Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Dr. Ansgar Mayer, Leiter Crossmedia an der Axel Springer Akademie, zu der ersten rein journalistischen E-Book-Edition [mehr…] im deutschsprachigen Raum.
Herr Mayer, Sie haben mit Ihrem Projekt Maßstäbe gesetzt, wie das E-Book heute aussehen könnte. Könnten Sie uns hierzu mehr verraten?

Vielen Dank, das war auch oberstes Ziel dieses Crossmedia-Projektes. Wir wollten den Gedanken einer anspruchsvollen, aktuellen Kollektion – journalistisch gesprochen: einer Themenreihe – auf einen Medienkanal bringen, der mit Sicherheit auch in Deutschland vor einer eindrucksvollen Entwicklung steht. Immer mehr digitale Lesegeräte werden verkauft, damit überträgt sich ein Trend aus den USA auf Deutschland. Wir wollten schon jetzt testen, wie sich die Produzenten von Qualitäts-Inhalten auf diesen neuen Vertriebsweg einzustellen haben – und zwar plattform-übergreifend, also lesbar auf allen E-Readern, Smartphones oder Tablets.
Wie kam es überhaupt zu der Idee?
Die Edition „links.rechts.hier.“ entstand im Rahmen unserer Crossmedia-Masterpieces – den Abschlussprojekten unserer Journalistenschülern, mit denen die Akademie den Anspruch unterstreichen will, Deutschlands modernste Journalistenschule zu sein. Mit jedem unserer Crossmedia-Masterpieces http://www.axel-springer-akademie.de/innovation/projekte.html betreten wir Neuland – ob mit einem anspruchsvollen und exklusiven iPad-Magazin wie KRAFTWERK D oder einem neuen Zugang zum journalistischen Umgang mit Social Media, wie bei www.thisissouthafrica.de. Wir bilden Journalisten aus und gestalten die Zukunft der Medien. Mit linksrechtshier.de haben wir nun eine journalistische E-Book-Edition gestartet.
Womit befasst sich die Edition?
Team 9 der Akademie hat eine Edition rund um das Thema „Emotion“ entwickelt: „Wenn Gefühl entscheidet“, lautete der Untertitel der Edition und damit auch der Claim der zentralen Projektseite www.linksrechtshier.de. Jedes einzelne E-Book der Edition stellt Menschen vor, die in entscheidenden Situationen nach Gefühl gehandelt und entschieden haben: Ein Soldat, der als junger Familienvater in einen Auslandseinsatz geht, Wechselwähler, die nach Gefühl ihr Kreuzchen setzen. oder brave Büroangestellte, die am Wochenende zu hasserfüllten Fußball-Hooligans mutieren – alle diese Geschichten stehen für Menschen in Entscheidungssituationen.
Haben Sie keine Angst, dass der Leser enttäuscht wird? Beim E-Book erwartet man doch eigentlich einen Roman oder einen Ratgeber?
Tatsächlich erreichten uns nach dem Start der Edition einige neugierige Rückfragen. Unser Ziel war, ein neues Gefühl für journalistisches Storytelling zu finden: punktgenau, dossierhaft, ereignisbezogen – so steht die Edition jeweils für die komplette journalistische Bandbreite, sowohl inhaltlich-ressortspezifisch als auch in den Darstellungsformen.
Warum blitzt und funkelt und dröhnt es eigentlich nicht in dieser E-Book-Edition? Sprich: Ist das überhaupt ein Crossmedia-Projekt, wo alle Inhalte statisch sind?
Oh, ich finde, dass es inhaltlich durchaus blitzt und funkelt – und zum Beispiel beim E-Book „Teilzeitork“ von Martin Gardt auch ganz schön dröhnt. Aber es stimmt: diese E-Books sind in ihrer Struktur statische Produkte. Das hat ganz einfach damit zu tun, dass wir keinen Käufer und potenziellen Leser enttäuschen wollten: Diese E-Books können auf jedem handelsüblichen Reader gelesen werden, entweder im PDF- oder im EPUB-Format. Daher haben wir uns entschlossen, in den Büchern selbst auf multimediale Elemente zu verzichten.
Trotzdem ist es natürlich durch und durch ein Crossmedia-Projekt: Dafür steht erstens genau dieser Plattform-übergreifende Ansatz – wir können auf allen digitalen Geräten gelesen werden. Hinzu kommt: Auf der zentralen Seite www.linksrechtshier.de wird jedes einzelne E-Book vom jeweiligen Autor multimedial präsentiert, mit einer Leseprobe und einem aufwändig produzierten Video-Trailer. Und schließlich: Die Journalistenschüler suchen auch eine neue Nähe zur Zielgruppe, zu jedem E-Book gehört deshalb ein eigener Facebook- und Twitter-Kanal.
Wo sehen Sie die Zielgruppe für diese Produkte? Erreichen Sie damit wirklich die angeblich ganz neuen Leserschichten?
Die E-Books wurden von einem jungen Team im Alter von 20 bis 30 Jahren produziert und das ist auch die gewusst gewählte Perspektive, die sich auch in den Protagonisten der meisten Geschichten wiederfindet. Somit ist auch die Zielgruppe eher jünger, im Alterssegment 19 bis 39 Jahre, wobei wir bei vielen Büchern schon jetzt feststellen, dass die Käufer vielfältiger sind, denn die E-Books decken nun einmal eine wirklich breite Palette von Themen ab und bieten deshalb auch ganz anderen Zielgruppen Anknüpfungspunkte.
Wichtig ist aber vor allem, dass wir mit dieser Edition auf die Smartphones und Tablets unserer Leser wollen: Es handelt sich ja bewusst um kompaktere Leseumfänge von 15 bis maximal 50 Seiten – Pendler-Lektüre, die man zum Beispiel bequem in ein paar Tagen während der Fahrt in der U-Bahn lesen kann. Wir machen also niemanden dem klassischen Buch abspenstig, sondern wollen Menschen fürs Lesen gewinnen, deren Hauptlektüre bisher vielleicht eher Facebook-Statusmeldungen oder kurze Newsbytes waren.
Sie wollen also das gedruckte Buch nicht angreifen – trotzdem stellt sich doch aber die Frage, was aus der klassischen Variante mittelfristig werden soll?
So wie die gedruckte Zeitung eine Zukunft hat, so glaube ich an eine solide Zukunft des gedruckten Buches. Dass es hier noch großes Potential gibt, hat BILD am SONNTAG kürzlich mit einer Thriller-Edition bewiesen. Die Edition hat sich insgesamt über 600.000 mal verkauft.

Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.