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Jo Lendle – sind Sie ein „Autor, der nervt“?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an DuMont-Geschäftsführer Jo Lendle.

Jo Lendle begann seine Verlagslaufbahn im DuMont Buchverlag, den er heute als verlegerischer Geschäftsführer leitet. Seine erste Prosasammlung „Unter Mardern“ veröffentlichte er bei Suhrkamp, seitdem publiziert er bei der DVA.

Jo Lendle
Foto: Daams Naber Flashfotos

Jo Lendle, Sie haben sich fest verankert in der Bücherwelt – als Verleger, also berufsmäßiger Leser, und als Autor. Was bedeutet Ihnen das Management als Beruf?

Jo Lendle: Zum Management bin ich über die Liebe zu den Büchern gekommen. Im Tomatengroßhandel wäre ich vermutlich kein geeigneter Manager. Ich freue mich über die Spielräume im Gestalten eines Verlagsprogramms.

Ihre zwei Berufe sind nicht gerade dafür bekannt, dass sie denen, die sie ausüben, viel Freizeit übrig lassen. Wie priorisieren Sie, wenn es auf beiden Seiten zeitlich eng wird?

Jo Lendle: Hm – letztlich hat erstaunlicherweise immer alles noch geklappt, und sei es dadurch, dass ich den Puffer der Nacht angezapft habe. Das Schreiben hat in meinem Leben eine sehr enge Zeitlinie bekommen – morgens eine Stunde, die ich niemandem wegnehme außer mir selbst. Aber jedes Leben ist ja ein Ringen mit vielen Rollen, wenn auch vielleicht nicht jede Rolle einen derart totalen Anspruch stellt wie das Schreiben und Verlegen.

Sie haben entschieden, nicht im eigenen Verlag zu publizieren. Andere sind da weniger zimperlich …

Jo Lendle: Das habe ich nie überlegt. Verlage sind Filter, und das ist gut so. Wenn ich in dem Filter lande, den ich selber reinige, schiene mir das falsch.

Sie kennen alle Tricks der Verlage und haben sicher zu Ihrer Vermarktung eine eigene Meinung – macht Sie das zu einem „nervenden“ Autor?

Jo Lendle: Ich hoffe nicht – was auch daran liegt, dass ich durch die Verlagsarbeit um die Begrenztheit der Möglichkeiten weiß. Jeder Autor denkt, sein Buch sei das wichtigste der Welt, ich persönlich kriege diese Vorstellung angesichts der eigenen Erfahrungen nicht mehr ungebrochen hin.

Wie setzen Sie Ihre Wünsche durch, wenn Sie etwas unbedingt wünschen?

Jo Lendle: Ich bin als Autor nicht so der große Wunschdurchsetzer. Ich freue mich sehr, was die Kollegen für mich tun, und nehme das gern an. In Fragen des Textes bin ich sicherlich kompromissloser als in Marketingfragen. Auch über Cover kann man schon mal streiten, das gehört dazu.

Nun liegt Ihr dritter Roman „Alles Land“ vor. Was war Ihnen besonders wichtig daran?

Jo Lendle: Es ist eine Geschichte, die mir seit Ende der neunziger Jahre nachgeht, die ich als Prosa und als Theaterstück ausprobiert habe. Ich wollte immer wissen, wer das war, der unser Weltbild so ins Wanken gebracht hat. Nach meinem letzten Roman habe ich mir das Projekt noch einmal mit Entschiedenheit vorgenommen. Alfred Wegener kommt aus einer stark religiösen, vom Glauben geprägten Familie und entscheidet sich für das Wissen. In seiner Zeit war die Überzeugung, dass das Wissen die Position des Glaubens übernimmt, auf ihrem Höhepunkt.

Sie beschreiben einen Typus Mensch, der in seinem leicht autistisch gefärbten Drang, allem genau auf den Grund zu gehen, fast archaisch wirkt. Begegnen Sie diesem Typus heute hin und wieder?

Jo Lendle: Ja, und ich glaube, jeder trägt diesen Typus in sich. Wenn wir auch immer mit Menschen umgehen, gibt es ein Glück, das nur entsteht, indem wir uns in uns vergraben. Wegener war ein großer In-sich-Vergraber, dadurch seine Weltabgewandtheit und Menschenscheu, die ich etwas überzeichne. Wegener hatte seine Aufgabe, die Lehre von der Kontinentalverschiebung durchzusetzen, aber er war auch ein obsessiver Universalgelehrter. Er durchquert Grönland nicht einfach, sondern beobachtet und misst dabei alles: die Schneetemperatur, die Wolkenhöhen – es ist alles so einladend! Wir kennen das selbst noch aus der Kindheit, aber dann kommt die Welt und sagt; Nein, du musst dich spezialisieren. Das war die Unverschämtheit von Wegener, die ihm die Fachgelehrten angekreidet haben: sich nicht festlegen zu lassen. Er ist in die Welt hinausgegangen und hat beobachtet. Gerade sein frischer Blick half ihm bei seiner frechsten These. Die Idee, dass die Kontinente einst zusammenhingen, ist ja nicht neu – schon Humboldt fiel auf, dass die Westküste Afrikas und die Ostküste Südamerikas perfekt zusammenpassen. Wegener kam seine universelle Beschlagenheit zugute – er konnte Belege aus Geologie, Botanik, Zoologie usw. zusammenführen und sich letztlich damit durchsetzen.

Für wen schreiben Sie – haben Sie beim Arbeiten eine bestimmte Person vor Augen?

Jo Lendle: (zögert) Ich schreibe wirklich einfach gern, ich mag den Vorgang des Schreibens, also tue ich es zunächst für mich. Mit der zunehmenden Zahl von Büchern und Rückmeldungen denkt man sicherlich deutlicher an die Leser. Aber „Alles Land“ habe ich aus meiner erdachten Freundschaft zu Alfred Wegener geschrieben.

Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.

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