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Dr. Jörg Maas: Die Philologen holen die Messer raus – Alarm für die Stiftung Lesen?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage(n) der Woche, heute an Dr. Jörg Maas, den Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen.

In diesen Tagen ist die Stiftung Lesen in die Kritik geraten – das war Anlass für Fragen an den Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen. Er verantwortet seit Anfang des Jahres den Kurs der Einrichtung. Zuvor hatte er dieselbe Aufgabe bei der Stiftung Jugend forscht inne, davor konnte er in Europa die Gelder der Bill und Melinda Gates-Stiftung zuweisen.

Dr. Jörg Maas
© Stiftung Jugend forscht

Dr. Jörg Maas – die Philologen holen die Messer raus: Alarm für die Stiftung Lesen?

Jörg Maas: Nein! Keinesfalls. Die Stiftung Lesen betreut seit 20 Jahren erfolgreich bundesweite Leseförderprogramme. 50.000 Lehrkräfte beziehen regelmäßig unsere Materialien; unsere Akzeptanz ist sehr hoch. Die meisten Materialien werden in Projektgruppen entwickelt, in denen auch die Zielgruppe mitarbeitet: also die Lehrer, die Kultusministerien, der Bund.

Und in dem Fall, der jetzt in die Diskussion kam?

Jörg Maas: In diesem Fall haben wir als Institution wahrscheinlich nicht genau hingeschaut. Wenn wir das getan hätten, hätten wir sicher die eine oder andere Veränderung angebracht. Wir nehmen die Kritik – die uns wichtig ist – zum Anlass für neue Qualitätssicherungsmaßnahmen.

Wenn es bislang einmal Differenzen zwischen den bekanntlich oft werbeaversen Pädagogen und der Stiftung Lesen oder deren Sponsoren gab, so wurden die fein hinter den Kulissen ausgetragen. Ist mit Ihrer Bestellung als Hauptgeschäftsführer der Graben weiter aufgegangen?

Jörg Maas: Ich hoffe nicht. Denn wir haben vor, alle Akteure im Bereich der Leseförderung und Bildung zusammenzubringen, und dazu gehören auch die Lehrerverbände. Wer die letzte PISA-Studie aufmerksam angesehen hat, konnte erkennen, dass die deutschen Schüler ihren Rang in vielen Fächern erhöht haben; aber in der Lesekompetenz ist eine signifikante Verbesserung ausgeblieben. Dabei ist die Lesekompetenz die Basisvoraussetzung für den schulischen Erfolg. Hier setzt die Stiftung Lesen an, diese Aufgabe kann aber auch die Stiftung Lesen allein nicht stemmen.

Leseförderung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe…?

Jörg Maas: … die jetzt noch drängender und wichtiger ist denn je, denn alle Welt spricht zu Recht von den bildungspolitischen Defiziten. Am lautesten schlägt verständlicherweise die Wirtschaft Alarm, den sie rechnet mittelfristig mit einer Million fehlenden Fach-und Führungskräften. Mein persönliches Ziel ist es, stabile Netzwerke aus Teilnehmern der öffentlichen Hand, der Unternehmen, der Bildungslandschaft aufzubauen.

Wenn Sie Ihre Erfahrungen als Fundraiser bei der Stiftung Lesen mit denen bei der Stiftung Jugend forscht vergleichen – was ist da anders?

Jörg Maas: Bei der Stiftung Jugend forscht geht es um Begabte und Talente in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik), die schon Zugänge zu Bildungsangeboten hatten und sehen, dass sie hier Talente haben. Eigentlich ist das Begabtenförderung. Die Stiftung Lesen setzt viel früher an, bei der Förderung von Leselust und -kompetenz. Je früher wir damit anfangen, für das Vorlesen zu werben – in den Kindergarten, in den Grundschulen, aber auch in den Betrieben läuft gerade ein Vorleseprogramm für Väter –, um so eher haben wir die Chance, langfristig unsere PISA-Ergebnisse zu verbessern. Bei der Stiftung Jugend forscht haben wir ja gesehen, dass beim Wettbewerb diejenigen mitmachen, die früh Zugang zum Lesen fanden.

Ist die PISA- Studie Ihre Benchmark?

Jörg Maas: Eine wichtige, nicht die einzige. Wichtig sind auch die Berichte über die Alphabetisierungsquoten. Die müssen wir vor Augen haben, wenn wir überlegen, welche Initiativen gibt es auf Länder- oder Bundesebene, die wir unterstützen können?

Sie setzen da auf, wo schon Aktivität besteht?

Jörg Maas: Alles andere wäre nicht nachhaltig. Wir setzen aber zusätzlich Impulse, um Initiativen auszulösen, die z. B. bildungsfernere Schichten erreichen wollen. Zum Beispiel haben wir gerade ein Projekt von Radyo Metropol und der Robert Bosch-Stiftung für türkischstämmige Familien unterstützt.

In türkischer oder deutscher Sprache?

Jörg Maas: Es geht sprachübergreifend um Lesekompetenz. Wir dürfen niemanden verlieren!

Stehen die Lehrer in den MINT-Fächern einer eventuellen Einflussnahme von Sponsoren unbefangener gegenüber als derjenige Kollegenkreis, der das Schildchen „allgemeine Kulturtechniken“ auf der Brusttasche hat?

Jörg Maas: Das kann ich so pauschal nicht einschätzen, glaube es aber nicht. Ich habe zwei Kinder im schulpflichtigen Alter und kenne auch diese Perspektive. Ich glaube, dass in jeder Schulform darauf geachtet werden muss, dass es nicht zu werblicher Einflussnahme kommt. Andererseits müssen Themen, die Alltagsrelevanz haben, an den Schulen aufgegriffen werden…

… zum Beispiel der Umgang mit Geld …

Jörg Maas: … aber auch Ernährung, Umweltschutz, Menschenrechte, Energieversorgung.

Vor genau zwei Jahren haben Sie in Hamburg vor dem Körber Forum als Repräsentant der Bill & Melinda Gates-Stiftung über „Milliarden für eine bessere Welt“ gesprochen. In den USA stemmen karitative Stiftungen aus der Großindustrie soziale Projekte, die weder dort noch in Europa aus öffentlichen Mitteln finanziert werden könnten. Ist das aus Ihrer Sicht problematisch?

Jörg Maas: Das war auch Thema beim Jahrestreffen des Bundesverbands der deutschen Stiftungen, an dem ich gerade teilgenommen habe. Ich denke, Projekte, die nicht voll integriert sind, zum Beispiel in die Bildungspolitik der einzelnen Bundesländer, können problematisch werden oder nicht optimal verlaufen. Umgekehrt ist all das, was die Anstrengungen der öffentlichen Hand unterstützt, zu billigen. Ein Projekt muss sehr gut definiert und miteinander abgestimmt sein, um Sinn zu machen.

Was nützt die schönste Leseförderung, wenn die buchhändlerische Nahversorgung gefährdet ist? Müsste die Stiftung Lesen nicht auch den mittleren und kleinen Buchhandel gezielt fördern?

Jörg Maas: Absolut! Deswegen sprechen wir mit dem Börsenverein, wie wir bei unserem großen, langfristigen Projekt „Lesestart“ auch den Buchhandel nachhaltiger einbeziehen können. Es muss begleitende Angebote im Buchhandel geben, natürlich auch in den Bibliotheken und Schulen.

Schwebt Ihnen eine Art „Lesestart-Shop-in-Shop“ vor?

Jörg Maas: Das wäre denkbar. Der Buchhandel hat seit der Gründung der Stiftung Lesen eine tragende Rolle in der Stiftung Lesen und profitiert unmittelbar von unserer Arbeit. Lesen ist nicht Zweck an sich, sondern Voraussetzung für Bildung, und Bildung ist Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg und Lebensfreude. Wir würden uns wünschen, dass alle Akteure diese Vision teilen, die darin liegenden Chancen ergreifen und die damit verbundenen Verpflichtungen übernehmen

Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.

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