
„Ich sperre mich mit
meinen Gedanken ein“
Auf einer Pressekonferenz im „schönsten Bau von Bergen-Enkheim“, wie Ortsvorsteherin Renate Müller-Friese in ihrer Begrüßung formulierte, wurde heute in der Nikolauskapelle der 38. Stadtschreiber, Thomas Lehr, vorgestellt [mehr…].
Am Gespräch nahmen weiterhin Prof. Felix Semmelroth, Kulturdezernent der Stadt Frankfurt, Cornelia Grebe und Joachim Netz, beide Geschäftsführer der Kulturgesellschaft Bergen-Enkheim, sowie die Mitglieder der Stadtschreiber-Jury Adrienne Schneider und Wolfgang Mistereck teil.
Mit dem Stadtschreiberpreis, so konstatierte Felix Semmelroth, ist ganz besonderes literarisches Leben verbunden. In Bergen-Enkheim sei es gelungen, seit 1974, als der Preis zum ersten Mal vergeben wurde, kontinuierlich das Publikum dafür zu begeistern. So haben sich die Menschen hier knapp 40 Jahre Gegenwartsliteratur erlesen.
Der Preis strahle auf die gesamte Stadt Frankfurt, zu der Bergen-Enkheim seit 1977 gehört, aus. Die später gegründeten Institutionen wie das Literaturhaus, die Romanfabrik oder das Hessische Literaturforum profitieren davon.
„Wir würden uns freuen, Thomas Lehr oft hier zu sehen. Aber natürlich gibt es keine Residenzpflicht“, wandte sich der Kulturdezernent an den Schriftsteller.
Thomas Lehr, der gegenwärtig aufgrund seines Buches September. Fata Morgan, das im letzten Jahr auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand, und hinsichtlich des bevorstehenden zehnten Jahrestages der Terroranschläge vom 9. September zahlreiche Lesungen zu bestreiten hat, ging auf künftige Projekte ein. Er hoffe, ab November wieder mehr Zeit zum Schreiben zu haben. Er arbeitet seit etwa anderthalb Jahren an einem Roman über Kunst und Wissenschaft in Deutschland, der im letzten Jahrhundert angesiedelt ist.
Da der in Speyer geborene und seit 32 Jahren in Berlin lebende Autor eine elfjährige Tochter hat, wird sich der Aufenthalt in Bergen-Enkheim auf die Schulferien konzentrieren.
Auf die Frage, wie er arbeite, meinte Thomas Lehr, dass eine blitzartige Idee die Basis für seine Bücher bilde. „Zusammenstöße von Gedanken im Kopf sind ausschlaggebend“, sagte er. Bestimmte Szenen bereite er gründlich vor. „Ich sperre mich mit Gedanken ein, stelle uns Aufgaben und warte auf etwas Spontanes. Es entsteht eine Art Strom, ich lasse mich in die Sprache hineinfallen.“ Dann kühle die Lava ab, man muss warten, das Geschriebene kontrollieren.
Thomas Lehr verriet auch, dass September nicht so entstanden ist, wie es dem Leser jetzt vorliegt, das Buch wurde komponiert.
Morgen Abend wird der Preis traditionell auf einem Volksfest im großen Zelt auf dem Markt von Bergen überreicht. Dann wird auch der bisherige Stadtschreiber Thomas Rosenlöcher anwesend sein – er ließ sich heute entschuldigen, da er noch an seiner Rede feilte.
JF