Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Dani Landolf, den Geschäftsführer des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbandes.
Der Journalist Dani Landolf, früher beim Berner Traditionsblatt Bund tätig, leitet seit 2007 die Geschicke des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbandes. Sein Amt steht im Zeichen des Kampfes für die Wiedereinführung und gesamtstaatliche Durchsetzung der Buchpreisbindung. Die Initiative eines Buchpreisbindungs-Gesetzes nach deutschem Vorbild wurde durch eine Unterschriftenaktion gestoppt, die der Mediendiscounter Ex Libris, eine Tochtergesellschaft des Migros-Konzerns, initiierte. Eine Volksabstimmung am 11. März 2012 soll die Entscheidung bringen.

Foto: SBVV
Dani Landolf – warum will die Schweiz keine Buchpreisbindung?
Dani Landolf: Wer sagt, dass die Schweiz keine Buchpreisbindung will? Das Parlament hat sich dafür ausgesprochen, die Branche ist einstimmig dafür, und was das Volk sagt, wird der 11. März 2012 zeigen.
Die Gegner der Buchpreisbindung haben mühelos die Volksbefragung durchgesetzt – welche Chancen rechnen Sie sich aus, in der Hauptsache zu obsiegen?
Dani Landolf: Dass die Gegner 50.000 Unterschriften zusammengebracht haben, ist in der schweizerischen Politlandschaft nicht ungewöhnlich. Das sagt noch nichts über die Chancen in der Volksabstimmung aus. Aber es wird sicherlich ein enges Rennen werden.
Erzählen Sie ein wenig mehr über Ihre Kampagne „Buchpreisbindung – nötig und gut „!
Dani Landolf: Die Kampagne ist um das Motto „Ja zum Buch“ herum aufgebaut. Wir sagen den Leuten: die Buchpreisbindung hilft Vielfalt bewahren, die Buchpreisbindung sorgt dafür, dass Bücher in ihrer Breite bezahlbar bleiben, und die Buchpreisbindung hilft der Schweizer Wirtschaft – und das alles ohne einen Franken öffentlicher Subventionsgelder.
Soweit die Argumente – was sind die Methoden?
Dani Landolf: In der jetzigen Stufe verbreiten wir unser Informationsmaterial über Buchhandel und Verlage. Später werden wir noch eine zweite und eine dritte Stufe zünden, dazu will ich aber im Moment nichts sagen.
Wer ist Ihre Zielgruppe für die Kampagne, und werden Sie sie überzeugen können?
Dani Landolf: Die Antwort auf die zweite Frage zuerst: Natürlich hoffen wir, mit unseren Argumenten überzeugen zu können. Ob uns das gelingt, werden wir am 11. März sehen. Unsere Kernzielgruppe sind zunächst Leser und Kunden des Buchhandels, die werden eher mit Ja stimmen – wenn sie überhaupt abstimmen. Gleichzeitig versuchen wir das Thema jenseits des Links-Rechts-Schemas zu positionieren. Wir haben auch Unterstützung von prominenten bürgerlichen Politikern, deren Partei offiziell gegen die Preisbindung ist. Und schliesslich werden nicht nur deutsche Wahlen, sondern auch Schweizer Volksabstimmungen in der Mitte gewonnen. Diese Zielgruppe versuchen wir mit den Themen der Überlebensfähigkeit mittelständischer Wirtschaftsbetriebe und der regionalen kulturellen Vielfalt zu überzeugen. Da geht es auch um hochwertige Arbeitsplätze und Steuern.
Wie ist die Situation jenseits des „Rösti-Grabens“?
Dani Landolf: Die Stimmung ist in der Westschweiz viel preisbindungsfreundlicher als bei uns. Dort wurde – beeinflusst durch die zwischenzeitliche Abschaffung der Preisbindung in Frankreich – vor über 20 Jahren die Buchpreisbindung aufgehoben, aber anders als in Frankreich nicht wieder eingeführt. Die Folgen sind bekannt: Buchhandelssterben, Verlagssterben, höhere Durchschnittspreise. Der Vater der Schweizer Buchpreisbindungs-Initiative, der leider verstorbene Nationalrat Jean-Philippe Maitre, war Genfer. In der Romandie findet das Preisbindungsgesetz eine breite Unterstützung in allen Parteien, und auch die Medien sind offener für das Thema. Wir setzen deshalb stark auf die Westschweiz, dass sie mithilft, das Volksmehr, d.h. über 50 % der Stimmen, zu gewinnen.
Wenn es in der Westschweiz so schlechte Erfahrungen mit der Preisfreiheit gibt: Warum springt der Funke nicht auf die Deutschschweiz über?
Dani Landolf: Wir in der Deutschschweiz sind traditionell mehr nach Deutschland oder auch nach England oder den USA ausgerichtet. Von außen gesehen ist es nicht leicht erkennbar, dass es nur wenige Themen gibt, die die Schweiz als ganze Nation beschäftigen. Das Thema Preisbindungsgesetz gehört noch nicht dazu. Wir versuchen es aber auf die nationale Agenda zu setzen und glauben, die Chancen stehen nicht schlecht.
Mit Ihrer Branchen-Aktion „1-Promille-Sammel-Aktion“ bitten Sie die Verbandsmitglieder zur Kasse – klappt das bei der momentan schwierigen Ertragssituation des Schweizer Buchhandels?
Dani Landolf: Stimmt, es ist nicht gerade die beste Zeit für so eine Aktion, das kann ich auch gut verstehen. Wir werden deshalb nicht gerade mit Geld überschwemmt, aber wir haben dennoch einen schönen Zuspruch erhalten. Es wird für eine sichtbare Kampagne reichen.
Erhalten Sie auch substantielle finanzielle Unterstützung aus dem Ausland?
Dani Landolf: Geld aus dem Ausland für eine schweizerische Volksabstimmung? Das würde in der Schweiz nicht gut ankommen. Es steht ja u.a. von den Gegnern ja auch der unsinnige Vorwurf im Raum, dass die Buchpreisbindung vor allem ausländischen Handelsketten und Verlagen nützt. Also sind wir vorsichtig.
Bekommen Sie überhaupt welches angeboten?
Dani Landolf: (lacht) Einfach so angeboten wurde uns keines, auch nicht von Schweizer Firmen – das mussten wir uns schon erfragen.
Als erfahrener Pressemann beherrschen Sie sicher perfekt das Strippenziehen in den Massenmedien. Haben Sie sich schon die notwendige Unterstützung und die entsprechenden Stories gesichert?
Dani Landolf: Ich muss sagen, der Rollenwechsel, den ich vor fünf Jahren vollzogen habe, bringt in dieser Angelegenheit nicht allzu viel. In den Wirtschaftsredaktionen, aber auch in den politischen Redaktionen haben wir mit viel Widerstand zu kämpfen, da dreht sich unsere Arbeit nicht um Stories, sondern um Sachinformation, um Argumente und Überzeugungsarbeit. Da gibt es eine sehr starke ordnungspolitische Tradition, die wesentlich stärker ist als in Deutschland. Wenn jemand glaubt, ein Buch sei wirtschaftlich nichts anderes als eine Tube Zahnpasta, ist er schwer vom Instrument einer Preisbindung zu überzeugen.
Was ist Ihr „Plan B“ für den Fall, dass das Schweizer Volk sich gegen die Buchpreisbindung entscheidet?
Dani Landolf: Wir sind mitten in der Kampagne, daher ist es noch zu früh, sich über solche Eventualitäten den Kopf zu zerbrechen. Wenn die Volksabstimmung Erfolg hat, verändert sich die Lage gegenüber heute ja nicht dramatisch. Und mit oder ohne Preisbindung, die Branche und damit der Verband stehen sowieso vor vielen großen Herausforderungen, Stichworte dazu sind Digitalisierung oder die für Schweizer Firmen ungünstigen Wechselkurse, um nur zwei zu nennen. Die Preisbindung aber würde Verlagen und Buchhandlungen helfen, diese Schwierigkeiten gestärkt anzugehen.

Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.