
Er ist der literarische Abräumer des Jahres: Peter Wawerzinek (Foto) gewann mit einem Auszug aus dem Roman Rabenliebe (Galiani) den Ingeborg-Bachmann-Preis, stieg sofort nach Erscheinen des Buches auf die Spiegel-Bestsellerliste und plazierte sich auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis.
Gestern abend war er im Düsseldorfer Heine Haus zu Gast. In der Reihe „Neue Deutsche Literatur“ las er aus seinem Roman; Hajo Steinert, Leiter der Literaturredaktion beim Deutschlandfunk, Köln, moderierte den Abend.
Zunächst: die Erfiolgsgeschichte der Rabenliebe geht weiter: demnächst wird sie ins Arabische übersetzt. Oder, wie Wawerzinek, der als Stehgreifkünstler angefangen hat, mit schnellem Sinn für den Geschmack der Wörter sagt: ins a-Rabische. Zwar hat die Übersetzerin schon angedeutet, daß einige „Stellen“, so wie sie im Original stehen, nicht gehen werden, aber das wird das Projekt insgesamt nicht gefähren. Als Wawerzinek später eine solche Stelle (ein eigentlich harmloser Briefmarkenaustausch, freilich heimlich im Heim unter der Bettdecke mit Bianca) las, amüsierte sich das Publikum prächtig – dem arabischen Publikum wird diese Episode wohl vorenthalten werden…
Wawerzinek hat noch zu DDR-Zeiten als Stehgreifkünstler begonnen. Das konnte auch schon mal bedeuten, daß er sich mit dem viel zu früh verstorbenen Matthias Baader Holst als Journalisten getarnt in eine Veranstaltung mogelte und da dann das Geschehen auf der Bühne übernahm.
Wawerzinek hat als erstes (heute nicht einmal mehr antiquarisch auftreibbare) Parodien über Schriftstellerkollegen geschrieben. Rotkäppchen im Christa Wolf– oder Günter Kunert-Sound; das schreibt (und spielt) ihm so schnell keiner nach. Das schreit förmlich nach einer Neuherausgabe, die im übrigen kräftig erweitert werden könnte: Wawerzinek hat viel mehr solcher Texte, als sie damals gedruckt wurden.
Die Geschichte von Rabenliebe, seinem inzwischen über 50.000mal verkauften aktuellen Buch, hier noch einmal zu skizzieren, ist sicher nicht nötig: ausnahmslos jedes Feuilleton hat das ausführlich getan. Dabei ist, so die Befürchtung nicht nur von Hajo Steinert, oft die wahre Qualität des Textes nicht erkannt oder der Story zuliebe unterschlagen worden. Denn das Buch ist nicht allein eine schreib-therapeutische Aufarbeitung von Wawerzineks schlimmer Kindheit, es ist ein wortmächtiges und auch wortwitziges Sprachkunstwerk, das – wie sollte es bei einem begnadeten Parodisten auch anders sein – mit vielen Texten der Weltliteratur spielt. Verleger Wolfgang Hörner hätte gern einen Anhang gehabt, in dem alle Autoren aufgelistet sind, die sich Wawerzinek aufs Korn genommen hat, aber das Buch war wohl schon dick genug…







