionen unterzeichnet wurde: Arbeitsstelle für Leseforschung und Kinder- und Jugendmedien (ALEKI), Bilderbuchmuseum Troisdorf, Institut für Jugendbuchforschung, Goethe-Universität Frankfurt a. M., Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin, LesArt Berlin, Stiftung Illustration. Des weiteren hat der Arbeitskreis für Jugendliteratur einen offenen Brief verfasst.
Hier zunächst der offene Brief der IJB im Wortlaut:
„Offener Brief an DIE ZEIT
vom 19. April 2010
Sehr geehrter Herr Dr. Esser, sehr geehrter Herr di Lorenzo,
sehr geehrter Herr Illies, sehr geehrter Herr Jessen,
in der ZEIT vom 8. April war zu lesen, dass die Kinder- und Jugendbuchseite und mit ihr der renommierte LUCHS nach 25 Jahren das Feuilleton verlassen und in die Nachbarschaft der KinderZEIT ziehen soll. Eine kurze Notiz mit ernüchternder Wirkung für alle, die sich seit Jahren mit Engagement und Überzeugung für gute Kinder- und Jugendliteratur einsetzen, die weiterhin an das Erlebnis Literatur glauben und Kindern auch im digitalen Zeitalter dieses Ereignis nicht vorenthalten wollen.
Eine kurze Notiz auch von großer Tragweite, denn damit spricht die führende deutsche Wochenzeitung der Kinder- und Jugendliteratur ihre Eignung für das Feuilleton ab. Dabei hat gerade die ZEIT mit der Gründung ihrer Kinder- und Jugendbuchseite im Feuilleton und mit dem LUCHS früh gezeigt, dass gute Kinderbücher ebenso wie Bücher für Erwachsene Gegenstand der Literaturkritik sind. Ihre Zeitung hat dazu beigetragen, dass Kinderbücher aus der pädagogischen Enge befreit und als das wahrgenommen werden, was sie an erster Stelle sind: Literatur. Und die gehört ins Feuilleton. Warum jetzt der Rückzug? Ihre Entscheidung ist uns unverständlich.
Erich Kästner sagte 1969 in einer Rede: „Es gibt gute, mittelmäßige und schlechte Bücher. Das gilt für jeden Zweig am Baum der Literatur, und sonst gilt nichts. Daß Kinder kleiner und jünger sind als wir, hat nicht das mindeste mit dem Wert ihrer Bücher zu tun. Die ‚Benotung’ der Literatur nach den Jahrgängen der Leser ist absurd!„ Seither sind mehr als 40 Jahre vergangen, im Literaturbetrieb hat sich viel bewegt. Die didaktische Sichtweise auf Kinder- und Jugendbücher ist aus den Feuilletons weitgehend verschwunden. Daher bedauern wir Ihre Entscheidung sehr und bitten Sie, den Entschluss noch einmal zu überdenken. Wenn die Verschiebung der Kinder- und Jugendliteratur in das Ressort Wissen bedeutet, dass Kinderbücher wieder vornehmlich unter pädagogischen Gesichtspunkten bewertet werden, wäre das für eine Wochenzeitung, die die intellektuelle Meinung in unserem Lande prägt, wirklich – um mit Erich Kästner zu sprechen – absurd.
Mit freundlichen Grüßen
Arbeitsstelle für Leseforschung und Kinder- und Jugendmedien (ALEKI)
Bilderbuchmuseum Troisdorf
Institut für Jugendbuchforschung, Goethe-Universität Frankfurt a. M.
Internationale Jugendbibliothek
Kinder- und Jugendbuchabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin
LesArt Berlin
Stiftung Illustration
i. A. Dr. Christiane Raabe
Direktorin der Internationalen Jugendbibliothek“
Und hier der Brief des AKJ:
„Offener Brief an die ZEIT
Berlin, den 22. April 2010
Sehr geehrter Herr Dr. Esser, sehr geehrter Herr di Lorenzo,
sehr geehrter Herr Illies, sehr geehrter Herr Jessen, sehr geehrte Frau Radisch,
sehr geehrte Frau Dr. Mayer, sehr geehrte Frau Dr. Gaschke,
mit großer Irritation und Bedauern haben wir folgende Meldung in der ZEIT vom 8. April 2010 zur Kenntnis genommen: „Nun zieht die Seite mit dem LUCHS um in die Nachbarschaft der KinderZEIT.“ Leider geben Sie für diesen Umzug keine weitere Begründung. Da Sie diese Meldung aber in den Zusammenhang stellen, dass vor 25 Jahren die Kinder- und Jugendbuchseite im Feuilleton der ZEIT gegründet wurde, ergibt sich für uns die Befürchtung, dass die literarische Kritik der Kinder- und Jugendliteratur im Feuilleton in Zukunft keinen Platz mehr haben wird. Das würde in unseren Augen einen eklatanten Rückschritt bedeuten in unser aller Bemühen, die Kinder- und Jugendliteratur als literarisches Kunstwerk zu begreifen, das nicht von der Entwicklung der Literatur für Erwachsene, die das Feuilleton kritisch begleitet, abgeschnitten werden darf. Die Einführung der Kinder- und Jugendbuchseite mit den Kritiken namhafter Experten nicht irgendwo, sondern im Feuilleton, und die Schaffung des LUCHS waren damals allgemein begrüßte Zeichen in diese Richtung. Es wurde deutlich gemacht, dass Kinderliteratur kein „Kinderkram“ ist.
Der Kinder- und Jugendliteratur hat diese veränderte Einschätzung, die auch in Ihrer Zeitung deutlich wurde, wichtige Impulse gegeben, sich ästhetisch weiter zu entwickeln und heute auf einem Niveau anzukommen, wo sie mit Fug und Recht für sich in Anspruch nehmen kann, auf Augenhöhe mit der Literatur für Erwachsene zu stehen und entsprechend wahrgenommen zu werden. Dafür erscheint uns das Feuilleton der richtige Platz und nicht die KinderZEIT, in der Informationen und Lesetipps gegeben werden, die speziell auf kindliche Leser zugeschnitten sind. Gegen diese ist nichts einzuwenden, aber sie ersetzen keine fundierte Literaturkritik.
Wir halten die angekündigte Veränderung für besonders fatal in einer Zeit, in der einerseits die Lesedidaktik den ästhetischen Wert der Lektüre immer mehr in den Hintergrund drängt, wie sich z.B. bei der Ausbildung in den Hochschulen zeigt. Und in der andererseits renommierte Institutionen wie der Deutsche Literaturfonds mit der in diesem Jahr erstmaligen Verleihung der Kranichsteiner Stipendien für Jugendbuchautoren oder die Robert Bosch Stiftung mit der Übersetzerwerkstatt „Kein Kinderspiel“, die speziell für Kinder- und Jugendbuchübersetzer aus aller Welt im August/September in Hamburg in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis für Jugendliteratur stattfinden wird, weiter entschieden dafür eintreten, der Kinder- und Jugendliteratur ihren Platz auf Augenhöhe mit der Literatur für Erwachsene zu sichern.
Ein weiteres Argument für das Verbleiben im Feuilleton ist die Tatsache, dass die Bücher, wie wir aus Studien der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen (avj) wissen, nicht von der Zielgruppe selbst gekauft werden, sondern von den Erwachsenen. Sie sollten Information darum dort bekommen, wo sie sie für ihre eigene Lektüre suchen.
Als Dachverband der Kinder- und Jugendliteratur und als Ausrichter des Deutschen Jugendliteraturpreises bitten wir Sie, Ihren Entschluss noch einmal zu überdenken und der Kinder- und Jugendliteraturkritik ihren Platz im Feuilleton der ZEIT zu lassen.
Mit freundlichen Grüßen
Regina Pantos
Vorsitzende des Arbeitskreises für Jugendliteratur e.V.“