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1. BuchCamp: Neuer Anfang jenseits verfestigter Strukturen

Mensa: Wer geht zu welcher Session?

Auf dem medicampus frankfurt | die schulen des deutschen buchhandels in Frankfurt-Seckbach fand heute das erste BuchCamp, organisiert vom Forum Zukunft des Börsenvereins, statt. 110 Teilnehmer hatten sich heute Vormittag registriert, das ist mehr als die Zahl der Voranmeldungen.

Das 19-köpfige Organisationsteam bat unter dem Motto „Visionen zulassen – zur Zukunft des Buches“ seit einigen Wochen im Internet um Themenvorschläge, die in 45-minütigen Sessions diskutiert werden sollen. Geplant waren 20 Diskussionsrunden, nach der Begrüßung und Vorstellung wurden 14 konkrete Themen fixiert.

In verschiedenen Räumen auf dem Campus fanden die einzelnen Sessions statt. Keiner konnte also an allen Gesprächsrunden teilnehmen, denn zur gleichen Zeit wurden mehrere Themen behandelt; die Teilnehmer mussten sich entscheiden.

Diskutiert wurden Fragen wie die künftige Entwicklung der Märkte, digitale Geschäftsmodelle, das Manuskript und die Medienrevolution, E-Book Reader und Tablets, die dunkle Seite des Social Web, die Notwendigkeit des Social Web, Informationsüberflutung, Buch X.0, Fragen des Urheberrechts, die Buchpreisbindung nach dem E-Book, das Prinzip Buch, Medienkonvergenz, Erfahrungen mit dem Verkauf, Marketing und Potential von E-Books, Mediennutzungsverhalten.

Dr. Jörg Gerschlauer, Leiter Marketing und Vertrieb der MVB, stellte in seiner Session beispielsweise die Frage, wie Verleger sich im Segment E-Books besser auf dem Markt positionieren können. Diskutiert wurde, ob das direkt oder vorteilhafter über Mittler geschehen sollte. Kann den drei großen Händlern, die heute bereits über einen Marktanteil von über 90 Prozent verfügen, noch etwas entgegen gesetzt werden? Was passiert mit den Preisen und mit den Gewinnen für die Verlage? Bleibt den Verlagen noch Verhandlungsspielraum?

(Digitale) Geschäftsmodelle nahm Ehrhardt Heinold, Unternehmensberater Ges. Heinold, Spiller & Partner, unter die Lupe. Klar wurde, dass sich neue Modelle stark vom Althergebrachten unterscheiden. Zunehmend aufwändiger wird es, die gleiche Wertschöpfung zu erzielen. Ein ständig erweitertes Produktportfolio ist notwendig, die Bedeutung der Aggregatoren wächst. Was passiert aber, wenn diese Aggregatoren global handeln? Wie gefährlich ist das für die Verlage? Sollten sie sich nicht auch organisieren und zusammenschließen?
Das Fazit aus dieser Session heißt: Aus einem Printprodukt ein E-Book zu produzieren ist bei weitem noch kein neues Geschäftsmodell.

Über verweigerte oder immens teure Zugriffsmöglichkeiten auf elektronische Fachpublikationen ärgerte sich die freie Wissenschaftsautorin Andrea Kamphuis. Für sie sei es äußerst schwierig oder kostenintensiv, an Fachzeitschriften heran zu kommen. Wenn es zwischen 30 und 40 Dollar kostet, einen Fachbegriff nachzuschlagen, rentiere sich die Arbeit nicht mehr. Ist Open Access eine Lösung? Christian Sprang, ausgewiesener Experte im Urheberrecht, widersprach. Schließlich stecke in den elektronischen Zeitschriften viel Arbeit, die auch bezahlt werden müsse. Verlage sind Dienstleister, für diese hochspezialisierten Leistungen muss gezahlt werden.
Wäre, so fragt Andrea Kamphuis, eine Organisation der Nutzer solcher wissenschaftlicher Fachinformationen vielleicht eine Lösung? Sie möchte schließlich nichts umsonst haben und würde gern einen Pauschalbetrag pro Jahr entrichten – in angemessener Höhe.

Die Diskussion machte deutlich, dass sich Open Access und Geschäft der Verlage nicht zwingend ausschließen müssen.
Eine dahingehende Änderung des Urheberrechts sieht Christian Sprang als nicht notwendig an.

Viel Erfahrung im Verkauf von E-Books hatte keiner der Teilnehmer an der entsprechenden Diskussionsrunde, die Matthias Heubach, Heubach-Media, moderierte. In dieser Stunde ging es um die diversen E-Book-Portale, die eine unterschiedliche Anzahl von E-Books in unterschiedlichen Formaten anbieten. Daneben gibt es weitere Shops ohne eigenen Content sowie spezialisierte Anbieter. Auch die Frage DRM spielte in dieser Session eine Rolle.
„Als Verlag muss ich dort sein, wo der Kunde schon ist“, postulierte Matthias Heubach. Selbstverständlich sei es zweckmäßig, die ganze Bandbreite der Formate und der Geräte zu bedienen. Das ist allerdings für einen kleinen oder mittleren Verlag viel zu aufwändig. Jens Klingelhöfer, Geschäftsführer des Dienstleisters Bookwire, bot hier seine Hilfe an.

Nach sechs Gesprächsstunden traf man sich gegen 17 Uhr gemeinsam in der Mensa zum Abschluss des ersten BuchCamps.

Miriam Hofheinz zog eine erste Bilanz. Im Mittelpunkt des ersten Barcamps, einer partizipativen Unkonferenz also, stand die Frage: Sind wir gut aufgestellt, wenn branchenfremde Firmen auf unseren Markt drängen?
Etwa die Hälfte aller Sessions des BuchCamps beschäftigte sich mit dem E-Book und steht damit in keinem Verhältnis zu den Verkaufszahlen; der Anteil verkaufter elektronischer Bücher liegt in Deutschlands Buchmarkt unter einem Prozent.
Nina Reddemann, verantwortlich für den Bereich Social Media im Hanser Verlag, lobte die gute Organisation der Tagung. Viele neue Eindrücke sind das Wichtigste, was sie aus dem BuchCamp mitnimmt. Für das nächste Mal wünscht sie sich einen größeren „Blick über den Tellerrand“, also nicht nur die Betrachtung der Buchbranche, sondern gerne einen weiter gesteckten Rahmen.
„Die Zukunft des Buches endet immer noch beim iPad – das ist schade!“, fand Wolfgang Tischer, Herausgeber des Internet-Portals „Das Literatur-Café“. Er wünschte sich für das nächste Treffen mehr Verlagspanels, weniger Anbieter von Dienstleistungen. Nach den Teilnehmern aus dem Buchhandel gefragt, meldeten sich nur zwei. Prompt wurde getwittert – über den Köpfen des Podiums gleich für alle sichtbar: „wären gern dabei gewesen, aber buchhändler arbeiten samtags“.
Für Jens Klingelhöfer war es wichtig, Dienstleister in die Diskussion einzubinden. Er konnte an diesem Tag viele gute Gespräche führen.
Steffen Meier, Leitung Verlagsbereich Online beim Eugen Ulmer Verlag, machte darauf aufmerksam, dass in der Branche seit zwei Jahren über Digitalisierung geredet wird. „Wir brauchen eine offene Kommunikation, vorher lief das eher frontal ab. Solche Sessions sind ein neuer Anfang.“

Die von den Gesprächsleitern vorbereiteten Folien und kurze Zusammenfassungen der Diskussionsrunden sollen in der Nachbereitung allen zugänglich gemacht werden, denn manches überschnitt sich zwangsläufig.

Miriam Hofheinz fehlte der Wow!-Effekt, das Visionäre – aber daran wird bis zum nächsten BuchCamp in einem Jahr gearbeitet.

Und vielleicht sind dann neben den Vertretern aus vielen Fachverlagen, einigen belletristischen Verlagshäusern, Dienstleistern, einigen Autoren auch mehr Buchhändler dabei.

JF

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