Gestern ging die 40. Londoner Buchmesse zu Ende. Das runde Ereignis wurde ausgiebig gefeiert. Und es war ein erlöstes Feiern. Denn bis zur Eröffnung hing die Aschewolke noch über den Erinnerungen vom letzten Jahr, als der isländische Vulkan das Anreisen vieler Aussteller unmöglich machte und die Gänge veröden ließ. Doch das Treiben in diesem Jahr zeigte: Die Messe und auch die Aussteller haben den Staub gründlich aus Anzügen und Kleidern geschüttelt.
„Die Stimmung ist sogar deutlich geschäftiger als vor zwei Jahren – und das gleich vom Start weg“, resümiert Nigel Roby, Managing Director beim The Bookseller, dem britischen Buchhändlermagazin, am Ende der drei Tage. Und er blieb mit seiner Einschätzung nicht allein. Kontakte und Ideenaustausch ist die Ware, die auf den Buchmessen der Zukunft gehandelt werden. Trotz Internet und Social Media.
Das E-Thema spielte auch auf dieser Buchmesse eine zentrale Rolle in den zwei eher tristen Hallen auf dem Earls Court in London. Am Stand der Booksellers Association (BA) war deutliche Nervosität vor der E-Frage zu spüren. Das Internet macht den britischen Buchhändlern weitaus mehr zu schaffen als den deutschen Kollegen, so auch Tim Godfray, Geschäftsführer der BA. Amazon ist nicht nur mit seiner Online-Gegenwartspräsenz deutlich zu spüren, sondern macht auch die Preise in einem Land ohne Preisbindung. Die Prominenz des Kindle gräbt dem Handel selbst dem Verkauf von E-Books das Wasser ab. Und hinzu kommt die Ökonomische Krise, die in Großbritannien noch deutlich härter zu spüren sei. „Das ist eine andere Nummer als damals bei der Einführung der CD-Rom“, so Godfray.
Doch aus Godfrays Sicht geht es aber gerade dem unabhängigen Buchhandel deutlich besser als den Großflächen. Sorgen machten sich die Verleger um die Ungewissheit von Waterstone, dessen Schieflage ein Problem des Mutterkonzerns sei und weniger eins der Buchhandlung selbst. „Ich weiß, in Deutschland ist man beim Thema Elektronik deutlich entspannter“, blickte Godfray fast sehnsuchtsvoll auf den Kontinent. Doch hinter seiner zurückhaltenden englischen Art könnte auch eine deutliche Warnung stecken. „Wir haben viele junge Leute, die die Ärmel aufkrempeln und das Thema Elektronik anpacken wollen“, sagte er, um an Ende wenigstens etwas Versönliches verlauten zu lassen.
Leider wurde dieses Bild gleich im folgenden Seminar deutlich konterkariert: Als eine Referentin in einer Buchhändlerveranstaltung in die Runde fragte, wer denn über das Internet Bücher verkaufe, ging bei fast allen Buchhändlern der Arm hoch. Doch als die Frage kam, wer darüber auch E-Books an die Kunden bringe, zeigten nur noch drei Hände in die Höh. Und so entstand nicht nur unter den Händlern ein Bild, das sich vom deutschen Markt kaum unterscheidet. Obwohl der Druck im Vereinigten Königreich höher ist, suchen dort Buchhandlungen und Verlage auf den gleichen Pfaden wie in Deutschland. Spannend noch: Im Vereinigten Königreich bilden die über 55-Jährigen die stärkste Gruppe bei den E-Reader-Käufern. Am Abend des zweiten Tages prangte auf der Rückseite der Umsonstzeitung Evening Standard eine ganzseitige Anzeige für den Kindle (Preis 111 Pfund etwa 125 Euro) und in den Hallen ging die Spekulation um, ob Amazon in Großbritannien den Kindle im November vielleicht schon umsonst anbietet. An den deutschen Ständen wurde heftig spekuliert, ob der Kindle im kommenden Monat nach Deutschland kommt. Und was ist, wenn Deutschland der Testmarkt für ein Umsonst-Kindle würde?
Gefühlte ein Fünftel der Ausstellungsfläche war dem E-Thema und ihren zahlreichen Dienstleistungsangeboten rund um Elektronik und Druck (vor allem auch POD) gewidmet. Sie gruppierten sich um das Herzstück, einer Vortragsfläche, der sich „Digital Zone Theater“ nannte. Doch es war zu spüren, die angloamerikanische Welt nimmt das Thema deutlich ernster als nur als Theaterdonner. Dort wechselten die Vorträge im 20-Minuten-Takt. Und die Zuschauerzahl lag selten unter 100 pro Vortrag.
In den Vorträgen für Verleger gab es die gleichen Tipps, die es auch hier gibt: Halten Sie Ihre Daten medienneutral, sehen Sie zu, dass die Metadaten gepflegt sind und in allen Katalogen gelesen werden können, gaben die Referenten den Verlegern auf den Weg für das restliche Jahr. Also auch hier das gleiche Bild wie in Deutschland.
In den Vorträgen häufig betont: Vor einem Jahr erst sei das iPad auf den Markt gekommen, doch habe es eine Marktdurchdringung erreicht, die selbst die CD-Rom zu diesem Zeitpunkt noch nicht hatte. Wenn auch nur 20 Prozent der Nutzung auf das E-Book entfällt, sei das aber bei den vielen konkurrierenden Möglichkeit auf dem iPad durchaus eine beachtliche Größe, sagte zum Beispiel Rick Joyce, Werbeleiter bei der Perseus Book Group, einem Verlag, der eine zusätzliche elektronische Dienstleistungssparte für Verlage betreibt. Seine statischen Daten offenbarten eine Überraschung: Der überwiegende Anteil der verkauften E-Books fällt in den USA mit 11 Prozent auf die Belletristik, erst dann folgen Sach- und Fachbuchbuchtitel. Und Bert Freeman, Contentstratege bei Apter brachte es für Verleger auf diesen Punkt: „Wir haben bisher rund um das Buch und seine Seiten kalkuliert, jetzt müssen wir lernen, Content zu kalkulieren.“
Angeheizt wurde die Stimmung als The Bookseller in seiner Messezeitung mit einer Schlagzeile aufmachte, die am letzten Tag viele Gespräche auslösten. „Hard Core Buchkäufer schicken den Buchhandel in die Wüste“ könnte sie frei übersetzt lauten („Heavy book buyers abandoning bookshops, warns Harper Collins boss“). Damit zitierten eine Aussage von Brian Murray, CEO und Präsident von Harper Collins, der wissen wollte, dass amerikanische Buchkäufer, die mehr als 12 Bücher im Jahr kaufen, inzwischen auf das E-Book umgestiegen seien. „Einige der stärksten Buchkäufer gehen nicht mehr in die Buchhandlung“, wurde er zitiert. Der Verkauf von US-E-Reader hätte sich im letzten Jahr von 15 auf 40 Mio. gesteigert, alarmierte er die Branche.
Nicht nur damit brachten die Verleger ihren zunehmenden Unmut darüber zum Ausdruck, dass der Buchhandel so zögerlich auf das E-Thema reagiert. Die Verleger suchten mehr und mehr selbst die Kontakte zu den Lesern, wurden Buchhändler in Veranstaltungen gewarnt. Der Buchhandel müsse deutlich aktiv werden.
Während die Buchmesse 40 Jahre ihre Bestehens beging, feierte Wiley 20 Jahre „…für Dummies“. Ein großer Ballon schwebte über der Halle 1, der das stolz verkündete. Und die internationale Verlegerrunde am Abend brachte deutlich zum Ausdruck, die Marke ist noch längst nicht ausgereizt. Aus dieser Richtung hat der Handel noch viele Umsatzanstöße zu erwarten (siehe auch kommendes BuchMarkt-Heft). „Ich freue mich schon auf das kommende Kooperationsprojekt zur Frankfurter Buchmesse mir dem BuchMarkt„, sagte Harri Gante, der das Projekt in der internationalen Verlegerrunde noch einmal hervorhob und dafür Beifall erntete.
Wenig große Erwartungen hatten deutsche Verleger an die Messe. Dennoch großer Fleiß bei den Damen aus den Lizenzabteilungen der großen deutschen Verlage. Alle hatten volle Terminkalender mit zum Teil über 50 Terminen in den drei Tagen Messe. „Wir haben nicht viel Interessantes für den deutschen Markt gesehen. Aber das ist auch ein gutes Zeichen: Wir müssen uns auf das konzentrieren, was auch der Markt zunehmend von uns erwartet: Wir müssen mit deutschen Autoren unsere Bücher für den deutschen Markt selbst kreieren“, sagte Jürgen Diessl, Verlagsleiter bei Econ. Und dafür seien Messen in Zukunft gut: Zusammen mit anderen Verlegern und Autoren gute Ideen entwickeln, die man dann eigenständig auf dem eigenen Markt umsetzt, lautet seine Devise. Gute Lizenztitel waren offenbar rar gesäht, auch Thomas Carl Schwoerer war nicht begeistert von den Angeboten. Allgemein war zu hören, dass auf dieser Messe bei einigen Lizenztiteln nur Pflöcke eingeschlagen wurden, wenig aber konkret ausgemacht. „Der eigentlich Handel findet in Frankfurt statt“, so Schwoerer. Dennoch entstand angesichts des geschäftigen Treibens und der gut besetzten Tische, deren Zahl noch ausgebaut werden soll, weitgehend der Eindruck: London wird immer wichtiger als Drehscheibe für Lizenzverkäufe.
Lizenzen in den englischen Markt zu verkaufen, bleibt dagegen schwierig. „Große englische Verlage kaufen nur Titel, die auf den oberen 10 Positionen der Bestsellerliste stehen. Es gibt einige kleine Verlage, die sehr engeagiert sind, aber keine Vertriebskraft haben. Manchmal ist es sinnvoller eine Lizenz an einen indischen Verlag zu verkaufen, der das Buch dann in England mit vertreibt. Das ist genauso effektiv als wenn man einen großen englischen Verlag findet, der anschließend aber nichts für das Buch tut“, bringt es eine Lizenzverkäuferin auf den Punkt. Immerhin: Die Buchmesse bot ein Seminar für die Buchhändler an mit einem für deutsche Ohren eher eigenwilligem Thema: „Chance für Buchhändler: Wie Sie mit übersetzten Titeln Umsatz machen können“.
Matthias Koeffler