
Gestern Abend begann im Instituto Cervantes Frankfurt eine bemerkenswerte Fotoausstellung mit einer bewegenden Einführung in das Thema.
Der argentinische Fotograf Gustavo Germano, dessen Bruder zu den 30.000 Opfern systematischer Verfolgung, Verhaftung, Folter und Ermordung während der Militärdiktatur von 1976 bis 1983 gehört, begab sich auf Spurensuche.
Die Kuratorin der Exposition, Marta Nin i Camps, erzählte von ihrer ersten Begegnung mit dem Fotografen und seinem Projekt. Im Mittelpunkt stehen Menschen aus der Region Entre Rios, der Heimat von Gustavo Germano. Bei der Recherche unterstützten die Menschenrechtsorganisationen Registro Único de la Verdad und Agrupación HIJOS die Arbeit.
Gustavo Germano sammelte Fotovorlagen, Schnappschüsse zumeist, und begab sich damit 30 Jahre später zu den Menschen. Er stellte die Situation nach – mit denen, die noch lebten. So ist ohne große Worte eine eindrucksvolle und emotionale Ausstellung entstanden, deren Bilder eine klare und überall verständliche Sprache sprechen.
Die Exposition, erklärte Marta Nin, hat nichts mit Rache oder Hass zu tun. Aber sie macht deutlich: „Wir wollen keinen Staat, der uns tötet, sondern einen Staat, der uns beschützt.“
Gustavo Germano erläuterte anschließend anhand von Bildern, die hinter ihm auf der großen Leinwand im Saal zu sehen waren, seine Idee und deren Ursprünge sowie seine Recherche. Die Ausstellung hat mit einem Prozess begonnen, der erste Gedanke geht auf die Madres de la Plaza de Mayo in Buenos Aires zurück, die 1977 begannen, auf ihre verschwundenen Kinder aufmerksam zu machen. Diese Demonstration – die Mütter durften nicht stehen bleiben, so umrundeten sie den Platz schweigend – wurde immer größer, immer mehr Symbole kamen hinzu. Während die Frauen am Anfang nur die Passfotos ihrer Kinder in den Händen hielten, wurden später Plakate angefertigt, 1983 wurden lebensgroße Silhouetten an die Wände geklebt. Seit 1988 gibt es die Aktion derPágina/12, diese große argentinische Tageszeitung veröffentlicht seither Todesanzeigen von Verschwundenen – bis heute.
Das Buch von Horacio Verbitsky, The Flight. Confessions of an Argentinian Dirty Warrior, erschienen bei New Press 1996, und die Gedenkwand Buena Memory von Marcelo Brodsky mit Fotografien der Verschwundenen inspirierten Gustavo Germano für sein Projekt. „Ich wollte die Auswirkungen einer Tragödie darstellen“, unterstreicht der Fotograf. Das ist ihm mit den 15 in der Exposition gezeigten Fotopaaren auf berührende Weise gelungen.
Die Ausstellung, Frankfurt ist der 24. Ort, an dem sie weltweit gezeigt wird, ist noch bis zum 24. September im Instituto Cervantes zu sehen, vom 6. bis zum 31. Oktober wird sie in der Frankfurter Paulskirche gezeigt.
Im Verlag Münchner Frühling ist dazu gerade das Buch Verschwunden ein Fotoprojekt von Gustavo Germano mit Texten zur Diktatur in Argentinien 1976–1983 erschienen. Die Verlagsleiter Steven Uhly, der die Texte aus dem Spanischen übersetzte, und seine Frau Ricarda Solms hatten das Projekt begeistert aufgenommen und engagiert begleitet.
JF