Heute feiern die Ullstein Buchverlage in Berlin das Erscheinen der „Ullstein Chronik 1903–2011“, hg. von Anne Enderlein. BuchMarkt sprach mit Dr. Siv Bublitz, seit 2007 Verlegerin des Unternehmens, über dessen Vergangenheit und Zukunft.
buchmarkt.de: In diesen Tagen erscheint die „Ullstein Chronik 1903-2011“, herausgegeben von Anne Enderlein. Warum veröffentlichen Sie die Chronik gerade jetzt?

© Sören Stache
Dr. Siv Bublitz: Die Chronik war ursprünglich für das Jubiläumsjahr 2003 geplant. Just in dem Jahr wurde der Ullstein Verlag als Teil der Ullstein-Heyne-List-Gruppe zunächst an Random House verkauft und später dann noch einmal an Bonnier. Für eine Jubiläumsfeier war es nicht der richtige Zeitpunkt. Die Arbeit an der Chronik war aber schon sehr weit fortgeschritten. Ich habe dann vor etwa zwei Jahren das Manuskript in die Hand bekommen und gelesen. Es hat mich sofort fasziniert. Die Ullstein Chronik erzählt nicht nur die Geschichte unseres Verlagshauses, sondern spiegelt auch ein Stück deutscher Geschichte. Wir haben gemeinsam mit Anne Enderlein die Arbeit daran wieder aufgenommen. Und jetzt feiern wir statt eines Jubiläums das Erscheinen der Chronik.
Gab es etwas, das Sie in der Chronik besonders überrascht hat?
Mich hat vor allem überrascht, wie viele Gemeinsamkeiten es gibt zwischen den Anfangsjahren des Ullstein Verlags und unserer Situation heute. Auch in den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts befand sich die Medienlandschaft im Umbruch: Die klassischen Abonnements-Blätter wurden durch Boulevard-Zeitungen ergänzt, Radio und Film gewannen an Bedeutung, die Kommunikation wurde schneller, der Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der Leser härter. Die fünf Ullstein-Brüder sind diesen Herausforderungen mit Phantasie und Einfallsreichtum begegnet. Sie setzten auf Qualität und waren dabei innovativ, was Formate und Marketing angeht.
Ein Beispiel?
Lange vor der eigentlichen Erfindung des Taschenbuchs erschienen ab 1910 die legendären „Ullstein-Bücher“ für eine Mark. Die Reihe war unglaublich erfolgreich, auch, weil es dafür Anzeigen- und Plakatwerbung gab, was damals noch ungewöhnlich war. „Das Ullstein-Buch blieb im Kupee! Was tu ich jetzt am Stölpchen-See?“ war ein Text der Kampagne. Hermann Ullstein sagte: „Wer nicht langweilig sein will, muß originell sein und mitunter auch durch Humor zum Lachen bringen.“ Sehr treffend, finde ich.
In den Gründerjahren des Verlags war die Medienlandschaft durch neue technische Möglichkeiten im Umbruch. Jetzt verändert die Digitalisierung die Branche. Verunsichert Sie das?
Der Blick auf die Geschichte der Literatur stimmt mich eher zuversichtlich. Seit Homer haben Texte und Erzählungen schon sehr oft ihr Medium und ihre Gesicht verändert. Das gedruckte Buch ist sicher nicht die letzte Form, die sie annehmen. Die Digitalisierung bietet viele Möglichkeiten für neue Formate, aber vor allem auch für die Vermittlung von Büchern. Aufgabe eines Verlages ist es, Leser zu gewinnen für die Bücher, die er verlegt. Klassische Werbung ist aufwendig und in der Wirkung eher diffus. In den Medien gibt es immer weniger Raum für Rezensionen und Informationen über Bücher. Hier ist das Internet eine große Chance.
Welchen Stellenwert hat die Sparte E-Books in Ihrem Verlag?
Es ist ein wichtiges neues Format, vergleichbar dem Taschenbuch. Das hat sich in den vergangenen Jahrzehnten von einer reinen Zweitverwertung hin zu erfolgreichen Originalausgaben entwickelt. Die meisten unserer Novitäten und einen beträchtlichen Teil der Backlist bieten wir als E-Book an und denken über weitere Entwicklungen des Formats nach.
Worin sehen Sie die größten Herausforderungen?
Durch die Digitalisierung verändert sich die Rolle der Verlage. Zeit, darüber nachzudenken, worin eigentlich die wichtigsten Leistungen eines Verlags bestehen. Für mich stehen zwei Aufgaben im Zentrum: Die richtigen Bücher auszuwählen und viele Leser für sie zu finden. Für die Auswahl braucht man Geschmack und ein sicheres Urteil, aber auch ein Gespür dafür, welche Themen und Stoffe eine Epoche prägen und zu einer bestimmten Zeit wichtig sind. Hierfür findet man viel Inspiration in den Anfängen des Ullstein Verlages, der aus einem Zeitungsverlag hervorging. Berlin war damals die Hauptstadt der Moderne, und Emil Herz, dem ersten Ullstein-Verleger, gelang es, mit seinem Programm kulturelle, politische und wissenschaftliche Strömungen aufzugreifen und weiterzuentwickeln.
Um Leser zu gewinnen, braucht man Überzeugungskraft und gute Ideen. Hier gilt es, das Potential der neuen Medien zu nutzen.
Wie sehen Ihre Strategien für die Zukunft aus?
Die Zukunft lässt sich mit Strategien kaum unter Kontrolle bringen. Die greifen höchstens kurzfristig. Langfristig ist für unseren Erfolg etwas anderes entscheidend: Der Sachverstand, die Klugheit und Kreativität der Kollegen, die gemeinsam an der Zukunft der Ullstein Buchverlage arbeiten. In dieser Hinsicht haben wir jeden Anlass zu Optimismus.
Sie sagten es bereits: Ullstein hat das Taschenbuch nicht erfunden, aber vorweggenommen. Welchen Stellenwert hat das Taschenbuch heute?
Die Taschenbuchverlage Ullstein und List sind für den Erfolg der Ullstein Buchverlage von entscheidender Bedeutung. In diesem Jahr haben beide Taschenbuchverlage über viele Wochen Spitzenpositionen im buchreport-Verlagsranking erreicht. Dabei spielen nicht nur die Übernahmen erfolgreicher HC-Titel eine Rolle, sondern auch originelle und gut plazierte Erstausgaben.
Früher war Ullstein ein Verlag, heute sind die Ullstein Buchverlage eine Verlagsgruppe. Was hat sich verändert?
Vor hundert Jahren konnte man ein sehr breites Spektrum noch glaubwürdig unter einem Verlagsnamen präsentieren. Das ist heute schwieriger. Deshalb haben wir außer Ullstein noch List, Econ, Propyläen, Marion von Schröder, Allegria und neuerdings den Graf Verlag. Auch wenn es zuweilen Überschneidungen gibt, haben doch alle diese Verlage eine eigne Geschichte und ein eigenes Profil. Historische Romane, Humor und Unterhaltung verlegen wir vor allem bei List und Marion von Schröder. Literarische Titel erscheinen bei Ullstein und im Graf Verlag. Im Sachbuch haben Econ, Propyläen und Allegria sehr unterschiedliche Programme, die sich in der Anmutung der Bücher und Vorschauen widerspiegeln.
Unter Ihrer Führung hat sich das Profil des Verlags verändert. Ullstein ist literarischer geworden. Wie wird es mit dem Verlag weitergehen?
Auch hier hat die Tradition des Verlages uns in der Entscheidung bestärkt, dem Programm eine andere Richtung zu geben. In den ersten Jahrzehnten unter Emil Herz hat Ullstein bewusst auf Vielfalt gesetzt. Bert Brecht, Gerhart Hauptmann, Maxim Gorki oder Leo Perutz erschienen neben Vicki Baum und Ludwig Ganghofer. In den vergangenen Jahren war die literarische Seite von Ullstein ein wenig vernachlässigt worden. Das ist jetzt wieder anders, wir setzen auf die Literatur, auch und gerade im Spitzentitelbereich. Ebenso wie wir im Sachbuch Bücher zu wichtigen politischen und gesellschaftlichen Themen machen.
Was erwarten Sie von den Buchhändlern?
Ich glaube, die Aufgabe der Buchhändler ist ähnlich wie die der Verlage: Die richtige Auswahl zu treffen und sie engagiert zu vermitteln. Die Bestsellerliste ist ja keine Auswahl im Sinne eines Sortiments und kann deshalb auch nur begrenzt eine Leitlinie für den Einkauf sein. Verlage und Buchhändler wollen dasselbe: Für gute Bücher viele Leser gewinnen. Wir freuen uns, dass der Handel die Entwicklung der Ullstein Buchverlage und speziell die Neuausrichtung von Ullstein erkannt und gefördert hat.
Wie unterstützen Sie die Buchhändler dabei?
Wir haben einen exzellenten Vertrieb, der die Buchhändler nach Kräften unterstützt. Wir lassen uns aber zuweilen auch etwas Besonderes einfallen, wie gerade kürzlich einen Ideen-Wettbewerb für die Präsentation unserer Herbst-Spitzentitel. Die Gewinner bekommen für die Umsetzung ihrer Idee jeweils 5000 Euro.







