Home > News > Wo steht die Literaturstadt Frankfurt heute?

Wo steht die Literaturstadt Frankfurt heute?

Wilhelm Genazino, Hauke Hückstädt,
Felix Semmelroth, Michael Hierholzer,
Juergen Boos, Uwe Rosenfeld (v.l.)

Gestern Abend diskutierte das Kuratorium Kulturelles Frankfurt im Vortragssaal der Frankfurter Sparkasse diese Frage in einem Podiumsgespräch, an dem der Autor Wilhelm Genazino, der Leiter des Literaturhauses Hauke Hückstädt, Kulturdezernent Prof. Dr. Felix Semmelroth, Juergen Boos, Chef der Frankfurter Buchmesse, und Uwe Rosenfeld, Geschäftsführer der S. Fischer Verlage, teilnahmen. Moderiert wurde der Disput von Michael Hierholzer, Leiter des Kulturressorts in der Rhein-Main-Zeitung der FAZ.

Die Tradition der Buchmesse reicht über 500 Jahre zurück, schon vor Gutenbergs Erfindung wurden in Frankfurt Handschriften gehandelt. „Diese Tradition verlieh Frankfurt eine frühe Prägung“, leitete Michael Hierholzer das Gespräch ein. Mit der Gründung zahlreicher Verlagshäuser lief Leipzig der Mainmetropole den Rang ab. 1949 änderte sich das, Frankfurt als Buchmesse-Stadt profilierte sich erneut.

Doch welchen Stellenwert hat die Buchmesse für die Frankfurter? Ist sie nicht allzu sehr auf das Messegelände beschränkt? Felix Semmelroth ging auf die OPEN BOOKS ein, die 2010 zum zweiten Mal durchgeführt wurden – mit großem Erfolg, mehr Veranstaltungsorten als im Jahr zuvor und 92 Verlagen. Die OPEN BOOKS haben ein heterogenes Publikum und sind unmittelbar im Stadtzentrum angesiedelt. Die Veranstaltungen sind – anders als beispielsweise bei der Lit.Cologne – frei, nicht ausschließlich literarische Verlage stehen im Fokus.

„Während der Frankfurter Buchmesse haben wir auf dem Messegelände und außerhalb bis zu 3000 Veranstaltungen. Doch es geht um Qualität, nicht um Events“, meldete sich Juergen Boos zu Wort.

Den Wert Frankfurts als Verlagsstadt beurteilte Uwe Rosenfeld: „Für S. Fischer ist es eine gute Verlagsstadt mit guten Kooperationspartnern.“ OPEN BOOKS hält der Geschäftsführer für eine tolle Idee. Zudem sollte man zwischen „Leipzig liest“ und etwa „Frankfurt liest“ keine Konkurrenz aufbauen, das wäre keine Lösung für die Buchmesse.

Zur Mainmetropole als Arbeitsplatz für Autoren und zur Buchmesse äußerte sich Wilhelm Genazino. „Die Autoren haben Frankfurt nicht gemieden. Aber die Buchmesse müsste jeden Tag für das Publikum geöffnet sein, die Eintrittspreise für junge Leute müssen gesenkt werden. Damit würde sich auch das Erscheinungsbild der Messe ändern.“

Juergen Boos hat andere Erfahrungen; er wird von den Ausstellern angesprochen, das Publikum am besten ganz außen vor zu lassen. „Doch mit diesem Spagat leben wir seit Jahren“, resümierte er.

Zum oft zitierten Stichwort „Suhrkamp-Kultur“ meldete sich der Neu-Frankfurter Hauke Hückstädt: „Die Suhrkamp-Kultur steht bei mir im Regal. Aber bemerkenswert ist doch, was jetzt passiert: Heute Abend finden fast gleichzeitig mehrerer hochwertige Veranstaltungen statt: Reiner Kunze stellt im Holzhausenschlösschen sein neues Buch vor, im Hessischen Literaturforum ist Giwi Margwelaschwili zu Gast, im Naxos beginnt der Lese-Marathon zu Heinrich von Kleist, um nur einiges herauszugreifen. Die Lit.Cologne ist etwas ganz anderes, ein hochprofessionelles Festival, das beste, was wir in Deutschland haben. Da muss man unterscheiden.“

Diesen Faden nahm Juergen Boos auf und formulierte: „Heute Abend ist der Saal voll, es sind mehrere Verleger anwesend, Joachim Unseld, KD Wolff, Rainer Weiss und noch weitere. So etwas gibt es in keiner anderen Stadt.“ Auf die Buchmesse eingehend, konstatierte der Messedirektor, dass sie von der Atmosphäre der Stadt lebt, die modern, traditionell und international sei.

Hat Wilhelm Genazino Frankfurt bewusst als Wohn- und Arbeitsort gewählt? will Michael Hierholzer wissen. „Das war ein Zufall und hat tatsächlich mit der Messe zu tun“, antwortete der Autor und erzählte, wie er als Siebzehnjähriger Max Brod auf der Buchmesse traf und dieser ihm von seinem Freund Kafka erzählte, übrigens am Stand von S. Fischer.

Apropos S. Fischer: Auf Nachfrage antwortete Uwe Rosenfeld: „S. Fischer bleibt in Frankfurt, es gibt keine Veranlassung, wegzugehen. Wir werden den Teufel tun, hier wegzugehen! Obwohl der Fischer Verlag in Berlin gegründet wurde“, setzte Uwe Rosenfeld schmunzelnd hinzu.

Zum immer wieder diskutierten Weggang von Verlagen nahm Felix Semmelroth Stelung: „Ich bedaure jeden Verlust eines Verlags für Frankfurt. Aber wie viele Verlage sind denn weggezogen? Mir sind nur Suhrkamp und Baumhaus bekannt. Was heißt da Exodus? Außerdem haben sich andere Verlage in Frankfurt gegründet!“ Die Eichborn-Frage sei noch nicht endgültig entschieden. Die Literaturstadt werde aber nicht nur durch eine hohe Verlagsdichte geprägt, sondern viel mehr durch mögliche Teilhabe an Literatur. Und auf diesem Feld liege Frankfurt zwar nach Berlin aber vor Hamburg, München und Köln auf Platz zwei.

Noch einmal geht es um Festivals, die Hauke Hückstädt als Besonderheiten bezeichnete. „Mein Bestreben ist die Grundversorgung und die Erhaltung des Spannungsbogens über das ganze Jahr. Das Publikum ist natürlich auf der 12 Millionen teuren Lit.Cologne ein anderes als im Frankfurter Literaturhaus, das übrigens jährlich mit 600.000 Euro zurecht kommen muss. Die Literaturhäuser sind Feinkostläden, die auch mal ‘ne Kiste Apfelsinen rausstellen“, verglich er sehr bildhaft.

Uwe Rosenfeld sah das ähnlich. „2500 Veranstaltungen hat Fischer im Jahr. Der Veranstaltungscharakter hat sich in den letzten Jahren geändert. Der Trend geht zu Events und Festivals, populäre Autoren haben Zulauf. Aber wo bleiben die jungen, neuen Autoren?“ Die Ansprüche der Autoren hätten sich übrigens auch geändert, fügte Uwe Rosenfeld hinzu.

„Macht das Literaturhaus den Buchhandlungen Konkurrenz?“, fragte Michael Hierholzer. Hauke Hückstädt konnte das nicht feststellen. Es gibt eher eine große Dichte ganz unterschiedlicher Veranstaltungen. Es sollte auch nicht um sportliches größer, höher, weiter gehen, nicht darum, Zahlen der Verlage und ihre Fragebögen zu Veranstaltungen zu erfüllen. Autoren müssen geschätzt, nicht von Ort zu Ort getrieben werden.

Suhrkamp-Kultur hin oder her – sie ist schließlich in einer ganz bestimmten Zeit entstanden, die es heute so nicht mehr gibt. Viel schlimmer als der vermeintliche Verlust dieser Kultur sei die Tatsache, dass viele Buchhandlungen verschwinden, bilanzierte Felix Semmelroth.

Schade nur, dass sich kein Buchhändler zu diesem Thema äußerte – das wäre bestimmt spannend geworden.

JF

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Schweizer Literaturpreise vergeben

Das Schweizer Bundesamt für Kultur würdigt das Werk der Schriftstellerin Corinne Desarzens mit der höchsten Auszeichnung für Literatur in der Schweiz. Der Spezialpreis Übersetzung geht in diesem Jahr an Christian

weiterlesen