Dr. Holger Simon, Jahrgang 1969, betreibt mit seiner Pausanio GmbH nicht nur das Audioguide-Downloadportal www.pausanio.de, sondern ist auch App-Schmiede für Verlage, Museen und kulturelle Sehenswürdigkeiten. Wir fragen, welchen Markt Apps wirklich haben.
buchmarkt.de: Herr Simon, eine simple Frage: Brauchen Verlage Apps?
Dr. Holger Simon: Ich denke, für Verlage ist es wichtig, die aktuelle Entwicklung in diesem Bereich nicht nur aus der Ferne zu verfolgen, sondern eigene Erfahrungen zu sammeln. Dieses Know-how wird sich schon sehr bald bezahlt machen, einfach weil es um den einen, großen Zukunftsmarkt geht. Das betrifft natürlich nicht nur das Thema Apps, sondern das gesamte technologische Umfeld. Die Entwicklung schreitet so schnell voran, dass man ständig am Ball bleiben muss.

Sollten Verlage dann nicht versuchen, einen Schritt nach dem anderen zu machen und erst einmal im E-Book-Markt anzukommen?
E-Books brauchen entsprechende Lesegeräte. Die etablieren sich gerade nach und nach, vor allem durch die allmähliche Marktdurchdringung derTablet-PCs. Der elektronische Buchkonsum wird daher schrittweise zur Normalität werden, die technologische Anpassung daran ist der erste Schritt. Wichtig ist anschließend die Frage nach den Chancen: Komme ich mit einer App weiter oder nicht.
Gibt es da schon ein Beispiel?
Ja. Al Gores „Our Choice“. Die App hat ein halbes Jahr nach dem Erscheinen des Bucheseinen solchen Hype verursacht, dass es ein zweites Mal in aller Munde war. Das wäre mit einem simplen E-Book nicht möglich gewesen.
Sind Apps nicht ein Auslaufmodell gegenüber HTML5 und EPUB3?
HTML5 und EPUB3 bieten großartige Möglichkeiten für multimediale Bücher und Magazine. Die ersten Beispiele dafür sind sehr vielversprechend. Allerdings lässt sich nicht pauschal sagen, dass die eine Technologie besser ist als die andere. Vielmehr glaube ich an ein fruchtbares Nebeneinander. Je nachdem, wie ein Buch angereichert werden soll, wird entweder eine Web-App oder eine native App die sinnvollere Lösung sein. Wichtig ist: Es wird eine App sein, eine Anwendung, die auf dem Display gespeichert wird. Nur so entsteht das Gefühl, etwas „zu haben“, wofür man auch gewillt ist zu zahlen.
Sie meinen also wirklich, dass sich mit Apps Geld verdienen lässt? Alle aktuellen Zahlen sprechen eine andere Sprache.
Apps müssen ja nicht darauf beschränkt bleiben, Buchinhaltezu transportieren. Apps können Interviews, Bildstrecken und weitere Zusatzinhaltebieten, als Teaserfür ein Buch eingesetzt werden und überhaupt in vielfältiger Hinsicht als Marketinginstrument dienen. Und funktionierende Geschäftsmodelle im Buchbereich gibt es durchaus.
Wo?
Bei unserem eigenen Projekt „Artguide“ – die App ist schon rund 22.000 Mal heruntergeladen worden – verbinden wir einen neuen Vertriebsweg für Kunstführerverlage mit einem Imagegewinn für kulturelle Sehenswürdigkeiten. Hier entsteht eine Win-win-Situation für alle Beteiligten, wie sie ausschließlich mit einer App, der Artguide-App, herzustellen ist.
Für welche Art von Verlagen sind Apps also geeignet?
Apps eignen sich überall dort, wo sie ihren großen Vorteil ausspielen können: die unkomplizierte, mobile Nutzung. Voraussetzung ist natürlich, dass sich die Zielgruppe gut erreichen lässt.
Das klingt ziemlich theoretisch.
Ein gutes Beispielist die iPhone-Version des Pschyrembel: Mit der App können sich Ärzte den 2-Kilo-Wälzer einfach in die Kitteltasche stecken. Auch viele weitere Fach- und Sachbücher sind prädestiniert für eine Umsetzung als App – denken Sie zum Beispiel an Naturkundebücher für die Verwendung unterwegs. Auf Tablet-PCs machen sich multimediale Kinderbücher gut. Bei der Belletristik wiederum sollte die Verwendung einer App als Werbemittel im Vordergrund stehen.
Und was hat der Buchhandel davon?
Natürlich arbeitet die elektronische Revolution im Buchmarkt oft am stationären Handel vorbei. Eine App kann dem Handel allerdings auch dienlich sein. An einem aktuellen Beispiel arbeiten wir gerade mit einem großen Verlagshaus: Eine App, die die Kunden in den Laden holt. Die Details kann ich leider noch nicht preisgeben, doch nutzen wir auf diesem Weg die Technologie, um sie gegen den Abwanderungstrend aus dem Buchhandel einzusetzen. Es steht insofern jedem frei, aus den gegenwärtigen Möglichkeiten seinen eigenen Vorteil zu ziehen.
Die Fragen stellte Christian von Zittwitz