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Monika Kolb-Klausch: Lernen die Jungbuchhändler jetzt endlich, wo der Barthel den Most holt?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Börsenvereins-Bildungsdirektorin Monika Kolb-Klausch.

Monika Kolb-Klausch ist im Börsenverein zuständig für die Ausbildung und leitet den mediacampus in Frankfurt-Seckbach, die frühere Buchhändlerschule. Gemeinsam mit Branchenvertretern, Verbänden, Behörden und Gewerkschaften etablierte sie eine Novelle der Buchhändlerausbildung, die der Herausforderung durch all das, was nicht gedruckt und gebunden auf den Buchhändler-Tisch kommt, Rechnung tragen soll.

Monika Kolb-Klausch
Foto: privat

Monika Kolb-Klausch –die Zahl der Neu-Azubis 2011 im Buchhandel scheint neuesten Zahlen zufolge stabil. Eine gute oder eine schlechte Nachricht?

Monika Kolb-Klausch: Das ist selbstverständlich eine sehr gute Nachricht, denn es zeigt auch, dass die Branche an sich glaubt, und darüber hinaus ist es für mich ein Zeichen, dass die Unternehmen auf eine notwendig heterogene Mitarbeiterstruktur setzen. Denn junge Menschen müssen zwar ausgebildet werden, aber sie bringen ihrerseits auch viele neue Ideen, frischen Wind und in der Regel ein viel selbstverständlicheres Medienverständnis mit.

Abgesehen davon, dass der Warenkunde bei Nonbook-Medien jetzt viel Platz in der Ausbildung eingeräumt wird, findet man nur schwache Reflexe der Branchendiskussion um die verkäuferische Kompetenz ausgebildeter Buchhändler. Ist es ein Vorurteil, dass Buchhändler schlechter verkaufen als Verkaufskräfte ohne Branchen-Ausbildung?

Monika Kolb-Klausch: Das ist eine interessante Frage. Zunächst zum Thema Nonbook. Viele Buchhandelsbetriebe runden ihr Sortiment mit Nonbook-Produkten ab und erweitern so auch ihren Zielgruppenfokus. Auf diese Art schaffen sie es nicht nur, neue Kunden in die Ladengeschäfte zu bringen, sondern binden Kunden damit. Darüber hinaus gibt es ja auch wirklich dem Buch sehr nahe stehende und passende Non-Book-Artikel, wie etwa die Bereiche DVD oder Musik. Es wäre schade, wenn diese Potentiale außer Acht gelassen werden würden.
Wir qualifizieren auf dem mediacampus frankfurt knapp 1500 Buchhändler von Auszubildenden über Mitarbeiter bis hin zu Filialleitern. Unsere Erfahrung ist nicht, dass sie dem Verkaufen kritischer als andere Berufsgruppen gegenüberstehen, sondern vielmehr, dass sie eine größere Scheu haben, aktiv auf Kunden zuzugehen und für das Buch – oder besser den Kauf – zu begeistern. Dies geschieht in der Regel aus Rücksichtnahme, aus dem Wunsch, den Kunden nicht zu bedrängen. Dies ist sicher eine spezielle Eigenschaft, die den klassischen Buchhändler (sofern es ihn gibt) auszeichnet. Aber um es auch positiv auszudrücken: Das sind alles Kompetenzen, an denen man im Rahmen der Fort-, Aus- und Weiterbildung arbeiten kann.

Wäre es nicht an der Zeit, die Kompetenz eines Absolventen im tatsächlichen Verkaufs-Prozess in die Abschluss-Note einfließen zu lassen?

Monika Kolb-Klausch: Ja. Da haben Sie recht. Genau diese Idee greift ein Teil der Abschlussprüfung auf. Zwar geht es hier nicht um den tatsächlichen Verkaufsprozess. Es geht darum, junge Menschen zu bewerten, wie sie sich und ein spezielles Thema präsentieren. Deutlich werden muss ein ganzheitliches Verständnis für die Prozesse und Wertschöpfungsketten, und natürlich sollten die kommunikativen Fähigkeiten sichtbar werden. Um konkret zu werden: ein Teil der Abschlussprüfung, die auch mit 30% gewichtet ist, findet in Form einer Konzeptvorstellung und Präsentation statt. Im Rahmen dieser Vorstellung findet ein Fachgespräch statt, das eben genau diese Kompetenzen abprüft. Und das ist nicht auswendig erlernbar, sondern hier geht es tatsächlich um Verstehen, Handeln, Ergebnisse.

Zieht das neue Berufsbild einen neuen Typus des Ausbildungs-Anwärters an, der weniger inhaltegetrieben und stärker absatzorientiert ist?

Monika Kolb-Klausch: Die Buchbranche wird immer einen speziellen Menschentypus begeistern. Am Ende ist es die Herausforderung der Betriebe, dass sie gut und vielfältig ausbilden und dass sie klar ihre Erwartungshaltungen an junge Menschen und Mitarbeiter formulieren und diese dann entsprechend begleiten und qualifizieren. Auch hier kann ich aus unserer Erfahrung berichten. Es ist nicht ein Sträuben gegen aktives Verkaufen, sondern es ist auch eine gelebte Kultur in Unternehmen und darüber hinaus eben – wie schon erwähnt – ein ständiger Qualifizierungs- und Coachingprozess.

Warum lohnt es sich jetzt für ausbildungsabstinente Betriebe, Azubis mit an Bord zu nehmen, und warum lohnt es sich für junge Menschen in der beruflichen Orientierungsphase, den Buchhandel als Metier zu wählen?

Monika Kolb-Klausch: Grundsätzlich müssen sich alle Buchhandlungen über Ihre Mitarbeiterstruktur und natürlich über die Nachwuchssicherung Gedanken machen. Darüber hinaus habe ich bereits erwähnt, dass junge Menschen viele neue Ideen und eine andere Medienkompetenz mitbringen. Durch diesen Kompetenzmix lassen sich auch zukünftige Herausforderungen deutlich besser bewältigen. Das ist unbedingt ein Grund, über Ausbildung und Nachwuchsgewinnung nachzudenken.
Für junge Menschen wird die Buchbranche immer interessanter, weil sie sich eben zur Buch- und Medienbranche entwickelt. Auch hier öffnet sich ein breites Fenster, und die Vielfalt der Aufgaben und der mit einzubringenden Kompetenzen ist entsprechend größer. Wir brauchen Menschen, die sich für Veranstaltungsorganisation und -durchführung begeistern lassen, die Projektmanagementkompetenz entwickeln können, die natürlich Literaturbegeisterung haben, aber die auch deutlich erweiterte Schwerpunkte in die Arbeit mit integrieren wollen. Durch die ganze Medienvielfalt –was sowohl Formate als auch Vertriebswege angeht – sind wir sicher auch für medienaffine junge Menschen eine interessante Branche.

Als oberste Ausbildungs-Managerin der Branche haben Sie sicherlich das Privileg, sehr viel mit jungen Menschen zu tun zu haben. Sicherlich sind Sie aber auch oft mit bangen Zukunftsfragen konfrontiert. Sind Sie selbst optimistisch hinsichtlich der Zukunftsfähigkeit des Buchhandels und des Buches? Was halten Sie Schwarzsehern entgegen?

Monika Kolb-Klausch: Die Buchbranche hat eine große Zukunft! Sie durchlebt aktuell einen großen Veränderungsprozess, dem alle Branchen regelmäßig begegnen. Dabei gibt es kaum eine Branche, die so viele Entwicklungsmöglichkeiten wie die Buchbranche bietet. Wogegen ich grundsätzlich vehement spreche, ist die Schwarzmalerei in Bezug auf Karriere- und Entwicklungsmöglichkeiten. Man startet mit einem Beruf und entwickelt sich dann weiter. Es liegt immer an dem Menschen selbst. Inwieweit ist er bereit, einmal die Seiten zu wechseln, vom Buchhandel in den Verlag, vom Verlag in den Buchhandel oder Zwischenbuchhandel zu gehen. Inwieweit ist der junge Mensch bereit, einen Ortswechsel in Kauf zu nehmen, oder auch lebenslang zu lernen. Vor allem aufgrund der Veränderungen bietet die Buchbranche ein breites Entwicklungsspektrum. Da gibt es keinen Grund, schwarz zu sehen!

Mehr erfahren Sie in der Beilage aus unserem letzten Heft Die neue Buchhändlerausbildung für DUMMIES. Nachbestellungen bitte an vertrieb@buchmarkt.de, wir leiten weiter.

Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.

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