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Formen des Erinnerns

Sylvia Asmus, Herta Müller

Eine Podiumsdiskussion mit diesem Thema fand gestern Abend in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt am Main mit Unterstützung der Gesellschaft für das Buch statt.

Generaldirektorin Dr. Elisabeth Niggemann konnte dazu Sylvia Asmus, Leiterin des Deutschen Exilarchivs 1933-1945, Autorin und Zeitzeugin Prof. Ruth Klüger, Edita Koch, Herausgeberin der Zeitschrift Exil, Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller und den Leiter des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Volker Weidermann, begrüßen. Die Moderation des Gespräches übernahm der Kulturjournalist Jochanan Shelliem.

Etwa 600 Besucher waren gekommen, so dass die Diskussion auch per Bildschirm und Mikrofon ins Foyer übertragen wurde, denn nicht alle Interessierten fanden im Saal Platz.

Ruth Klüger erinnerte sich an ihre ersten Versuchen, Erlebtes zu formulieren. Als Dreizehnjährige lernte sie ihr erstes Gedicht auswendig, aufschreiben konnte sie es nicht – in den Lagern gab es keine Stifte und kein Papier. Erst 1992 erschien ihr Buch Weiter leben im Wallstein-Verlag und sorgte für Aufsehen. Zunächst war das Manuskript bei Verlagen auf Ablehnung gestoßen; man wisse doch nun alles über diese Zeit, wurde der Autorin entgegen gehalten. Als es publiziert war, zog das Buch eine Welle ähnlicher Literatur nach sich.

Herta Müller bemerkte zu Ruth Klügers Buch: „Ruth Klüger hat rücksichtslos gegen sich selbst geschrieben, das Gleiche habe ich bei meinen Gesprächen mit Oskar Pastior erfahren.“

Nach ihren ersten Eindrücken bei der Ausreise 1987 von Rumänien nach Deutschland befragt, antwortete sie: „Als ich aus Rumänien ins Übergangslager nach Deutschland kam, hat niemand nach den Lebensumständen in Rumänien gefragt. Das war wohl die größte Enttäuschung für mich.“ Herta Müller musste sich entscheiden, ob sie eine Auslandsdeutsche war oder eine politisch Verfolgte – andere Formulare habe es nicht gegeben. Sie entschied sich den Tatsachen entsprechend für die politisch Verfolgte. Das zog jedoch tagelange Verhöre im Auffanglager und absurde Gespräche nach sich.

Auf ihre Zeitschrift Exil angesprochen, äußerte Edita Koch, dass diese ein Sprachrohr für die Emigranten sei. Die Gründung des Magazins 1981 wurde von den Emigranten begrüßt. Leider finde die Zeitschrift wenig Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. „Zum 30jährigen Jubiläum schrieb nur die NZZ“, beklagte sich Edita Koch.

Volker Weidermann wollte mit seinem 2008 bei Kiepenheuer & Witsch erschienenen Buch der verbrannten Bücher die Vergessenen dem Vergessen entreißen. Noch heute erhält er Briefe von Nachfahren von Autoren, die kaum einer kennt. Das seien berührende Erlebnisse.

„Warum hat man Ihnen in den Gesprächen im Auffanglager, als sie von Lagern und Deportationen berichteten, eigentlich nicht geglaubt?“, will Ruth Klüger von Herta Müller wissen. „Die vermuteten, ich sei eine Agentin“, antwortete die Autorin. Rumänien sei in diesen Jahren weitgehend unbekannt und uninteressant gewesen. Später, nach dem Zusammenbruch der rumänischen Diktatur, entdeckte Herta Müller ganze Verleumdungsmaßnahmepläne der Securitate in ihren Akten.

Das Exilarchiv sei eine Erfolgsgeschichte, antwortete Sylvia Asmus auf eine entsprechende Frage. Aber die Arbeit sei nicht abgeschlossen, es sei noch viel aufzubereiten. Die Sammlung des Archivs sei breit aufgestellt, darin befinden sich nicht nur Artefakte Prominenter. Allerdings sei es nicht immer leicht, die Nachlässe zu verwalten.

Wie geht man also mit Erinnerungen um? Kritisiert wurden im Gespräch die wieder und wieder gezeigten Reihen zu Hitler. Muss man wirklich auch noch dessen letzte Kaffeetasse in Szene setzen? Herta Müller reagierte deutlich und erhielt dafür viel Beifall: „Ich kann es nicht mehr sehen, es kotzt mich an.“ Wo bleibe die Darstellung der Gegenseite?

Sylvia Asmus erklärte, dass es über den Widerstand, den Holocaust, das Grauen wenige Bilder und Dokumente gibt. Das mache eine Art Gegendarstellung schwierig. Auf die Emigranten eingehend erwähnte sie noch einen anderen Aspekt: „Es gibt so viele, die aufgrund ihrer gebrochenen Biografien keinen Neuanfang gewagt haben, nicht mehr schreiben, nicht mehr malen konnten. Um die müssen wir uns kümmern.“
Vielleicht sollte das Exilarchiv nicht beim Jahr 1945 stehen bleiben.

Volker Weidermann ging auf Bücher ein, die sich auf ganz andere, neue Weise mit der Vergangenheit beschäftigen und meinte, dass man als nicht mehr Beteiligter nun auch anders darüber schreiben könne.

Herta Müller erwähnte ihren Brief an die Bundeskanzlerin und zitierte den Romantitel Ein Mensch fällt aus Deutschland des fast vergessenen Konrad Merz. Ein Exil-Museum könnte solchem Vergessen entgegen wirken, man müsse dafür sorgen, dass keine Menschen mehr herausfallen.

Aus dem Publikum kam die Frage, ob man denn die Aufgabe des Erinnerns nicht europäisch betrachten müsse. „Die osteuropäischen Länder haben doch erst vor etwa 20 Jahren ihre eigene Identität entdeckt. Nie wurde in diesen Ländern über Lager oder Deportationen nach dem II. Weltkrieg gesprochen. Doch Schweigen ist Leugnen. Diese Länder wurden aber nie zur Verantwortung gezogen“, konstatierte Herta Müller. Man müsse froh sein, wenn sich diese Länder demokratisch entwickeln.

Der Gedanke, ein Museum des Exils einzurichten, wurde sowohl von den Gesprächsteilnehmern als auch dem Publikum unterstützt.

JF

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