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Alexander Skipis zum zunehmenden Wettbewerb zwischen der MVB und Mitgliedsunternehmen

Die Geschäfte von libreka! empfinden immer mehr Mitgliedsunternehmen als Konkurrenz im eigenen Hause. Und nicht nur in diesem Bereich kollidieren die Interessen der MVB Marketing und Verlagsgesellschaft mit den Mitgliedsunternehmen des geschäftsführenden Verbandes, dem Börsenverein. Aus Anlass der morgigen Sitzung des Branchenparlamentes befragte buchmarkt.de Hauptgeschäftsführer Alexander Skipis zu dem schwelenden Konflikt.

Buchmarkt.de: Auf der kommenden Sitzung zeichnet sich wieder ab, dass sich die Wirtschaftsinteressen der MVB und der Mitglieder weiter überschneiden. Ist die MVB noch auf der richtigen Spur?
Alexander Skipis: Mit Sicherheit ist die MVB auf der richtigen Spur. Denn seit ihrem Bestehen – und auch zuvor die Buchhändlervereinigung schon – erbringt sie Dienstleistungen, die im Interesse der Gesamtbranche liegen und auf dem Willen der Mitglieder basieren. Ihr Ziel ist es mit ihren Angeboten die buchhändlerische Arbeit zu unterstützen, möglichst vielen Teilnehmern einen Zugang zum Markt zu ermöglichen – und dabei unabhängig und neutral zu agieren. Gerade viele kleine Branchenmitglieder wollen eine neutrale Plattform. Die Aktivitäten der MVB sind also völlig legitim.

Alexander Skipis

Mit anderen Worten, libreka! darf den Mitgliedsfirmen Konkurrenz machen?
Ich kann den Konkurrenzgedanken schwer nachvollziehen. Auch das VLB und die BAG sind zwei Dienstleistungen, die sich die Branche vom Verband als neutrale Dienstleistungen gewünscht hat, trotz anderer Angebote. Bei libreka! geht es um den Partizipationsgedanken für die gesamte Branche, der uns auch unter branchenpolitischen Gründen wichtig ist. Wenn wir diese Partizipationsmöglichkeiten wie bei libreka! nicht hätten, könnten kleinere und mittlere Teilnehmer als Träger der kulturellen Vielfalt am Online-Geschäft möglicherweise gar nicht teilnehmen. Und diese kulturelle Vielfalt zu gewährleisten, sieht die Branche als ihre Aufgabe an.

Wie nützt libreka! dann?
libreka! hat schon zahlreiche Verträge mit verschiedenen Partnern abgeschlossen und ist mit weiteren in Gesprächen. Durch die Zusammenarbeit mit Apple oder mit Barnes und Nobles werden weltweit, bzw. für den gesamten nordamerikanischen Markt deutsche E-Books zur Verfügung gestellt. Genau so bietet libreka! mittleren und kleinen Branchenteilnehmern die Möglichkeit an diesem Geschäft teilzunehmen. Derartige Möglichkeiten hat ein kleiner bzw. mittlerer Verlag meist gar nicht. Hinzu kommt: Die MVB, unsere Tochtergesellschaft ist ein Wirtschaftsunternehmen und muss Gewinne erwirtschaften, aber vor dem Hintergrund, dass das der Branche dienen muss.

Nun sagen einige: Geplant war eine Volltextsuche zur Recherche und jetzt haben wir ein E-Book-Geschäft, das uns stört. Hätte man dann nicht vorher schon mit den Branchenmitgliedern reden müssen, um daraus ein gemeinsames Geschäft zu machen oder es vielleicht sogar ganz abzugeben?
Das Projekt ist als Volltextsuche gestartet, aber in dem Evolutionsprozess war von Anfang an klar, dass es mehrere Ausbaustufen geben wird. Das wurde durch unsere demokratischen Entscheidungsebenen legitimiert. libreka! jetzt abzugeben, hieße eine Branchenplattform mitsamt seiner Neutralität aufzugeben. Darin sehen wir überhaupt keinen Sinn.

Welche Kooperationsmöglichkeiten gäbe es denn? Zum Beispiel mit den Barsortimenten?
Weil libreka! eine Branchenplattform ist und weil es auch im letzten Branchenparlament gefordert wurde, reden wir natürlich mit allen. Ich will aber nicht öffentlich darüber spekulieren wie solche Kooperationsmöglichkeiten aussehen könnten, dafür ist der Prozess zu offen. Das Ziel, das wir mit libreka! verfolgen ist Partizipation, kulturelle Vielfalt und Neutralität. Was dem Ziel dient, wird gemacht und was diesem Ziel nicht dient, wird nicht gemacht.

Inzwischen gibt es immer mehr Plattformen, die jeweils immer neu aufgebaut werden müssen und sich gegenseitig Konkurrenz machen.
Das ist schon richtig. Natürlich ist jeder Marktteilnehmer bemüht das Gesamtgeschäft auf seine Plattformen zu lenken. libreka! bleibt eben eine neutrale Datenbank, an der alle teilnehmen können. Für kleine und mittlere Verlage ist es einfach unrealistisch, das recht komplexe elektronische Geschäft mitzubedienen und dann möglicherweise noch mit Apple, Google und Barnes & Nobles zu verhandeln. Und genau dafür ist diese Branchenplattform da.

Der Blick auf den amerikanischen Markt zeigt, dass das E-Book immer mehr zu einem Geschäft wird, an dem gern alle teilhaben wollen. Ist libreka! bei wachsender Konkurrenz für die Zukunft überhaupt gerüstet? Ist es überhaupt sinnvoll, dass es zu weiteren Kooperationen kommt?
Keiner wusste, wie groß das Geschäft werden könnte und auch heute ahnt man allenfalls wie es da weitergehen kann. Libreka! hatte für die Branche eine Schrittmacherfunktion. Plötzlich wurden die Augen dafür geöffnet, dass es hier irgendwann einen Markt geben wird, auf den man heute schon vorbereitet sein muss. Wenn jetzt andere ein entsprechendes Geschäft aufbauen, ist das völlig legitim und sogar im Interesse von Vielfalt und Wettbewerb zu begrüßen.
Als wir im letzten Jahr in die Gespräche mit Apple gegangen sind, mussten wir erklären, wie der deutsche Buchmarkt funktioniert. Das Unternehmen kannte nur die Musikindustrie, wo man mit fünf oder sechs großen Marktteilnehmern reden muss und fast alle Musikinhalte dieser Welt hat. Hier in Deutschland muss man mit rund 2000 Verlagen reden. Diese Verhandlungen nehmen wir den Partnern ab. Das ist ein großer Vorteil von libreka!.

Nun machen Sie aber mit Apple und Amazon gute Geschäfte, die nicht einmal nicht Mitglieder im Börsenverein sind und diesen Konkurrenz machen.
Das sind gute Geschäfte, die der gesamten Branche zu Gute kommen, in diesem Fall natürlich vor allem den Verlagen. Wenn wir das Geschäft nicht machen würden, würde es anders stattfinden. libreka! ist aber auch eine Leistung für Buchhandlungen. Jede Buchhandlung – und sei sie noch so klein und noch so entlegen gelegen – hat die Möglichkeit, libreka! komplett in die eigenen Website unter dem Label der Buchhandlung einzubinden. Und diese Einbindung ist der Zugang zur gesamten Buchwelt. Egal wo sie sind. Damit kann der Buchhändler von Recherche bis Verkauf des Buchs alle buchhändlerischen Dienstleitungen erbringen.

Mit anderen Worten: Wird auf dem Rücken von libreka! die unterschiedlichen Interessen der Sparten ausgetragen?
Ich würde es so nicht formulieren – Libreka bedient die unterschiedlichen Interessen.

Gegen Apple und Amazon haben buchhändlerische Mitgliedsunternehmen ohnehin schon einen Marketingnachteil und der wird durch die Geschäfte der MVB nun noch beschleunigt.
Das sehe ich anders. Der Marketingnachteil ist da, aber wir sehen es als Aufgabe des Verbandes, aber auch als Aufgabe jedes einzelnen aus dem Buchhandel an, klar darauf hinzuweisen, dass Apple und Amazon dieses Geschäft nicht besser können, als die kleinste Buchhandlung irgendwo in Deutschland. Wir haben durch die Preisbindung überall die gleichen Preise. Wir haben über eine Plattform wie Libreka, die – sobald sie eingebunden ist – die sofortige Lieferbarkeit der Titel im elektronischen Bereich ermöglicht.
Die Beratungsleistung, die einer der ganz wichtigen Faktoren für den stationären Buchhandel ist, bleibt weiterhin als Vorteil erhalten. Ich denke, dass auch der stationäre Buchhandel auf der Schwelle zu einer positiven Entwicklung in diesem Markt steht. Im Moment sind im E-Book-Bereich die Umsätze so klein, dass man sie kaum messen kann. Doch das wird sich in den nächsten Jahren ändern und davon kann auch der stationäre Buchhandel profitieren.

Mein Eindruck ist, auf Verlagsseite traut man Libreka nicht wirklich zu, Umsätze zu generieren. Man sieht erst einmal nur die hohen Gebühren, die man dafür zahlt. Wie lässt sich das ändern?
Die Gebühren sind nicht hoch, um dieser Legende auch direkt einmal etwas entgegenzusetzen. Und libreka! ist rentabel und nicht mit Mitgliedsbeiträgen gestützt. Dass auf dem E-Book-Markt derzeit kein Geld zu verdienen ist, gilt für den gesamten Markt. Wir müssen lernen: Das Entscheidende an diesem Markt ist, vorbereitet zu sein. Und mit libreka! ist die Buchbranche vorbereitet.
Mir scheint allerdingslibreka! Auch als Projektionsfläche für die allgemeine Unsicherheit und Unzufriedenheit mit dem e-Book-Markt zu dienen Hier sollten wir ehrlich trennen.

Müssen wir uns über die Aufgaben der MVB noch einmal verständigen oder muss sie besser kommuniziert werden?
Die MVB erbringt Dienstleistung im Interesse der Branche und das Interesse der Branche formuliert sie selbst, beispielsweise im Vorstand, dem Branchenparlament oder in der Hauptversammlung. Die gesamte Börsenvereinsgruppe dient den Interessen seiner Mitgliedern. Doch die sind natürlich heterogen, das heißt, es müssen Interessenbündelungen möglich sein und es muss ein gemeinsames Interesse formuliert werden. Wenn das nicht gelingt, kann auch kein Produkt angeboten werden. Bei Libreka sehe ich einen hohen Branchenkonsens und die Notwendigkeit dieser Plattform. Wenn auf der anderen Seite einige Marktteilnehmer ein gewisses Unbehagen artikulieren, dann ist auch das berechtigt, aber wir müssen es in den Kontext der Gesamtbranche stellen. Und da sehe ich vor allem die kleineren oder mittleren Unternehmen unserer Branche, die dieses Produkt nachfragen.

Vielleicht sieht man noch nicht genug Engagement von libreka!, das in den Markt zu tragen? Wie ist denn da die Nachfrage nach den Dienstleistungen nach Libreka?
Ich denke schon, dass die Nachfrage steigt. Überall werden wir mit offenen Armen empfangen und das Buch rückt zunehmend in den Fokus. Alle technischen Plattformen brauchen diese Inhalte. Ohne Inhalte macht keine Plattform, kein Netz Sinn. Und die Inhalte liefert unsere Branche. Je größer die Solidarität unter den Verlegern ist, libreka! zu unterstützen, umso stärker ist die Verhandlungsposition den technischen Plattformen gegenüber.

Die Fragen stellte Matthias Koeffler

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