
Pedantisch, knickrig, unmusisch und humorlos – diese ihm nachgesagten Eigenschaften von Johann Caspar Goethe halten sich hartnäckig in der Öffentlichkeit. Die Ausstellung zum 300. Geburtstag von Johann Wolfgang Goethes Vater im Arkadensaal des Goethe-Hauses in Frankfurt, die am 5. Dezember eröffnet wird, tritt diesem landläufigen Bild entgegen.
Die Wurzeln der Familie Goethe, damals Göthe, liegen im thüringischen Artern. Friedrich Georg Göthe, ältester Sohn eines Arterner Hufschmieds und ausgebildeter Schneider, ging auf eine achtjährige Wanderschaft durch Süd- und Westdeutschland bis nach Frankreich. In Lyon erwarb er weitere besondere Kenntnisse in seinem Handwerk, wäre wohl auch gern dort geblieben. Doch als Lutheraner standen die Zeichen schlecht für ihn, die Religionsfreiheit hatte Ludwig XIV. 1685 aufgehoben.
„Wenn schon nicht Frankreich, dann Frankfurt“, erläuterte Doris Hopp, die durch die von ihr und Joachim Seng konzipierte Ausstellung führt. 1686 kam Friedrich Georg Göthé – den Accent aigu hat er sich mitgebracht – in die Stadt am Main und erlangte schnell den Ruf eines „Dior“ der damaligen Zeit und gelangte zu Wohlstand. In zweiter Ehe wurde am 29. Juli 1710 Johann Caspar geboren.
Der angesehene Schneidermeister und durch die zweite Ehe zum Wirt und Weinhändler gewordene Friedrich Georg Göthé legte Wert auf Bildung und schickte seinen jüngsten Sohn auf das renommierte Akademische Gymnasium Casimirianum in Coburg. Das Studium der Rechte in Gießen und Leipzig folgte, der Student war durch das Vermögen des Vaters gut ausgestattet und promovierte 1738 zum Doktor beider Rechte in Gießen.
1739 brach Johann Caspar Goethe nach Italien und Frankreich auf, er beherrschte beide Sprachen. Venedig, Rom, Neapel, Mailand, Turin, Genua, Marseille, Lyon, Paris und Straßburg waren einige Stationen seiner Reise. Der italophile Johann Caspar – eine Leidenschaft, die der Sohn Johann Wolfgang erbte – war der erste deutsche Tourist, der einen Reisebericht über Italien auf Italienisch schrieb (mutmaßlich 1752-1755), Viaggio per l’Italia. Das Büchlein ist übrigens heute noch, ins Deutsche übersetzt und bei dtv erschienen, erhältlich.
Wahrscheinlich 1741 kehrte Johann Caspar Goethe nach Frankfurt zurück, er wollte die Kaiserkrönung Karls des VII. nicht versäumen. 1742 reichte Johann Caspar Goethe ein Gesuch um die Ernennung zum Wirklichen Kaiserlichen Rat ein, dem stattgegeben wird. „Damit hat er sich allerdings einige Möglichkeiten verbaut“, konstatierte Doris Hopp. Er kann so keine Kanzlei eröffnen und auch nicht in den Rat der Stadt gewählt werden. Doch als vermögender Privatier mit Interesse an der Geschichte seiner Heimatstadt ließ er eine 21 Folianten umfassende Sammlung von Mandaten und Verordnungen der Freien Reichsstadt anlegen – ein außergewöhnliches Dokument zur Rechts- und Kulturgeschichte Frankfurts.
1748 heiratete Johann Caspar Goethe die 21 Jahre jüngere Catharina Elisabeth Textor. Das Ehepaar zog in die verwinkelte Liegenschaft im Großen Hirschgraben. Von den sieben Kindern, die in elf Jahren geboren wurden, erreichten nur Johann Wolfgang (1749 – 1832) und Cornelia (1750 – 1777) das Erwachsenenalter. Neben dem Zimmer von Johann Wolfgang im 3. Stock war außerdem seit 1758 ein Mündel von Johann Caspar Goethe untergebracht; Dr. Johann David Balthasar Clauer, der kurz nach seiner Promotion psychisch erkrankte. Unter den Eindrücken dieser Krankheit stand Johann Wolfgang Goethe zeitlebens.
1754, nach dem Tod von Johann Caspars Mutter, wurde das Haus umgebaut. Zwei Jahre später steht sich im Großen Hirschgraben ein stattliches Gebäude mit drei Stockwerken, sieben Fensterachsen und 18 Zimmern. Im Haushaltsbuch finden sich Kosenamen für die Gattin und teure Geschenke für sie und die Kinder.
Johann Caspar sammelte Kunst und Waffen, das gehörte damals zur guten Gesellschaft. Nicht nur er, auch 14 anerkannte Lehrer unterrichteten Johann Wolfgang und Cornelia – da sollte man von dem, was inDichtung und Wahrheit beschrieben wird, abstrahieren. Dem Vater war die Bildung seiner Kinder wichtig.
1759 wird Frankfurt von französischen Truppen besetzt, der Königleutnant François Théas de Throranc zieht zum Leidwesen von Johann Caspar Goethe für mehr als zwei Jahre ins Haus.
Wohl ausgestattet ging Johann Wolfgang Goethe ab 1765 seinen Jurastudien in Leipzig nach, schrieb in Straßburg seine Dissertation, die jedoch aus politisch-religiösen Gründen abgelehnt wurde. 1771 eröffnete er im elterlichen Haus eine Anwaltspraxis, sein Vater unterstützte ihn.
Lediglich als 1775 Johann Wolfgang Goethe der Einladung des 18-jährigen Herzogs Karl August nach Weimar folgte, drehte ihm der Vater, der diesen Entschluss missbilligte, den Geldhahn zu.
1782 starb Johann Caspar Goethe. Johann Wolfgang konnte nicht zur Beerdigung da sein – nicht, weil es unüberbrückbare Differenzen zwischen ihm und seinem Vater gab, sondern weil es damals rein zeitlich von Weimar nach Frankfurt in zwei Tagen überhaupt nicht zu schaffen gewesen wäre.
Die Ausstellung, die noch bis zum 27. Februar 2011 zu sehen ist und ein umfangreiches Rahmenprogramm bietet, versucht erfolgreich anhand von etwa 130 Exponaten das bisherige Bild von Johann Caspar Goethe zu verändern.
Zur Exposition ist im Freien Deutschen Hochstift – Frankfurter Goethe-Museum Doris Hopps Buch Goethe Pater erschienen.
JF