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Christine Zwicky – was bedeutet es in diesen Tagen, in Athen deutsche Bücher zu verkaufen?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Christine Zwicky, die in Athen in der Deutschen Buchhandlung tätig ist.

Die Schweizerin Christine Zwicky, ausgebildete Buchhändlerin lebt seit 16 Jahren in Griechenland und ist seit zehn Jahren in der Deutschen Buchhandlung mitten in Athen tätig. Die Griechen, urteilt sie, sind für sie selbst nach so langer Zeit immer noch für Überraschungen gut.

Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.

Christine Zwicky, Ihr Geschäft liegt just da, wo in diesen Wochen häufig demonstriert wird – wurden Ihnen schon die Scheiben eingeschmissen?

Die vier aus Athen: v.l.:Christine
Zwicky , Alexandra Konstantopoulou,
Wicky Konstantopoulou, hinten:
Birgit Fritzen

Christine Zwicky: Nein, unser Geschäft liegt in einer Passage und ist daher etwas geschützt. Vorn an der Hauptstraße wäre das etwas anders.

Ihre Kunden sind einerseits in Athen lebende Deutsche, andererseits Griechen, die sich für deutsche Sprache, Kultur und Literatur interessieren. Wie finden die das, wenn sie in Ihrem Schaufenster Bücher sehen wie „Griechify your life. Kostenlos das Leben genießen“?

Christine Zwicky: Diese Titel stellen wir nicht aus und kaufen sie nicht ein. Wir haben Schulbücher und Bücher zu politischen, sozialen oder philosophischen Themen. Wir versuchen keine negativen Gefühle heraufzubeschwören. Zwei Drittel unserer Kunden sind Griechen.

Schlägt Ihnen auch mal Feindseligkeit entgegen?

Christine Zwicky: Das kommt mal vor, aber selten. Am ehesten macht mal ein Kunde eine dumme Bemerkung gegen Fr. Merkel, aber gegen uns als Vertreter der deutschen Kultur kommt eigentlich nichts.

Wie voll ist in diesen Tagen der Laden?

Christine Zwicky: Wenn kein Streik ist, ist er sehr gut besucht, wenn Streik ist, ist es sehr ruhig. Allgemein läuft der Laden gut.

Welche Bücher gehen jetzt besonders gut?

Christine Zwicky: Immer die Schulbücher. Die Leute wollen Deutsch lernen, weil viele ans Auswandern nach Deutschland denken. Ansonsten laufen Politik, Kinderbuch, Literatur.

Ist überhaupt noch ein normaler Geschäftsbetrieb möglich?

Christine Zwicky: Wir öffnen jeden Tag unser Geschäft und versuchen, trotz widriger Umstände unsere Arbeit gut zu machen. Soviel zu normal. Ansonsten ist alles sehr viel schwieriger geworden, an manchen Tagen gibt es Krawalle, da kommt erstens keiner, zweitens gibt es Extremfälle, wo wir das Geschäft nicht aufzumachen wagen (z.B. 20. Oktober). Auch nicht normal ist, dass wir überhaupt nicht wissen, was morgen noch an Steuern und anderen neuen Auflagen auf uns zukommt. Alles ist sehr unberechenbar und willkürlich. Die Unsicherheit ist groß.

Man sagt den Griechen nach, dass sie im Allgemeinen sehr daran interessiert sind, dass ihre Kinder beruflich weiterkommen. Davon profitieren Sie sicher. Wie wird es damit weitergehen?

Christine Zwicky: Vermutlich werden die Privatstunden mit Hauslehrern reduziert werden. Aber die Institute wie das Goetheinstitut werden ihren Betrieb weiter unterhalten, auch weil sie weniger teuer sind.. Für uns ist das gleich, da die Kunden so oder so Lehrmaterial brauchen.

Wie schwierig wird das Leben in Athen noch werden?

Christine Zwicky: Das ist eine gute Frage, die ich nicht so genau beantworten kann. Wir wissen nicht, was auf uns zukommt. Jeden Tag stellt sich die Situation anders dar. Aber es wird schon weitergehen.

Nicht erst seit Alexis Zorbas gelten die Griechen als sorglos und gegenwartszugewandt. Hat sich das geändert?

Christine Zwicky: Lebenskünstler ja – sorglos würde ich nicht sagen. Sie machen sich schon Sorgen, vor allem wenn es um Themen wie Gesundheit oder Arbeitslosigkeit geht. Es gibt hier so eine Haltung: Auch wenn man nicht viel Geld hat, wird man irgendwie durchkommen, solange der Rest stimmt.

Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.

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