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Stadtschreiberfest: Goethe, Ginkgo und Streuobstwiesen

Thomas Lehr, Thomas Rosenlöcher

Etwa 1000 Gäste fasst das große Zelt auf dem Marktplatz von Frankfurt Bergen-Enkheim – die waren heute Abend gekommen, um bei der Schlüsselübergabe an den 38. Stadtschreiber, Thomas Lehr, [mehr…] dabei zu sein.

In ihren einleitenden Worten konnte Ortsvorsteherin Renate Müller-Friese nicht nur den scheidenden 37. Stadtschreiber Thomas Rosenlöcher als besonderen Gast, sondern auch den Amtsinhaber von 2004/2005, Peter Weber sowie die Juroren Adrienne Schneider, Monika Steinkopf und Wolfgang Mistereck im Zelt begrüßen.

Mit der Formulierung Jörg Steiners, Stadtschreiber 1997/1998, fasste sie das Amt kurz und bündig zusammen: Der Stadtschreiber von Bergen-Enkheim muss nichts, aber darf alles.

Thomas Rosenlöcher dankte sie für seine Amtszeit, er sei mit seinem außergewöhnlichen Wesen, Wissen und Können ein Glücksfall der Stadtschreiberei, die es seit 1974 auf Initiative des Autors und Bergener Bürgers Franz Joseph Schneider gibt. „Wir werden Sie sehr vermissen und freuen uns, wenn Sie uns wieder einmal besuchen“, wandte sich Renate Müller-Friese an den Lyriker.

Frankfurts Kulturdezernent Prof. Felix Semmelroth würdigte die Arbeit der Jury, die stets zu überraschenden Ergebnissen führe. Die einzige Konstante dabei: Immer fällt die Wahl auf einen guten Schriftsteller.

Katja Lange-Müller, Stadtschreiberin von 1989/1990, blickte zunächst auf ihre Amtszeit zurück, die ihr damals unbegreiflich war. Sie erhielt im September 1989 den Schlüssel für das Haus An der Oberpforte von Eva Demski. Kurze Zeit später fiel die Mauer mit all ihren Schrecknissen. Mehr als 20 Jahre sind seither vergangen. Zurück im Stadtschreiberhaus begab sie sich in diesem Jahr auf Spurensuche, nicht nach Zeugnissen ihrer Amtszeit, sondern nach der Hinterlassenschaft von 37 Stadtschreibern. Bei ihrem Besuch in Bergen-Enkheim nach langer Zeit half ihr erneut Monika Steinkopf, „die beste und verlässlichste Freundin aller Stadtschreiber“.

Im Haus An der Oberpforte findet man wenig Spuren – aber die Bücher aller bisherigen Stadtschreiber sind dort versammelt. So vereinen sich die Schriftsteller über die Zeiten hinweg. „Auf diese Art sind wir zusammen“, stellt Katja Langen-Müller fest.

Die Autorin erzählt Geschichten, eine entwickelt sich aus der anderen, viele haben mit Wolfgang Hilbig, Stadtschreiber 2001/2002, zu tun. Der 2007 verstorbene Autor führt zur Liste all derer, die nicht mehr leben. Ihrer gedenkt Katja Langen-Müller ganz besonders.

In seiner Abschiedsrede bedankt sich Thomas Rosenlöcher bei den Geschäftsführern der Kulturgesellschaft Bergen-Enkheim, Cornelia Grebe und Joachim Netz, bei Adrienne Schneider, Monika Steinkopf und dem Berger Hang, der ihm manches Obst vor die Füße rollte. Eindrucksvoll beschreibt er die in der Herbstsonne golden glänzenden Ginkgoblätter, den Baum hatte ein Amtsvorgänger gepflanzt. Aus Tagebucheinträgen wurden Gedichte, zwei davon – darunter das längste, das er jemals geschrieben hat, trug er vor.

Nach der Schlüsselübergabe formulierte Thomas Lehr in seiner Antrittsrede: „Sie sollen mich kennen lernen, aber wie!“ Er könne den Bergen-Enkheimern keinen gläsernen Stadtschreiber präsentieren, ist froh, nach so schwierigem Stoff wie dem Buch September. Fata Morgana in Bergen-Enkheim Ruhe zu finden, aber auch die Möglichkeit zu haben, unter die Bücher und unter die Leute zu gehen. Für ihn gestaltet sich das Schreiben so: Ein glänzendes Wort verwandelt sich in einen Abgrund und fordert ihn auf, zu springen. „Es ist wie hinein fallen und punktlos halluzinieren“, sagt Thomas Lehr in Anspielung auf sein Buch, das ohne Satzzeichen auskommt.
Parallelen zieht er zu Goethe, dessen West-östlicher Diwan ihn beim Schreiben von September oft begleitete.

Viel ist an diesem Abend von den Streuobstwiesen, die gerade am Berger Hang üppig vorhanden sind, zu hören. Hier wachsen alte Sorten, Seltenheiten. Vielleicht gleichen ihnen die Bücher ein bisschen, die in solcher Umgebung entstehen.

Im Anschluss konnten die Festgäste am Tisch von Monika Steinkopfs Berger Bücherstube Werke der Stadtschreiber erwerben – Thomas Rosenlöcher und Thomas Lehr signierten sie gerne.

JF

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