Home > Das Sonntagsgespräch > Prof. Dr. Christoph Bläsi: E-Reader für Vielleser, Tablets für die anderen?

Prof. Dr. Christoph Bläsi: E-Reader für Vielleser, Tablets für die anderen?

Welches elektronische Lesegerät paßt zu wem? Buchwissenschaftler Prof. Dr. Christoph Bläsi hat eruiert, für welchen Leser welche Reader geeignet sind und zeigt, wie sich der Kunde vor Ort beraten lässt.

Der Wissenschaftler ist seit 2009 Professor am Institut für Buchwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Von der Ausbildung her Computerlinguist, war über zehn Jahre lang im Bereich des digitalen Publizierens und des strategischen Informationsmanagements bei verschiedenen Verlagen tätig.

Christoph Bläsi

buchmarkt.de: Herr Professor, auf der diesjährigen VVA-Tagung gibt es einen Block unter dem Titel „Warten auf die Revolution – das E Book in Deutschland“. Hat die Revolution (zumindest im Wissenschaftsbetrieb, bei den Fachverlagen) nicht längst stattgefunden ?

Christoph Bläsi: Doch, dort schon! Vor allem im Wissenschaftsbereich hat die Digitalisierung nach den Journalen auf breiter Front jetzt die Monographien, aber die Lehrbücher erreicht – und das wirklich in Form von E-Books. Dass das typische Format hier aber nicht EPUB oder AZW ist, sondern PDF, hat seinen Grund, in den gegenüber der privaten Lektüre doch speziellen Gegebenheiten: Graphische Elemente (Tabellen, Grafiken, etc.) spielen eine größere Rolle, und Wissenschaftler kennen Lesen fast nicht ohne damit verbundenes Schreiben, weswegen das typische Lesegerät ein Computer mit großem Bildschirm und Tastatur sein dürfte. Ansonsten sehen wir beim E-Book im Moment aber nicht nur Revolutionäres – der in der GfK-/Börsenvereins-Studie vom Frühjahr diesen Jahres genannte Umsatzanteil von 0,5 % mag zwar inzwischen etwas weiter gewachsen sein, durch die Decke ist er aber sicher noch nicht gegangen. Und von einem „revolutionären“ Durchbruch einer qualitativ neuen Medien- bzw. Kunstform – von Produkten mit Inhalten und „Stories“, bei denen die Realisierung als „enhanced“ E-Book so fasziniert, dass sie als geradezu „alternativlos“ erscheint – kann man auch noch nicht sprechen …

Sie beschäftigen sich mit der Nutzung von E-Books, also damit, wie diese tatsächlich gelesen werden, und werden bei der VVA in Mainz die Ergebnisse einer Studie vorstellen – um was geht es da?

Der Ansatzpunkt der Studie, die ich mit meinem ehemaligen Kollegen Dr. Axel Kuhn durchgeführt hatte, war der folgende: Unabhängig von E-Books zeigt sich in den letzten Jahren ein Trend zum Lesen in kleineren Portionen; kann man also die Vermutung, dass diese Entwicklung eher förderlich für die Durchsetzung von E-Books sein wird, empirisch belegen?

Warum sollten diese Entwicklung des Leseverhaltens förderlich sein für die Durchsetzung von E-Books?

Weil die zum Teil empfundenen Nachteile des Lesens von mobilen Geräten – z.B. der Verlust der Orientierung oder bei bestimmten Display-Technologien die Ermüdung der Augen – auf der „Kurzstrecke“ nicht so ins Gewicht fallen.

Und – konnten Sie die Vermutung belegen?

Ja, das konnten wir – allerdings nur für das Lesen von Tablets als mobilen Lesegeräten. Diese Einschränkung scheint verschmerzbar, denn im Umfeld der Buchbranche (Amazon, Weltbild, Kobo, …) werden Lesern aktiv günstige Tablets angeboten, was das Lesen von Büchern auf Tablets auch für den Massenmarkt – also nicht nur für digital natives – „hoffähig“ macht. Das war vor etwas mehr als einem Jahr so noch nicht absehbar. Bei Tablet-Nutzern konnten wir zeigen, dass von diesen tatsächlich (und im beruflichen Umfeld) eher kürzere Texte digital gelesen werden, längere zur Entspannung etc. dagegen tendenziell eher gedruckt. Von Papier wird von diesen auch länger am Stück gelesen, mit – so ihre Empfindung – eher gelingender Vertiefung und Entspannung. E-Reader-Nutzer dagegen sind ganz anders …

Inwiefern?

E-Reader-Nutzer – von ihnen wissen wir, dass sie pro Jahr wesentlich mehr Bücher lesen als Tablet-Nutzer – lesen auch Belletristik mehr digital als gedruckt und digital auch länger am Stück. Das deutet darauf hin, dass sich hier zwei disjunkte Lesergruppen herausbilden – was natürlich nicht ausschließt, dass E-Reader-Nutzer sich ihre youtube-Filmchen auch auf einem Tablet anschauen.

Sie haben vorher bei Vertiefung und Entspannung angedeutet, dass dabei nur die geäußerte Empfindung der Befragten „gemessen“ werden kann. Kann man das auch objektivieren?

Eine Gruppe von Kollegen aus Mainz hat das – methodisch mit Hilfe von Eyetracking und EEG – versucht. Die interessanten ersten Ergebnisse deuten darauf hin, dass da tatsächlich etwas den Selbsteinschätzungen der Leser Widersprechendes zu Tage tritt: Das Lesen vom Tablet verursache – ausweislich von Hirnstrommessungen – signifikant weniger Aufwand als das von E-Readern oder Papier – und v.a. ältere Probanden könnten von Tablets auch schneller lesen als in anderen Formen. Das übrigens auch bei dieser Untersuchung verbunden mit dem subjektiven Eindruck fast aller Probanden, dass das Lesen eines gedruckten Buches am schönsten sei …

Beobachten Sie sonst noch etwas Revolutionäres im Umfeld von E-Books?

Ja, durchaus – die Strukturen des Buchhandels sind doch sehr in Bewegung geraten: IT-Firmen treten als Buchhändler auf (Apple, Google), Buchhändler als Verleger (Amazon, Kobo) – und für den stationären Buchhandel wird es zunehmend schwierig, bei E-Books seine spezifischen Leistungen als hilfreich zu kommunizieren …

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

Anzeige

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Anzeige

Kanon-Verleger verkauft Anteile an Kampa

Zum 31.12.2025 hat Kanon-Verleger Gunnar Cynybulk sämtliche Gesellschaftsanteile der Kanon Verlag Berlin GmbH an die Kampa Verlag AG verkauft. Bereits seit Anfang 2024 kooperieren beide Verlage vertrieblich über die Liberté

weiterlesen