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Wolfgang Balk – warum sollte ich ein gelesenes Buch aufheben?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an dtv-Verleger Wolfgang Balk.

Wolfgang Balk hat mit dem dtv, den er seit 15 Jahren führt, 2010 das beste Jahr in der Verlagsgeschichte hingelegt. Verlagsfusionen und Austritte reduzierten die Gesellschafterzahl von anfangs elf auf vier und verschmälerten die „Einflugschneise“ für attraktive Lizenzen – eine überaus geschickte Originalausgaben-Politik etablierte den dtv fest auf den Hardcover-Bestsellerlisten und kompensierte die Erosion des Nachschlage-Marktes.

Wolfgang Balk
© Isolde Ohlbaum

Der Deutsche hat eine besondere Beziehung zu Büchern. Er zieht mit seinen Schulbüchern um, hat Oliver Voerster gesagt – ist es überhaupt gut, Bücher derart überhöht quasi auf einen Sockel zu stellen?

Wolfgang Balk: Da würde ich differenzieren. Buch ist nicht gleich Buch. Es gibt Bücher, mit denen man weiß Gott nicht umziehen muss – Krimis oder manche Romane. Aber viele andere Bücher sind zu Recht Lebensbegleiter.

Die Buchbranche behauptet, das Buch sei ein Kulturgut, unter anderem um so die Preisbindung besser begründen zu können. Könnte es sein, dass dieses Etikett den Jugendlichen den Zugang erschwert?

Wolfgang Balk: Der Begriff „Kulturgut“ ist sehr weit gefasst. Ein Buch ist in erster Linie ein Medium und als solches weder gut noch schlecht. Es gibt allen möglichen Unsinn, der schon in Buchform gedruckt wurde. Für Jugendliche spielt es eher eine Rolle, wie ihnen Literatur vermittelt wurde. Es gab und gibt immer wieder Jugendliche, denen Bücher wichtig sind. Manchen so wichtig, dass sie selbst Schriftsteller werden wollen. Als Erwachsene tendieren Männer zum Sachbuch, Frauen zur Belletristik.

Gerade der dtv mit seinen Programmschwerpunkten Nachschlagewerke und Klassiker profitiert traditionell von dem Wunsch der Kunden nach Thesaurierung, nach Bewahrung. Macht die Allverfügbarkeit gerade dieser Inhalte in ihrer digitalen Form Ihnen jetzt das Leben schwer?

Wolfgang Balk: Allen Verlagen, die sich mit Lexika auseinandersetzen. Wir gehen davon aus, dass Nachschlagewerke in ihrer gedruckten Form kaum Bestand haben werden.

Reagieren Sie programmatisch darauf?

Wolfgang Balk: Wir haben das dtv-Lexikon eingestellt, nachdem die Verkaufszahlen der letzten Ausgabe alles andere als erfreulich waren.

Was tun Sie persönlich mit den Büchern, die Sie gelesen haben?

Wolfgang Balk: Ganz unterschiedlich. Es gibt Bücher, die ich nicht aufbewahre, und einen Großteil, den ich von Umzug zu Umzug mitnehme. Aber Schulbücher sind kaum dabei, außer einer leinengebundenen griechischen Schulgrammatik und alten Wörterbüchern.

Was ist für Sie ein lebenswichtiges Buch?

Wolfgang Balk: Montaignes Essais, Kants „Kritik der Urteilskraft“, alle Tusculum-Ausgaben, meine Seneca-Gesamtausgabe etc.

… in die Sie regelmäßig hineinschauen?

Wolfgang Balk: In denen ich immer wieder gerne lese, ja.

Sie tragen der Digitalisierung Rechnung, indem Sie Hunderte von Buchinhalten als E-Books anbieten. Ist der Privatmann Wolfgang Balk ein E-Book-Nutzer?

Wolfgang Balk: Es mag hochgestochen klingen, aber ich habe mir für ein paar Euro das Gesamtwerk von Platon und Aristoteles u.a. auf meinem iPhone geladen. Dass ich diese Texte quasi in der Hosentasche überall hin mitnehmen kann, empfinde ich…

… als Faszinosum?

Wolfgang Balk: … doch eher als Bereicherung. Und, man mag es beklagen, im Internet findet man eine Menge Editionen, die kein Verlag mehr in gedruckter Form herausbringen würde…

Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.

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