Einen Gedankenaustausch ohne Scheuklappen wünschte sich Detlef Bluhm, Geschäftsführer des Landesverbands Berlin Brandenburg, in seiner Begrüßung zum Berliner Fachkongress Homer 3.0. Die Odyssee des Buches im digitalen Zeitalter (s. unser Sonntagsgespräch [mehr…]) im Harnack Hauses der Max-Planck-Gesellschaft. An beiden Kongresstagen gehe es darum, den Vorhang zwischen heute und morgen ein wenig aufzuziehen, so Bluhm.

(© Rocco Thiede)
Die Buchbranche steuere auf den Abgrund zu, der die Musikindustrie bereits verschlungen hat, warnte der Wissenschaftsjournalist Jürgen Neffe, der Erfinder des Libroids [mehr…] in seiner Keynote zu dem von Holger Volland kenntnisreich und charmant moderierten Kongress. Das Libroid sei noch nicht einmal auf dem Markt, habe aber schon große Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Die Menge der Anfragen von Verlagen und Autoren habe ihn regelrecht erschreckt, sagte Neffe und ermunterte die Branche die Digitalisierung weniger als Bedrohung, denn als Chance zu sehen. Den Marktstart des Libroids kündigte er noch in diesem Monat an.
Das iPad werde als Lesemedium angenommen, sagte Christoph Keese, President Public Affairs der Axel Springer AG und das Publikum sei auch bereit für die Inhalte zu zahlen. Anders als im Internet sei die Infrastruktur des iPad Angebots nutzerfreundlich. Laut einer Forrester-Studie werde es bis zum Jahr 2015 20 Millionen Geräte in Deutschland geben, so Keese. Für das Weihnachtsgeschäft 2013 erwartet er einen iPad Preis von einem Euro, weil dann etwa Verlage oder Mobilfunkanbieter den Kauf subventionieren.
Die Zukunft des Buchhandels beleuchtete Jörg Warnken von Thalia, der den Oyo als Ergänzung für den stationären Handel vorstellte und davor warnte E-Reader und E-Books als Teufelszeug zu sehen. Susanne Martin, Inhaberin der Schiller Buchhandlung in Stuttgart Vaihingen glaubt, dass auch die kleinen Sortimente mithalten können, sieht aber auch Stolpersteine. In ihrer 115 Quadratmeter großen Buchhandlung verkauft sie seit 2009 E-Books. Seither hat sie 140 Titel verkauft – an vier Kunden. Trotz dieser ernüchternden Zahlen sieht sie auch für Kleine eine Zukunft am digitalen Markt. Die Kunden werden auch bei E-Books Beratung und Lesetipps haben wollen, ist sie überzeugt.
Ihren Kollegen riet sie, das Prinzip des Sortierens auch auf Reader anzuwenden und empfahl nur wenige Modelle vorrätig zu haben, sich mit diesen aber auszukennen. Als Stolpersteine nannte sie den harten Kopierschutz, der fallen müsse und die nicht vermittelbaren Preise. Ein weiterer Stolperstein sei der Buchhandel selbst. Bei ihren Kollegen habe sie bisher eine erschreckende Zurückhaltung, gar Resignation erlebt, sagte die Buchhändlerin und riet Kompetenz zu signalisieren und so, wie man beispielsweise in Deko investiert, auch in eine Homepage mit E-Book-Shop und in Reader zu investieren. „Bei den Navigationsgeräten hatten wir keine Chance, bei den E-Books sollten wir es nicht darauf ankommen lassen.“
In der letzten Etappe des Tages stand das Thema Urheberrecht im Mittelpunkt. Unter anderem riet der Blogger Holm Friebe (Keese: „Ich habe alle Ihre Bücher gelesen.“) zu einem entspannten Umgang mit illegalen Downloads. Vielmehr machte er auf einen anderen Punkt aufmerksam, der bislang nicht angesprochen wurde und bekam dafür viel Applaus: „Über die Hälfte aller Bücher werden als Geschenk gekauft. Da gibt es noch keine Lösung.“
Heute wird der Kongress mit Vorträgen über digitale Geschäftsmodelle und Content-Management fortgesetzt. Unter anderem sprechen Sven Fund, CEO De Gruyter und Dagmar Laging, Springer Science + Business Media über „Erfolgsfaktoren von Wissenschaftsverlagen in Deutschland“ und Thomas Rohde vom Berlin Verlag wird die Frage „Wozu Verlage?“ beantworten.
Eine Videoaufzeichnung des Fachkongresses ist ab morgen, 16:00 Uhr auf der Website des Landesverbands Berlin-Brandenburg abrufbar: www.berlinerbuchhandel.de
ML