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Bernhard Echte / Walter Feilchenfeldt: Geschichte des Kunstsalons Cassirer detektivisch recherchiert

Der Nimbus Verlag aus Wädenswil am Zürichsee hat den ersten der auf vier Bände angelegten Publikation zum Kunstsalon Cassirer vorgelegt. So bekannt die Geschichte der legendären Cassirers ist – so unbekannt ist bislang die Geschichte des Salons Cassirer.

Die beiden Herausgeber Bernhard Echte und Walter Feilchenfeldt haben mit ihrem Großwerk {Kunstsalon Cassirer. Die Ausstellungen 1898-1905}. Teil 1: Das Beste aus aller Welt zeigen (1898-1901), Teil 2: Man steht da und staunt (1901-1905 (zusammen 1252 Seiten, 29,7×21 cm, 1050 Abbildungen, Leinen mit Schutzumschlag, Doppelband im Schuber page(46955)) absolutes Neuland betreten. In detektivischer Kleinarbeit haben sie für dieses Werk die Anfänge der Moderne in Deutschland recherchiert.

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Bernhard Echte und Walter Feilchenfeldt

In vier Bänden (wobei ein Band gern auch aus zwei voluminösen Büchern bestehen kann) die gesamte Geschichte des Kunstsalons Cassirer nachzeichnen, ist das nicht ein Projekt, vor dem auch deutlich größere Häuser als der kleine Nimbus Verlag eher zurückschrecken würden?

 

Walter Feilchenfeldt (lacht): Kein kommerzieller Verlag würde ein solches Unterfangen alleine finanzieren wollen und können.

 

Bernhard Echte: … schon deshalb nicht, weil wir die Geschichte von Cassirers Kunstsalon von Grund auf erforschen mußten. Von all den großartigen Ausstellungen und Bildern, die wir dokumentieren, wußte man bislang ja gar nichts.

 

Der erste Band liegt vor – in zwei großformatigen Leinenbänden im Schuber. Und kostet keine 100 Euro. Wollen Sie kein Geld verdienen? Mit den beiden Kunstbänden hat man gefühlte 250 Euro in der Hand!

 

Echte: Doch, doch – wir wollen schon auch Geld verdienen. Doch den Projektförderern war es wichtig, daß wir keine elitäre Wissenschaftspublikation vorlegen, sondern attraktive Bücher, die alle Kunstinteressierten erreichen können. Wir sind deswegen gehalten, den Kostenvorteil weiterzugeben, und wir finden das auch selber richtig so.

 

Wenn Ihre Sponsoren so viel Wert darauf legen, durch einen niedrigen Ladenpreis des Werkes ein möglichst großes Publikum zu erreichen, dann will ich natürlich wissen, wer diese Förderer sind.

 

Feilchenfeldt: Zwei Stiftungen: Die International Music and Art Foundation und die Stiftung Ars Europa. Näheres finden Sie im Internet. Es handelt sich in beiden Fällen um Institutionen, die den Wunsch und die Ambition haben, Kulturgeschichte zu schreiben.

 

Herr Feilchenfeldt, darf man ein bißchen neugierig sein auf Biographisches? Sie sind 1939 im niederländischen Exil geboren, Ihr Vater Walter Feilchenfeldt war seit 1919 Mitarbeiter von Cassirer. Ist diese Ausgabe auch aus biographischen Gründen eine Herzensangelegenheit für Sie?

 

Feilchenfeldt: Natürlich ist dieses Unterfangen eine Herzensangelegenheit für mich. Das Material ist außerordentlich komplex, und niemand anderes hätte für eine solche Arbeit so viel Zeit einsetzen können. In diesen Bänden wird ja hauptsächlich die Ausstellungstätigkeit des Kunstsalons Cassirer beleuchtet und nur indirekt die Handelstätigkeit. Zu letzterem werde ich mich noch im Band über die Jahre 1914-1939 einbringen.

 

Cassirers Salons, gestartet 1898, kennzeichnen den Anfang der Moderne in Deutschland. Wie kommt es, daß über diese Salons bislang so gut wie nicht bekannt war, während doch über die Cassirers – z.B. als Verleger – viel publiziert wurde?

 

Feilchenfeldt: Ganz einfach – niemand hat sich bisher die Arbeit gemacht. Die Ausstellungskritiken der Zeitungen waren zwar theoretisch jedem zugänglich, doch suchen Sie mal die Mikrofilme von einem Dutzend Zeitungen mit zwei bis drei täglichen Ausgaben über zwanzig Jahre durch… Auch die Ausstellungskataloge mußten wir von überall zusammentragen – alles Kleinschriften, die in Bibliotheken oft nicht katalogisiert sind. Und schließlich mußten die Bilder identifiziert werden, wobei wohl meine Berufserfahrung ausschlaggebend war, sich an eine solche Form der Aufarbeitung zu wagen.

 

Die Quellenlage war alles andere als übersichtlich: Berichte in Tageszeitungen, die damals noch ohne Bilder, dafür aber auch mehrfach am Tag erschienen. Sie mußten sich also des öfteren auf das Beschreibungsvermögen von Journalisten verlassen – oder wurden auch damals schon gern Volontäre zu Ausstellungen geschickt?

 

Echte: Nein, im Gegenteil. Damals stand die Kunstkritik in einer Hochblüte, denn auf dem Feld der Kunst wurden die großen Konflikte der Zeit ausgetragen: Wollen wir eine national-konservative, traditionell-autoritäre Lebensform, oder wollen wir Internationalität und Pluralismus, Demokratie und Freiheit. Die moderne Kunst war eine Art Speerspitze, und die Kritiker waren sich dessen absolut bewusst. Es gab brillante Autoren unter ihnen, die sich noch heute spannend lesen lassen.

 

Wieviel eindeutige Identifizierungen gibt es, wie groß ist die Grauzone?

 

Echte: Für drei Viertel legen wir die Hand ins Feuer, das übrige ist Hypothese oder ließ sich nicht ermitteln. Bei den großen Namen – Manet, van Gogh, Cézanne etc. – sind wir zu 95% sicher, denn deren Werk ist besser dokumentiert, als dies bei zweit- und drittrangigen Malern der Fall ist.

 

Auch die Gründung der Galerie Flechtheim in Düsseldorf gilt als ein Markstein für die Durchsetzung der Moderne in Deutschland – da reden wir vom Jahr 1913. Wie haben wir uns den historischen Prozeß der Durchsetzung der Moderne vorzustellen?

 

Feilchenfeldt: Mit den beiden soeben erschienenen Bänden sind wir erst bis zum Jahr 1905 gekommen. Für das Jahr 1913 bitten wir also noch um einen Moment Geduld.

 

Echte: Und für alle, die es nicht erwarten können: Unser Verlag wird in diesem Herbst die erste umfassende Flechtheim-Biographie vorlegen. Da werden Sie Näheres erfahren.

 

1899 ließ sich Seine Majestät persönlich herab, gegen die allzu modernen Künstler zu opponieren. Die National-Galerie brauchte Kaisers Genehmigung für alle Erwebungen, sogar für Schenkungen. War das eine Chance für Privatinitiativen wie die Cassirers? Und wieviel Konkurrenz hatte er?

 

Feilchenfeldt: Einerseits machte das natürlich alles viel schwieriger. Andererseits war es aber auch eine Herausforderung. Und Paul Cassirer war nicht der Mann, der sich so einfach von seiner Vision abbringen ließ, im Gegenteil.

 

Sie verweisen im Vorwort darauf, daß 1933 ein Großteil des Firmenarchivs verloren ging. Die von Ralph Jentsch bei Weidle dokumentierte Enteignungsgeschichte von Flechtheim/Grosz zeigt: Vernichtet wurde da von den Nazis wenig, über dunkle Kanäle verscherbelt dafür in großem Stil. Wie sehen die Chance, daß zumindest Teile des Archivs wieder auftauchen – Raub- und Beutekunst ist man ja derzeit ziemlich intensiv auf der Spur…

 

Feilchenfeldt: Was noch da ist und was fehlt, finden Sie unter link(www.walterfeilchenfeldt.ch). Die frühen Geschäftsbücher bis Herbst 1903 gingen verloren, ebenso das Verkaufsbuch aus den Jahren 1910-1915. Die gesamte Geschäftskorrespondenz bis 1939 wurde während des Krieges in Amsterdam verbrannt.

 

Im Herbst 2014 soll Ihre Cassirer-Edition abgeschlossen sein – mit dem Band über die Salons von 1914-1933. Schaffen Sie das?

 

Echte: Ja. Aber Sie müssen mir dann das Goldene Sportabzeichen verleihen…

 

Kann man die Bände auch einzeln erwerben?

 

Echte: Nein, das würde die Sache für uns zu kompliziert machen. Aber man bekommt beide Bände ohnehin zu einem Preis, für den man sonst nicht mal einen erhält. Das wird auch weiter so bleiben.

 

Sie haben Band 1 der Hauptstadtpresse in der Villa Grisebach vorstellt. Wie war die Reaktion?

 

Echte: Man war allenthalben perplex über das sensationelle Material. Herr Kittelmann, der Direktor der Nationalgalerie, hat eine halbe Stunde lang gesprochen und verfiel von einer Begeisterung in die nächste. So darf es weitergehen.

 

UF

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