Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an edel-Verleger Michael Haentjes.
Michael Haentjes ist es mehr als den meisten anderen deutschen Verlegern anzumerken, dass intellektuelle Neugier ihn antreibt. Dabei kam er spät zum Buch: der Selfmademan hatte sich zunächst im Tonträgergeschäft gegen die Großen Vier durchzusetzen. Haentjes konnte große internationale Namen wie Chris de Burgh, Deep Purple oder Toni Braxton dauerhaft an sich binden; dasselbe gelingt ihm erfolgreich auch im Buchbereich mit Sebastian Deisler oder Christian Rach. Die Mehrheitsbeteiligung an Zabert Sandmann unterstreicht seine Entschlossenheit, in der ersten Liga mitzuspielen. Seinen wachsenden Medien- und Produktionskonzern verwaltet Haentjes von Hamburg aus.

© Michael Lange
Michael Lemster: Ich kann mir kaum einen glamouröseren Firmensitz vorstellen als Ihren: Glas und edle Hölzer, riesige Terrassen mit Blick auf die Unterelbe – hilft das bei der Arbeit?
Michael Haentjes: Wir sitzen hier seit zehn Jahren, man gewöhnt sich schnell daran. In den ersten zwei, drei Monaten war das eine Ablenkung. Und heute – hin und wieder, wenn Besuch kommt oder in einer Arbeitspause empfinde ich Dankbarkeit und Freude.
Darf man Sie als schillernd bezeichnen?
Michael Haentjes: (mit Emphase) Nein – ich bin ziemlich bodenständig, glaub ich.
Warum sind Sie so laut?
Michael Haentjes: Sind wir das? Nun, wir wollen das, was wir für richtig halten, hin und wieder nach draußen geben. Ich finde das nicht besonders laut. Wir kommen eben aus einer anderen Branche mit ihren eigenen Usancen, die wollten wir uns nicht gleich abgewöhnen.
Als Sie vor vier Jahren mit einem Buchprogramm an den Start gingen, war die Tonalität Ihrer Branchenkommunikation umstritten. War geplant, für Kontroversen zu sorgen?
Michael Haentjes: Nö – eigentlich nicht. (lacht). Wir haben sehr versucht, uns der Tonalität der Buchbranche anzupassen – zum Beispiel indem wir Rainer Groothuis engagierten, einen Buchmann durch und durch. Aber wir versuchen auch, nicht aufzugeben, was wir an Wurzeln haben.
Was macht die deutsche Verlagsproduktion so langweilig?
Michael Haentjes: (Pause) Kann ich so nicht unterschreiben. Ich finde im Gegenteil immer mehr Bücher, die mich interessieren, was sich fatal in meiner Bibliothek bemerkbar macht – die wird immer voller.
Ist Ihr Anspruch nicht der, vieles anders, schöner, spannender zu machen?
Michael Haentjes: Es gibt auch vieles Herausragende in anderen Verlagen. Wir versuchen bei den Besseren dabeizusein, mehr nicht.
Werden Sie mittlerweile nachgeahmt?
Michael Haentjes: Ist mir nicht so aufgefallen. Ich gucke mir die Verlagsprogramme nicht darauf hin an, was von uns erfunden und von anderen aufgegriffen wurde. Unsere wesentliche Innovation, das Ear Book…
… eine Kombination von Musik-CDs und illustriertem Buch…
Michael Haentjes:… hat trotz herausragender Erfolge wie zum Beispiel dem Concert of Angels immer noch eine weit gehende Alleinstellung.
Was ist – um Sie zu zitieren – „eine für den Markt wesentliche Verlagsgruppe“?
Michael Haentjes: Das möchte ich zum Beispiel quantitativ definieren: wir beabsichtigen auf einen Buch-Umsatz von 50 Millionen € zu gelangen. Auf halber Strecke sind wir schon angekommen.
Ihrem Börsenkurs haben Ihre Buch-Aktivitäten noch nicht sehr gut getan?
Michael Haentjes: Der Börsenkurs ist für uns keine Steuerungsgröße, sondern ein Nebeneffekt. Wir sind nicht wahnsinnig aktiv in der Kurspflege. Den Kapitalmarkt nutzen wir schon seit vielen Jahren nicht mehr als Finanzierungsinstrument.
Bei Moewig haben Sie die Abkehr von den MA-Materialschlachten vollzogen. Verstehen Sie genug von Billigverlegerei?
Michael Haentjes: Wir verstehen so viel davon, dass wir sagen können: das ist nicht die Ecke, in der wir uns tummeln wollen.
Was ist Ihre wahre Leidenschaft?
Michael Haentjes: Die Abwechslung.

Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.