Ihre vielfältigen Aktivitäten haben Katharina Engelhardt] in Vellmar bei Kassel und in der Region zu einer kulturellen Institution gemacht.
Genau heute wird sie 65; sie feiert diesen Geburtstag mit 130 Gästen in und vor Ihrer Buchhandlung in Form einer literarischen Matinée, unter dem Motto „65 Jahre Leben mit Büchern“ (Fotos auf [mehr…]). Das war Anlass für ein Sonntagsgespräch darüber,wie sie sich an ihrem runden Geburtstag fühlt und wie sie über die Zukunft für den Handel und für sich denkt:
Zunächst herzlichen Glückwunsch. Was kommt danach?
Katharina Engelhardt: Business as usual. An Aufhören – wenn das in Ihrer Frage lag – habe ich noch keine Sekunde

nicht nur Last“
gedacht. Es geht mir gut, ich bin gesund, ich habe einen guten Mitarbeiterstamm und die Arbeit für und mit meinen Kunden bereitet mir unverändert große Freude.
Sie leben nicht allein, denkt man da nicht daran, es langsamer angehen zu lassen, Zeit für sich und den Partner zu haben, Reisen zu unternehmen, den Ruhestand zu genießen?
Ruhestand? Was für ein merkwürdiges Wort. Sich selber ruhig stellen? Nein, nein. Dann wird man alt und klapprig. Natürlich sind Reisen etwas Schönes. Aber das kommt noch. Zunächst möchte ich mein Geschäft so ausrichten, dass es von den Mitarbeitern möglichst dauerhaft selbständig geführt werden kann.
Ist das nicht heute schon der Fall, nachdem Sie – wenn unsere Annalen uns nicht täuschen – schon vor 28 Jahren Ihren Laden in Vellmar eröffnet haben?
Ja, aber die Zeit und die Gegebenheiten ändern sich immer wieder und man muss sich darauf einrichten. Dieses Jahr hatten wir beträchtliche Behinderungen durch eine Großbaustelle; es wird eine Straßenbahn von Kassel nach Vellmar bis zum Zentrum gebaut. Im vorigen Jahr haben wir den Laden um die Hälfte erweitert und eine Schreibwarenabteilung mit Schulgeschäft angegliedert. Das muss in die Abläufe noch besser integriert werden, zumal Schreibwaren bezüglich des Sortiments und der Warenkunde eine Welt für sich darstellen. Das macht man sich oft von außen gesehen nicht klar. Und meine Arbeit für den Literaturverein….
Ja, das interessiert mich sowieso: Erzählen Sie uns davon etwas mehr, denn dessen Aktivitäten werden von den Autoren, die schon bei Ihnen waren und den Verlagen oft gelobt.
Nun ja, das ist sehr schön gewachsen. Immerhin hat der Verein heute in einer Stadt von nicht ganz 20.000 Einwohnern 250 Mitglieder, die auch sehr intensiv an unseren Lesungen oder sonstigen Veranstaltungen teilnehmen. Das führt dazu, dass diese Lesungen den Dimensionen, die eine Buchhandlung verkraften könnte, längst entwachsen sind und in Gemeindesälen und Bürgerhäusern der Stadt stattfinden. Die typischen Veranstaltungen haben zwischen hundert und dreihundert Besucher. Das macht es uns möglich, auch bekannte und attraktive (und damit teure) Autoren zu gewinnen, die sonst niemals in eine Stadt wie Vellmar kommen würden. Heute spricht sich das unter den Autoren herum, wie sie uns immer wieder erzählen, und es kommt häufiger vor, dass Verlage mit Angeboten für Autorenlesungen an uns herantreten – und nicht etwa mit unbekannten. Ja, diese Arbeit bereitet mir besonderes Vergnügen und verschafft viele Anregungen und Kontakte, die man sonst nicht haben könnte.
Wer waren denn die wichtigsten Autoren oder Autorinnen im Verlaufe der letzten Monate?
Meine Antwort soll nicht unhöflich klingen, wenn ich auf unsere Website buechereck-vellmar.de verweise, wo wir unter den Veranstaltungen nicht nur die kommenden anzeigen, sondern auch ein Archiv führen, das inzwischen mehrere Jahre zurückgeht. Im Laufe der Jahrzehnte (voriges Jahr feierten wir das 25–jährige Jubiläum des Literaturvereins) waren sie – ganz unbescheiden gesprochen – alle da, ob Günter Grass oder Martin Walser, aber auch Dieter Hildebrandt oder Wladimir Kaminer – beide schon mehrfach – ich wüsste nicht, wo anzufangen und wo zu enden. Die gesamte Liste seit Anbeginn ist auf der Website des Vereins zu finden www.ecke-und-kreis.de. Aus unseren letzten Veranstaltungen kann ich Roger Willemsen, Harry Rowohlt, Michael Degen, Martin Mosebach, Ulla Hahn oder Joachim Gauck (Bevor er „Kandidat“ wurde!) hervorheben.
Ja, man spürt, daß Ihnen das ein Herzensanliegen ist. Doch zurück zu Ihnen. Die Frage lautet, wie Sie wurden, was Sie sind.
Ich hatte schon vor der Gründung meiner Buchhandlung 1983 eine Filiale selbständig geleitet – bei Köhl in Brühl – und davor nach der Ausbildung in Kassel in verschiedenen Städten gearbeitet (Heidelberg, Bonn und Köln), einige Zeit sogar bei KV, um die „Gegenseite“ kennen zu lernen. Dann, im Zeitpunkt der Gründung, war Vellmar ohne Buchhandlung und ich mit allerlei Empfehlungen und Ermutigungen versehen. Vellmar, das sich ursprünglich aus einer Reihe von Dörfern zusammengesetzt hat, ist nur eine paar Jahre älter als meine Buchhandlung.
War der Anfang schwer?
Es ging recht gut. Ich habe den aufgenommenen Kredit schnell zurückzahlen können und habe mir das dann nie wieder (toi, toi, toi,) antun müssen. Es ist für mich ein Glück, dass ich ohne fremde Lasten leben kann. Nach 15 Jahren kam noch im Zuge der Errichtung eines EKZs auf der grünen Wiese ein Wettbewerber hinzu, dessen spürbaren Einfluß ich im Laufe der Jahre ausgleichen konnte.
Auf Ihrer Website kann man ein Bild mit dem legendären Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld in Ihrer Buchhandlung sehen. Wie kam der Besuch zustande?

Siegfried Unseld bei der Eröffnung
vor 28 Jahren
Zunächst hielt Siegfried Unseld, mit dem ich freundschaftlich verbunden war, die Rede zur Eröffnung meiner Buchhandlung. Daher stammt das Bild. Später habe ich eine Wette gewonnen, daß ich von Amos Oz „Black Box“ mindestens 500 Exemplare verkaufen würde. Teil der Wette war, dass der in meine Buchhandlung nach Vellmar kommen und mit mir tanzen würde. Beiderseits gesagt, getan, und Unseld diente als Chauffeur.
Welches Buch haben Sie eigentlich am meisten verkauft?
Das war von Martin Doerry „Mein verwundetes Herz“. Die Geschichte dieses zutiefst anrührenden Buches hat sich in unserer Region ereignet und die Menschen hier besonders angesprochen. Davon habe ich in einem Jahr mehr als 1.000 Exemplare verkauft.
Sie habe sich auch im Börsenverein bzw. im Hessischen Landesverband ehrenamtlich betätigt.
Ja, ich gehörte einem der ersten Vorstände des AkS an und arbeitete auch eine Reihe von Jahren im Vorstand des Hessenverbandes mit. Ich denke, das gehört dazu und jeder in unserer Branche sollte eine gewisse Zeit helfen, die Karre eine Stück weit zu ziehen. Verbandsarbeit ist ja nicht nur Last. Man lernt ja auch viele, viele Kollegen und auch Außenstehende kennen. Und das ist zumeist auch ein Gewinn.
Um uns herum werden immer wieder Ängste vor der Zulunft des Buches geschürt…
Viele Menschen haben immer Angst vor Vielem. Ich nicht, auch wenn ich mich immer wieder auf neue Gegebenheiten einstellen und entsprechende Veränderungen vornehmen muss. Für die Kerngruppe meiner Kunden werden Bücher eine unveränderte Bedeutung behalten. Im Randbereich mag es Veränderungen geben, aber selbst dort hat ein neues Medium im Markt ein anderes nicht völlig verdrängt.
Und Sie haben auch keine Angst vor den „Großen“?
Ich denke, dass eher die mittelgroßen Buchhandlungen von den ganz Großen bedroht sind, weil sie sich weniger gut in räumlichen und inhaltlichen Nischen einrichten können. Ich rechne nicht damit, dass Thalia & Co. sobald Einzug in einer Stadt wie Vellmar halten werden.
Zum Schluss die obligate Frage nach dem E-Buch?
Das E-Book wird sicherlich eine wachsende Bedeutung bekommen, aber nicht auf den Feldern, in denen wir unsere Domäne sehen, nämlich der Belletristik und dem Kinderbuch. Ich sehe die Zukunft vom E-Book hauptsächlich bei Büchern, die zum Nachschlagen und zur Information dienen, und nicht so sehr bei echten Schmökern, in denen man versinken kann.
Wie halten Sie es dann damit in der Praxis?
Wir haben uns bei libreka als Affiliate angemeldet, um bei eventl. Downloads zu partizipieren. Noch bieten wir die E-Books nicht als Hardware an, weil ich deren Entwicklung bezüglich des Bedienungskomforts noch nicht für hinreichend ausgereift halte. Das gilt z.B. für die Geräte des Zwischenbuchhandels. Auch die Angebote zur Zusammenarbeit sind wenig attraktiv. Aber dieser Zukunft sehen wir gelassen entgegen.
Die Fragen stellte Christian von Zittwitz