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Heute: Philip Roeder – wann geht Bloomsbury Deutschland wieder zur Tagesordnung über?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Bloomsbury-Geschäftsführer Philip Roeder.

Philip Roeder führt seit Juli 2010 die Geschäfte von Bloomsbury Deutschland – zunächst gemeinsam mit Mitbegründerin Elisabeth Ruge, seit deren viel diskutiertem Ausstieg im März 2011 allein. Seine Verlagslaufbahn führte ihn u.a. über den Suhrkamp Verlag, dessen kaufmännischer Geschäftsführer er lange Jahre war.

Philip Roeder
© Bloomsbury Verlag

Philip Roeder – vor genau einem halben Jahr die Nachricht, dass Bloomsbury Deutschland einer zentralen Lenkung aus London unterstellt wird – die zaghafte Auflehnung – das Ausscheiden von Elisabeth Ruge, die der Branche und den Medien als verlegerische Seele des Verlages gilt. Seitdem hat die Gruppe durch Übernahmen und Umbenennungen von sich reden gemacht, fehlt aber weitestgehend auf deutschen Bestsellerlisten. Wann geht Bloomsbury Deutschland wieder zur Tagesordnung über?

Philip Roeder: Ihre Frage darf ich natürlich als Provokation verstehen. Erstens wurde im Februar keine zentrale Steuerung verkündet, sondern eine neue Struktur. Wie jede größere Unternehmensgruppe eine Struktur hat, so braucht auch jede größere Verlagsgruppe eine Struktur mit klarer Geschäftsverteilung und Verantwortung. Das machen wir bei Bloomsbury nicht anders als Random House, Bonnier oder Holtzbrinck. Und zweitens: unser Programm wird nicht in London gemacht – jeder, der das Verlagshandwerk kennt, weiß, dass das nicht gehen kann.

Die damalige Geschäftsführung wird mit den Worten zitiert, ob die zentralen Strukturen für einen deutschen Belletristik-Verlag funktionierten, „werden die nächsten Monate zeigen“. Haben sie es gezeigt?

Philip Roeder: Das war nie meine Sorge, denn „zentrale Strukturen“ sind nicht gleich Zentralismus. Strukturen müssen mit Leben gefüllt werden und leben durch die handelnden Personen. Wir haben neue Berichtslinien, die sich aus meiner Sicht bewährt haben. Die bestehenden Kommunikations-Kanäle besonders unseres Berliner Lektorats mit den Kollegen in England und den USA werden stärker und systematischer genutzt als früher – zum Informationsaustausch, aber nicht nur dazu. Zum Beispiel diskutieren die US-Kollegen mit den englischen und deutschen Kollegen, um welche Autoren sie sich gemeinsam bemühen wollen.

Sie selbst sprachen statt von zentraler Programmpolitik von besserer Abstimmung der Lektorate bei international vermarktbaren Titeln. Wie hat das in der Praxis der vergangenen sechs Monate funktioniert?

Philip Roeder: Es funktioniert zum Beispiel immer wieder gut, wenn wir unsere Vorgehensweise bezüglich einzelner Bücher oder Autoren bei den jeweiligen Agenten abstimmen – unsere Argumente sozusagen bündeln. Wir können ins Feld führen, dass wir als internationale Gruppe mehr Marketing-Power entfalten können, als einzelne Verlage in den verschiedenen Ländern dies jeweils für sich leisten könnten. Und wir kommen– verglichen mit vielen rein national operierenden Verlagshäusern – oft viel frühzeitiger an wichtige Informationen hinsichtlich neuer attraktiver Titel und Autoren.

Sie brauchen keine Scouts…

Philip Roeder: Genau. Manchmal gelingt es den Kollegen in London, die Weltrechte an interessanten Titeln zu erwerben, und dann haben wir selbstverständlich die erste Option für die deutschsprachige Übersetzung. Neuerdings gelingt das aber auch umgekehrt: so konnte Bloomsbury Deutschland neben den deutschsprachigen auch die englischsprachigen Rechte an Zeruya Shalevs neuem Roman sichern. Das Buch wird also nicht nur bei uns, sondern auch bei Bloomsbury in Großbritannien und in den USA erscheinen.

Wie begründen Sie hohe Honorarvorschüsse für deutsche Autoren in London, wenn diese erkennbar auf anderen Märkten nicht funktionieren werden?

Philip Roeder: Es ist unsere Sache, was wir akquirieren. Die Ergebnisverantwortung liegt in Berlin, nicht in London. Als deutschsprachiger Verlag kaufen wir deutsche wie europäische Autoren nicht primär für die internationale Vermarktung. Genau so wenig geben wir angelsächsische Autoren auf, nur weil sie von unseren Kollegen in den USA und England nicht verlegt werden. Wir können auf die Expertise unserer Kollegen zurückgreifen, bleiben aber frei in unserer Entscheidung.

Wie wichtig ist es für Ihren Erfolg, dass das Berlin Taschenbuch, das im Handel eine gute Marke für Qualitätstaschenbücher ist, jetzt in Bloomsbury Taschenbuch umbenannt wurde? Das klingt mit Verlaub nach einem Ukas aus London.

Philip Roeder: Nein, überhaupt nicht. Als wir unser deutsches Bloomsbury-Programm und unser Kinder- und Jugendbuch gestartet haben, hat niemand gesagt, warum nennen die das jetzt Bloomsbury. Das war einfach evident. Man kann immer darüber streiten, wie bekannt und durchgesetzt ein Markenname ist. Unser Bär als Taschenbuch-Logo ist im Handel durchgesetzt – der alte Name nicht. Es ist also eine Frage der Profilierung, den Namen Bloomsbury auch im Taschenbuch einzuführen. Der Bär bleibt selbstverständlich erhalten, wie übrigens auch die anderen graphischen Verlagssignets.

Geht Ihre Strategie auf, durch Eigenauslieferung die Wertschöpfungskette im dynamischen Geschäft mit fremdsprachiger Literatur zu verlängern – zu Lasten der Importeure und Großhändler?

Philip Roeder: (lacht) Das ist schön gesagt – ich habe natürlich Mitgefühl mit den Großhändlern. Die Erfahrung, die wir gemacht haben, ist sehr gut. Wir versuchen dem Buchhandel den Vorteil zu verschaffen, dass er unser englisches Programm gemeinsam mit dem deutschen in einer Lieferung und mit einer gemeinsamen Rechnung erhält. Außerdem kennen unser Vertrieb wie der Außendienst das Programm auch inhaltlich. Das funktioniert insbesondere beim mittelständischen Buchhandel sehr gut. Weniger bei kleinen Buchhändlern, die die englischen Programme nicht bei uns kaufen, da sie lieber bei Importeuren und Großhändlern bündeln.

Haben Sie da den Rowling-Faktor herausgerechnet?

Philip Roeder: Ja, bereinigt um den Potter-Effekt verzeichnen wir jedes Jahr im englischsprachigen Bereich ein Wachstum.

Noch ein Wort zu Rowling: Bloomsbury UK sagt, der Verlag werde von J.K.Rowlings geplanter Website pottermore.com mit profitieren – wie soll das aussehen?

Philip Roeder: J.K.Rowling hat offiziell verkündet, dass der Verlag an den E-Book-Verkäufen partizipiert. Davon abgesehen haben die Verfilmung von Band 7 und der Hype um Pottermore die Printverkäufe deutlich beflügelt.

Was haben Sie für die deutsche Öffentlichkeit sonst noch auf Lager?

Philip Roeder: Wir schärfen das Profil unserer Imprints und stärken die Wahrnehmung im Handel und der Presse. Der Berlin Verlag hat ohnehin ein exzellentes Standing, und beim Kinder- und Jugendbuch gelingt uns das ebenfalls. An Bloomsbury Berlin arbeiten wir intensiv. Wie immer folgt das Taschenbuch vorlaufbedingt mit einem gewissen Abstand. Hier wollen wir von momentan vier auf fünf bis sechs Titel pro Monat wachsen.

Sollen dabei Lizenzkäufe eine Rolle spielen?

Philip Roeder: Zunächst wollen wir Bloomsbury Berlin moderat ausbauen und suchen gezielt nach deutschsprachigen Autoren. Dadurch verbreitert sich die Basis für attraktive Taschenbuchrechte. Bereits jetzt haben wir im Taschenbuch fast jeden Monat eine Originalausgabe oder Deutsche Erstausgabe. Und wir kaufen zu – entweder weil uns ein Buch besonders gut gefällt wie zum Beispiel Franz Hessels „Spazieren in Berlin“ – oder weil wir in Bezug auf einzelne Autoren unsere Backlist ergänzen wollen. Abschließend vielleicht noch dies: Wir sind stolz auf unsere Autoren und stolz darauf, dass sie uns – auch in einer Um- und Aufbruchsphase – die Treue halten. Nehmen Sie Zeruya Shalev oder William Boyd – von beiden gibt es im Frühjahr 2012 einen großen Roman.

Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.

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