
Helge Malchow wird heute 60 Jahre alt. S. Fischer-Verleger Jörg Bong gratuliert dem Kiepenheuer & Witsch-Verleger zum runden Geburtstag:
Spricht Helge Malchow über Literatur, blitzt an entscheidenden Stellen ein Wort immer wieder auf: „Sensibilitäten“ (im Plural, ja). Um – zuhöchst gesteigerte – Sensibilitäten gehe es im Kern bei der Literatur, bei allen guten Texten und überhaupt bei aller relevanten Kunst. Unablässig und rasend verändere sich die Welt, und die Literatur, um die es gehe, erspüre das je Besondere der Gegenwart, engagiere sich in diesen ganz genauen Auseinandersetzungen. Und die Schablonen, mit der man die Welt und die Menschen lange begriffen habe, seien zerbrochen – nun, und da sind wir heute, muss (und kann!) ganz neu hingeschaut werden: Das wolle er erfahren in der Literatur. Sie soll so divers wie möglich, so empfindlich wie möglich sein für alles Wirkliche. Nicht metaphorisch-vage, in diesem präzisen Sinne formuliert er die Literatur als „Sensibilitäten“.
Und ganz unmittelbar, so kommt es mir vor, ist man bei Helge Malchow selbst. Nicht bloß, dass damit der Antrieb benannt ist, aus dem heraus er Bücher macht. Mehr noch: Mir fiele (auch als Freund) kein schöneres Wort, kein genaueres Bild für ihn selber ein, das ihn charakterisiert – seine Person, auch eben seine Art, sein so entschiedenes Verständnis, Büchermacher und Verleger zu sein, als dieses: gesteigerte Sensibilitäten (ja, in – sozusagen – großem Plural!). Höchst empfindungsfähig, empfangsfähig, bewegbar gegenüber der Welt, den Dingen, den Menschen – im Intellekt, in der Emotion, in der Fantasie, umfassend irritierbar, in tausenden Kontakten mit der Welt, assoziiert einer quasi universellen Neugier.
„Sensibilitäten“, die seit 30 Jahren Bücher machen, seit zwei Jahrzehnten das Programm eines Verlages hervorbringen (zehn Jahre als Cheflektor, zehn Jahre jetzt als Verleger). Ein Programm, das eine markante Identität aufweist wie kaum ein anderes, das eine ganze Reihe dummer Gleichungen des Buchmachens ignoriert hat (dass große Literatur eine Sache der kleinen Auflagen sei zum Beispiel); ein Programm, das stolz ein kulturelles, aufklärerisch-politisches Agens hat, das kämpfen will, heute gegen die, wie er sagt, „neue Form von Biedermeier-Mentalität, die Sehnsucht nach konfliktfreier Wohlfühl-Kultur“, sprich gegen „die Diktatur der Harmlosigkeit“; ein Programm, das ungeheuer erfolgreich war und ist, im programmtischen Sinne, im ökonomischen Sinne – in einem solch enormen Maße erfolgreich, das eigentlich gar nicht vorstellbar ist für einen, wie Helge Malchow liebevoll und listig sagt, „mittelgroßen Verlag“, der Kiepenheuer & Witsch ja von der Anzahl der Mitarbeiter her ist.
De facto ist er natürlich einer der größten, bedeutendsten Verlage Europas. Einer der bedeutendsten – und erfolgreichsten Verlage großer Weltliteratur nämlich, einer der bedeutendsten – und erfolgreichsten Verlage deutschsprachiger Gegenwartsliteratur, einer der stärksten – und erfolgreichsten Verlage „intelligenter Unterhaltung“ sowie einer der wirkmächtigsten Verlage engagierter, kritischer Sachbücher. Beeindruckender können Sensibilitäten sich nicht ausnehmen, fantastischer nicht wirken.
Helge – herzlichen Glückwunsch zu Deinem 60. Geburtstag. Ich umarme Dich.
Kontakt: hmalchow@kiwi-koeln.de
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