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Tagungsbericht aus Tutzing: Von Stellen über neue Helden zum Happy End

Am vergangenen Wochenende kamen rund 120 Teilnehmer zur Tagung „Extreme – Jugendliteratur ohne Tabus?“ der Evangelischen Akademie Tutzing in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen e.V. (avj) zusammen. Adrienne Hinze war für buchmarkt.de vor Ort (s.a. unsere Bildstrecke am Ende der Meldung).

Bei stetigem Regen und April-Temperaturen fiel die Konzentration auf eine der Fragen, ob die als „Generation Porno“ gekennzeichneten Jugendlichen derzeit diejenige Literatur erhielten, die ihre Lebenswirklichkeit spiegelten, oder ob vielmehr in der Jugendliteratur ein Jugendbild entworfen werde, das es in der Realität nicht gebe, leicht.

Insbesondere durch die Weiterentwicklung des Internet, durch das schnelle und weitgehend anonymisierte Beschaffen von jeglichem Inhalt und vor allem durch die Möglichkeit, sich mit der gesamten Welt via Internet auszutauschen und sich dort – wie auch immer – darzustellen, hat sich die Debatte über Jugend und Sexualität in den letzten Jahren zugespitzt. In der Jugendliteratur spiegele sich der digital native, wie Prof. Dr. Hans-Heino Ewers in seinem Eröffnungsvortrag ausführte, seit etwa 2008.

Doch sei festzustellen, dass viele Jugendbücher ein dämonisiertes Jugendbild entwürfen, ein Bild von onanierenden Jungs vor dem PC, von Mädchen, die ihre Lehrer verführten und auf Facebook bloßstellten: Welche Brut, mag sich der eine oder andere Leser bei dieser Lektüre fragen, haben wir da herangezogen? Die realen Jugendlichen blieben hinter diesem Bild meist zurück und fänden sich selten in der genuinen Jugendliteratur wieder.

So gebe es, was Sexualität betreffe, kaum Jugendbücher, die bei den entscheidenden Stellen ohne Pünktchen auskämen oder schlicht erklärten, was denn jetzt eigentlich genau beim Sex passiere. Auch gleichgeschlechtliche Liebesromane fänden – wenn sie einen Tabubruch darstellten, also offen und lustvoll Sexualität erlebbar machten – eher außerhalb der Jugendliteratur in belletristischen Nischen-Verlagen statt, wie Ewers in seinem Workshop zum Thema erarbeitete.

Die Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Sabine Berthold, die sich den boomenden Markt der Shopping- und Extremsport-Bücher angeschaut hat, stellte fest, dass hier Sexualität überhaupt keine Rolle spiele, sondern ersetzt werde durch die haltlose Begeisterung an der Gestaltbarkeit des eigenen Körpers – sei es durch Kleidung oder durch Sport. Der Tabubruch geschehe durch das Ausleben der hedonistischen Wünsche. Bei den Ratgebern zur Sexualität, zur Liebe und zum Körper für Jugendliche könnte man auch den Eindruck gewinnen, Sexualität spiele keine entscheidende Rolle.

Nach den Ergebnissen des Workshops von Dr. Renate Grubert machten die Ratgeber, in einer meist klinischen neutralen Sprache gehalten, tatsächlich mehr Angst als Spaß – oder sie kämen pseudo-witzig daher. Dabei könnte es so einfach sein, dies zumindest der Eindruck nach der abendlichen Bühnenshow des Poetry Slamers und Autors der „Doktorspiele“ Jaromir Konecny. Seine Schilderung von männlicher Pubertät ist gerade, weil sie grundehrlich komisch ist, befreiend und gar nicht peinlich.

Wie aber wollen Jugendliche über Sex lesen? Nach Meinung der Journalistin Christine Knödler weniger in „Stellen“-Büchern, als man annehmen könnte. Wenn sie es aber tun wollten, dann gebe es auch innerhalb der Jugendliteratur genügend Auswahl; gerade in letzter Zeit sei Sexualität explizit Thema. Einen Tabubruch markiere die detaillierte Beschreibung von Sex an sich spätestens mit „Doing it“ nicht mehr, möglicherweise aber, dass Sex immer häufiger in Jugendbüchern beschrieben werde – meist allerdings in einer Mischung aus Liebe, Lust und Leidenschaft. Junge Autoren schrieben hier, das sei deutlich zu spüren, nicht über die Welt, sondern aus ihr(er) heraus. Da habe Sexualität einen hohen Stellenwert, aber es sei eben nicht das Einzige. Ihre persönliche Empfehlungsliste liest sich in etwa so: „Doing it“, Eine wie Alaska“, „Abspringen“, „Die Nacht der Nächte“, die „Lelle“-Romane, „Crazy“, „Für Isabel war es Liebe“, „Teach me,“ „Echte Cowboys“, „Wir retten Leben, sagt mein Vater“.

Interessanterweise hat sich die Sozialisierung der Jugendlichen durch das Internet zwar geändert, das Sexualverhalten ist aber, wie die Soziologin Dr. Eva-Verena Wendt ausführte, nicht großartig anders als vor 20 Jahren: Die ersten sexuellen Erfahrungen finden in der Regel in einer festen Partnerschaft im Alter zwischen 16 und 17 Jahren statt, und 40 Prozent der Jugendlichen lernen sich im Bekanntenkreis kennen – dagegen nur 10 Prozent im Netz. Im Gegensatz zur vielbeschworenen „Generation Porno“ zeigten einschlägige Studien eine klare Romantisierungstendenz: Jugendliche seien heute früher verliebt (oder hätten eine größere Sehnsucht nach dem Verliebtsein), und sie nähmen eine stärkere Verbindung zwischen Liebe und Sexualität wahr.

Die romantische Liebe und das Happy End stehen auch im Mädchenbuch von heute an erster Stelle, dies erarbeitete der Workshop von Ilona Einwohlt zum Thema, wie frech Mädchenliteratur wirklich ist. Zwar erziehe die Nach-Girlie-Literatur die Mädchen nicht mehr, sondern vermittele vielmehr Spaß und postuliere auch nicht mehr den Einen; aber wenn Mädchen wilden Sex mit wechselnden Partnern hätten, dann seien sie nach wie vor mehr Schlampe als emanzipiert.

Der Boom der Vampir-Romane bestätigt den Romantisierungstrend: Sexualität wird ausgelebt durch die völlige Hingabe im Liebesbiss – der nicht einmal geschieht. Die Journalistin Dr. Julia Voss stellt in ihren Ausführungen zu den „Bis(s)“-Romanen fest, dass im Vampir-Roman ein Paradigmenwechsel von der sadistischen Männerphantasie hin zur romantischen Mädchenphantasie stattgefunden hat: Der Vampir als schöner Held, der seine Triebe mit aller moralischer Gewalt unterdrückt. So will Edward seine Bella um keinen Preis beißen – Bella allerdings wünscht sich nichts sehnlicher. Dass dieses weibliche Begehren so ungefiltert sein darf, liegt freilich am „Schutzraum“, in dem sich Bella befindet: Sie kann sich ja sicher sein, dass es nicht zum Vollzug kommen wird.

Das Phänomen des weiblichen Begehrens im Schutzraum taucht interessanterweise im Genre der Mangas wieder auf: In den „Boys Love-Mangas“, gezeichnet ausschließlich von Frauen, wird die dargestellte Sexualität unter Männern zur Spiel- und Projektionsfläche für Mädchen. Wie Dr. Bernd Dolle-Weinkauff in seinem Workshop erarbeitet, könnten Mädchen ihre Sehnsucht nach Sexualität gerade im Schutzraum der homoerotischen Liebesgeschichte ausleben – eben ohne an die Gesetze der Realität gebunden zu sein.

Die Vorträge stehen in Kürze auf www.avj-online.de zum Download.

Adrienne Hinze

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