In der vergangenen Woche hatte die VVA zur traditionellen Verlagstagung – in diesem Jahr in Hamburg – geladen. Motto des Branchentreffs war „Buchbranche im Netz – Spinne oder Beute“. Doch auch andere Themen rund um den Zwischenbuchhandel waren Gegenstand angeregter Diskussionen. Grund genug für den „BuchMarkt“ ein Sonntagsgespräch mit dem VVA-Chef zu führen.
buchmarkt.de: Herr Schierke, die digitale Herausforderung für die Buchbranche wird immer größer. Wer ist die „Spinne“ im Netz, was die Beute?

Stephan Schierke: Auch nach zwei Tagen intensiver Beschäftigung mit dem Thema kann diese Frage nicht abschließend beantwortet werden. Eines ist jedoch sicher: wer sich nicht intensiv mit der Thematik beschäftigt und für sich und sein Unternehmen eine Digital-Strategie entwickelt, wird über kurz oder lang als Beute enden. Alle diejenigen aber, die sich schon heute aktiv mit Themen wie social media, content distribution, digital download etc. auseinandersetzen, haben gute Aussichten, zu den Gewinnern zu gehören. Während der Tagung hat es ein Teilnehmer folgendermaßen auf den Punkt gebracht: „Der Spinner von gestern ist die Spinne von morgen.“
Ist das wirklich so?
Ob wir das jetzt gut finden oder nicht – ich bin fest davon überzeugt, dass digitale Geschäftsmodelle dem klassischen Buch und damit dem traditionellen Buchhandel immer stärkere Konkurrenz machen werden. Wer das nicht glaubt, sollte mal auf den US-amerikanischen Markt blicken oder sich das Medienverhalten seiner eigenen Kinder bzw. Enkel anschauen.
Heißt das, dass der stationäre Buchhandel zu einer gefährdeten Spezies wird?
Wenn er sich nicht an die neuen Gegebenheiten anpasst und im digitalen Spiel mitmischt, dann droht ihm dasselbe Schicksal wie dem ehemaligen Schallplattenladen um die Ecke. Und der Umkehrschluss ist leider nur bedingt zulässig: das Netz hat eine Tendenz zum Oligopol. Es gibt viele unbedeutende Akteure und nur wenige große Player.
Das hört sich ja ziemlich pessimistisch an…
Ich würde es realistisch nennen. Aber lassen Sie mich meinen Gedanken zu Ende führen. Es wird immer gedruckte Bücher geben und damit auch den traditionellen Buchhandel. Die Gewichte werden sich allerdings langsam aber sicher verschieben. Jeder Buchhändler sollte die verbleibende Zeit nutzen und sich eine in individuelle Strategie überlegen, um den Marktveränderungen zu begegnen. Da kann eine Internet-Strategie sein, das kann aber auch eine Spezialisierung oder Sortimentserweiterung sein.
Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang Themen wie Beratungskompetenz, Kundenservice oder Wohlfühl-Atmosphäre?
Diese Themen werden in Zukunft immer wichtiger. Eine Chance für den stationären Handel ist die unmittelbare Kommunikation mit dem Kunden. Das Gespräch von Mensch zu Mensch und nicht von Maschine zu Mensch, die Tasse Kaffee und nicht das Surren den PCs, das echte Erlebnis und nicht das virtuelle. Eine weitere Chance besteht darin, gegen den Strom zu schwimmen und z.B. als Buchhändler echte Expertentipps zu geben, und diese dem durch die communities im Netz verstärkten Mainstream entgegen zu setzen.
Was für Buchhändler gilt, gilt doch sicherlich auch für den Zwischenbuchhandel oder?
Natürlich! Darum beschäftigt sich die VVA bereits seit mehr als drei Jahren mit diesem Thema und hat inzwischen im Verbund mit der Dachgesellschaft arvato erhebliche Mittel in den Aufbau digitaler Dienstleistungen rund um das Buch investiert.
Wenn dem so ist, warum wehren Sie sich dann gegen die neuen Ansätze von libreka!?
Ich wehre mich in keinster Weise gegen die Ansätze von libreka!. Ich habe lediglich im Branchenparlament [mehr…] auf drohende Wettbewerbsverzerrungen aufmerksam gemacht.
Wie meinen Sie das?
Ich befürworte Wettbewerb fände es aber nicht akzeptabel, wenn eine Verbandstochter lediglich mit einem oder zwei ausgewählten Marktteilnehmern gemeinsame Sache macht und alle anderen außen vor blieben. Ich bin sehr froh, dass meine Befürchtungen Ernst genommen werden und sich eine einvernehmliche Lösung abzeichnet.
Heißt das, um noch einmal das Tagungsthema aufzugreifen, dass Zwischenbuchhandel und libreka! gemeinsam zu einer „Superspinne“ mutieren?
(lacht) Nein – aber um im Bild zu bleiben: wir machen nicht die Netze anderer kaputt, sondern versuchen ein gemeinsames Netz zu spinnen, das groß genug für alle ist.
Zum Sonntaggespräch letzter Woche: Die Autorin Ginny G. von Bülow über die Schwierigkeiten, ein selbst verlegtes Buch zu vermarkten [mehr…].