Was bewegt jetzt die Branche? Dazu die „Freitags um fünf“-Frage von Michael Lemster; heute an den Literaturagent Thomas Montasser.
Thomas Montasser, seit über zwanzig Jahren Literaturagent, schreibt in seiner Freizeit auch selbst, vorwiegend Kinder- und Jugendbücher. Seine Autorenliste liest sich wie das Who is who der Bundesrepublik. Neben zahlreichen Bestsellerautoren in der Belletristik vertritt er auch viele bekannte Persönlichkeiten aus Kultur, Politik, Wirtschaft und Sport.

Thomas Montasser, war 2011 ein gutes Jahr für den Rechtehandel?
Thomas Montasser: Allgemein scheint es ein etwas schwächeres Jahr gewesen zu sein. Vor dem Hintergrund unserer eigenen Ergebnisse kann ich das nicht bestätigen. Aber die Buchbranche jammert ja immer, das ist eine literarische Gattung.
Mit wie vielen Verlagsgruppen machen Sie im wesentlichen Ihr Geschäft?
Thomas Montasser: Da es immer weniger davon gibt, naturgemäß mit immer weniger. Allerdings machen uns auch Häuser, die noch nicht unter Konzerndächern gelandet sind, immer wieder mit schönen Erfolgen Freude.
Schon seit einigen Jahren zahlen auch die großen Verlage für die sicheren Bestseller nicht mehr jeden Preis. Ist jetzt unter den Agenten ein Wettstreit ausgebrochen, wer die größten Vorschüsse aushandeln kann? Wie dünn ist die Luft in Ihrem Metier?
Thomas Montasser: Richtig ist, dass es heute weniger sehr hohe Abschlüsse gibt als früher. Allerdings stelle ich auch fest, dass Verlage heute eher bereit sind, faire Angebote für vermeintlich „kleine“ Bücher zu machen. Anständige Vorschüsse sind wichtig, weil sie Ausdruck des Engagements eines Verlags und auch der Wertschätzung gegenüber einem Autor sind. Aber sie sind nicht der Maßstab dafür, ob eine Agentur erfolgreich ist. Konkurrenz zwischen den Agenturen kann ich da gar nicht erkennen, ich wüsste auch nicht wieso. Wir haben uns doch alle lieb.
Welche Tendenzen und Trends beobachten Sie im Kontakt mit Ihren Kunden?
Thomas Montasser: Die Verlage versuchen, sich stärker auf die Anforderungen der Vermittlung von Literatur in den Medien einzustellen. Sie überlegen sich mehr für die Bücher und Autoren. Das Marketing wird interessanter. Das ist ein Segen für die Autoren, deren Bücher davon profitieren. Für alle anderen ist es ein Fluch, weil die Aufmerksamkeit des Marktes sich auf immer weniger Novitäten konzentriert. Aber wie das mit Flüchen eben so ist: Die Verlage arbeiten eifrig daran, dass er sie auch wirklich trifft.
Sie haben einen Preis gestiftet, die „Goldene Gurke“ – wer bekommt die und warum?
Thomas Montasser: Die Goldene Gurke 2011 für die schnellste Absage ging dieses Jahr an Johannes Thiele vom Thiele Verlag, der nur 29 Minuten gebraucht hat, um ein wunderschönes Buchprojekt mit wenigen glatten Schnitten vom Leben zum Tode zu befördern – und der damit leider auch noch Recht hatte.
Das ist nicht sehr schmeichelhaft…
Thomas Montasser: Im Gegenteil. Die Verlage leiden unter einem immensen Arbeitsdruck. Die Lektorate kommen kaum noch dazu, sich Angebote anzusehen. Die galoppierende Beschleunigung trägt dazu bei, dass Manuskripte und Exposés oft unerträglich lange liegen bleiben. Aufbau hat mit einer Absage einmal so lange gebraucht, dass ich dem betreffenden Lektor postwendend das bereits andernorts erschienene Buch geschickt habe. Späte Absagen sind das Härteste, was man Autoren antun kann. Wenn dagegen am Ende eine Zusage kommt, sind alle Warterei und alle Qual vergessen. Eine schnelle Absage ist etwas sehr respektables. Deshalb haben wir die Gurke auch vergoldet.
Um in der Metaphorik des Landbaus zu bleiben – wo werden Sie in zehn Jahren ernten: bei den Verlagen, oder bei den „Content Providern“ im Internet?
Thomas Montasser: Bei den Lesern, wie ich hoffe, egal in welchem Medium sie unterwegs sind. Persönlich bevorzuge ich das traditionelle Buch, nicht zuletzt, weil es eine Illusion ist, dass irgendein populärer Verlag in naher Zukunft wirklich Geld pro verkauftem E-Book verdienen wird. Von der ferneren Zukunft ganz zu schweigen.
Wie wirkt sich die Digitalisierung, wie wirkt sich der E-Book-Trend auf das Agenturgeschäft aus?
Thomas Montasser: Diese Frage wird die Zukunft beantworten. Inhalte werden immer gebraucht. Und die digitale Welt macht das Geschäft nicht einfacher, schon gar nicht für Autoren. Da wuchert neben dem herkömmlichen Verlagsdschungel noch ein digitaler Urwald auf. Ich vermute, dass die Verlage weit stärker unter der Digitalisierung leiden werden.
Es gibt unter den Spitzenautoren einige, die sehr öffentlichkeitswirksam dem E-Book Reverenz erwiesen haben, andere, die damit am liebsten gar nichts zu tun haben wollen. Wie erklären Sie Ihren Autoren, was mit einer massenhaften Verbreitung von E-Books auf sie zukommt?
Thomas Montasser: Ich frage sie einfach, was sie selbst zahlen für die digitalen Angebote, die sie wahrnehmen.
Ihr persönlicher Blick in die Zukunft?
Thomas Montasser: Goldene Zeiten. Was sonst.

Michael Lemster, als langjähriger Programmleiter von buecher.de ein „Urgestein“ des elektronischen Buchhandels, berät Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.