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AWS: Neue Rollenverteilung, aber kein Untergang des Abendlandes

Eher mit viel Stoff zum Nachdenken als mit konkreten Lösungsideen verlassen die Teilnehmer die Arbeitstagung des Arbeitskreises Wissenschaftlicher Sortimenter (AWS) heute Regensburg. Sie hat gezeigt, in welchem Maße die Digitalisierung der Inhalte die altbekannten Rollen in Frage stellt und in welchem immer neuen Wandel die Kompetenzen des Verkaufs von wissenschaftlichen Inhalten und Texten stehen.

Das Bild, das sich am Ende der Tagung bietet, sieht aus wie ein Foto mitten in einem Zeitraffer-Film. Durchaus erkennbar, aber mit Bewegungsunschärfe zeigte es die derzeitigen Kompetenzen, mit denen Buchhandel, Verlage und Bibliotheken sich im Geschäft mit Fachinformationen behaupten. Gleichzeitig lässt sich ahnen, dass alle Beteiligten aber schon wieder auf der Reise zu ganz neuen Zielen sind. Es zeigt dabei einen Buchhandel, der weiterhin können muss, was gestern noch Standard war und liefern muss, was morgen gefragt wird. Oder wie die AWS-Vorstand Barbara Mahlke sagte: „Für das eine arbeiten wir mit Erfolg und das andere mit Engagement.“

Und so hätte hinter dem Tagungsmotto „Kompetenzen im digitalen Umfeld“ sowohl ein Ausrufe- als auch ein Fragezeichen stehen können. Denn heute neu erworbenen Kompetenzen stehen möglicherweise morgen schon wieder in Frage, wie gleich der erste Tag der Tagung erkennbar werden ließ. Da zeigte Jürgen Neffe (Libroid) wie das Lesen der Zukunft auf Tablet-PCs aussehen könnte und wies daraufhin, dass Texte immer mit ihrem Trägermedium verbunden sind. In Zukunft scheiden sich die Wege bereits beim Autor, wie Texte verwertet werden.

Sein Nachfolger am Rednerpult Gregor von dem Knesebeck vom Grin Verlag schlug in die gleiche Kerbe: „Die Balance zwischen Autor und Verlag hat sich bereits verändert“, sagte er und führte aus: „Der Autor hat heute die Möglichkeit, sein Buch selbst herauszubringen, damit haben sich die Machtverhältnisse verschoben“, so von dem Knesebeck. Seine Apell: „Wir müssen aus der Kundenperspektive denken“, riet er.

Damit waren bereits die Tore zur Diskussion über Open Access-Publishing geöffnet, in die dann Dr. Gernot Deinzer von der Universitätsbibliothek Regensburg aus Bibliothekarssicht einführte. Wissenschaftler drängen auf einen kostenfreien Zugang zu den Inhalten, um diese für weitere wissenschaftliche Arbeiten nutzen zu können. Deinzer stellte aber auch klar: „Open Access darf kein rechtsfreier Raum sein, der Urheber soll weiterhin genannt werden, das Urheberrecht ist nicht abgeschafft“, sagte er.

Er zeigte auf, wie Universitätsbibliotheken bereits anerkannte Online-Zeitschriften mit hohem Impactfaktor aufgebaut haben und wie Verlage entsprechende Erfolgsmodelle aufgekauft und fortgeführt haben. Auch sein Haus unterhalte bereits drei Online-Zeitschriften. Doch zeigte sich auch, dass die schöne Welt vom freien und unabhängigen Publizieren der Wissenschaftler bereits die Schleifspuren der Realität zeigen: So ist unklar wer Arbeit und Kosten für das langfristige Vorhalten der Artikel übernehmen soll, ist auch wer sie im weltweiten Netz auffindbar machen und wer die Angebote finanzieren soll.

Auch da scheiden sich dann bereits die Wege bei den Autoren: Pro Artikel müsste ein Autor zwischen 1350 und 2900 Dollar für seine Veröffentlichung zahlen. Die Uni Regensburg denke bereits darüber nach, derartige Kosten für ihre Forscher in Zukunft zu übernehmen, um Publikationen zu erleichtern. Für viele Verleger im Raum stellte sich das eher als eine Umleitung von Geldströmen dar, durch die kein Mehrwert entstehe.

Ein Bild von den erwarteten Kompetenzen hatte bereits die AWS-Umfrage im letzten Jahr gezeichnet. Monika Krieg, Head of Publishers beim Zeitschriftenhändler Harrassowitz, stellte sie in den Zusammenhang internationaler Anforderungen und machte deutlich, dass auch länderübergreifend unterschiedliche Kompetenzen abgefragt werden. So kaufen US-Bibliothekare weiterhin ganze Content-Pakete, während deutsche den Einzelbezug bevorzugen. Während deutsche Bibliothekare saubere Marktdaten fordern, verliert in den USA der OPAC wegen neuer Technologien immer mehr an Bedeutung. Während deutsche Bibliothekare wenig Interesse an einer Unterstützung seitens des Handels in der Einkaufsentscheidung haben, sind in den USA Approval Plans, die von Buchhändlern angeboten werden, sehr erfolgreich.

Dr. Raphael Ball, Leiter der Universitätsbibliothek Regensburg, holte mit dem Thema digitale Medien in wissenschaftlichen Bibliotheken „vom Zufall zur Strategie“ zum großen Rundumschlag aus. Er rechne damit, dass die neuen Medien die Existenz von Buchhandel, Verlage und auch Bibliotheken in Frage stellen. „Nicht das Abendland geht unter, aber wohl seine Medienformen.“ Verlage sollten sich „nicht mit juristischen Tricks via Urheberrecht eine Restlaufzeit erhalten wollen, indem sie gegen die Bibliotheken arbeiten“, so Ball. Die Bibliotheken seien die falschen Gegner, „im Gegenteil, die Bibliotheken sind die einzigen letzten Freunde der Verlage“, sagte er. Bibliotheken beschaffen auch nur im Auftrag der Kunden, deshalb müssten die Produkte an die Bedürfnisse der Kunden angepasst werden.

AWS-Neumitglied Cary Bruce, Geschäftsführer von EBSCO in Deutschland und Europa, führte letzteres in etwas nachdenklicherer Form aus, indem er an Hand einer exklusiv vorgestellten Umfrage von EBSCO Frgen an die zukünftige Rolle von Bibliothekslieferanten stellte. Demnach werden die wissenschaftlichen Bibliotheken ein wichtiger Bestandteil der Universtäten bleiben, auch wenn manche Bibliotheken werden bereits ersetzt werden. „Die Bibliothek müssen ihren Mehrwert in Zukunft beweisen“, schlussfolgerte er und: „Es wird eine neue Rollenverteilung geben, aber weiterhin werden Agenturen von Bibliotheken gebraucht, sie werden mehr Dienstleistungen für Verlage übernehmen, das bedeutet aber auch: Die Agentur aus ihrer Rolle als Buchändler ausscheiden.“

Zu den schärferen Anteilen am Bild der Kompetenzen im Handel mit Fachinformationen trugen Barbara Mahlke (Schweitzer Boysen & Mauke]) und Klaus Tapken (Missing Link) bei, indem sie die Leistungen des Fachbuchhandels vorstellten. „Es gibt in den Bibliotheken viele Unsicherheiten in Fragen von E-Books, die der Handel beantworten kann. Der Handel hat weiterhin eine unabhängige beratende Funktion, der Einzeltitelverkauf wird zunehmend wichtiger, das ist für Verlage kaum mehr ökonomisch abzubilden“, sagte Tapken. Er warnte einerseits Konsortien wie den HBV davor, den Handel aus dem Geschäft auszuschließen, um scheinbare Kostenvorteile zu generieren andererseits die Verlage: Die sollten aufpassen, „dass sie sich der Monopolisierung des Endkundengeschäfts durch Amazon entziehen“. Und Mahlke forderte: „Die Vielzahl der Lizensierungen muss einheitlicher gestaltet werden auch die Schnittstellen zwischen Verlagen und Handel muss vereinheitlicht werden“ Aus ihrer Sicht sei der Buchhandel längst angekommen, längst fahre er mit Print- und digitalen Medien zweispurig. „Nutzen Sie unsere Kundenkenntnisse und wir werden gemeinsam Erfolg haben“, appellierte sie.

Damit hatte sie ihrem Nachredner Klaus Bahmann vom Springer Verlag bereits den Wind aus dem Segel genommen, unter dem der provozierende Titels seines Vortrages reiste: „Der Handel kann Print – kann er auch digital?“. Bahmann erläuterte an Einzelbeispielen, bei welchen Datenbanklösungen er den Buchhandel als Vertriebspartner sehe, welche aber auch derart kompliziert seien, dass sie sich nicht vom Handel verkaufen lassen. Ganz abgesehen davon, dass der Buchhandel für die Vergabe von Allianzlizenzen nie Kompetenzen erwerben könne.

Im Anschluss machten aber Dr. Karl-Heinz Höfner vom Oldenbourg Verlag und Dr. Dubravka Hindelang vom Hanser Verlag deutlich, dass es durchaus möglich ist nach wie vor das gesamte Programm inklusive aller Datenbank-Lösungen über den Handel zu verkaufen. Höfner musste aber auch konstatieren, dass er 27 Prozent des Print-Umsatzes mit den Top zehn Kunden macht und den Rest mit dem übrigen Handel, den Umsatz von E-Books aber bereits zu 93 Prozent von den Top zehn Kunden abwickelt, während die übrigen drei Prozent auf die restlichen 1200 Kunden entfielen.

Hindelang schilderte wie der Neustart der Hanser eLibrary nach einem ersten Flop 2010 mit Hilfe des Handels gelang. „Wir konnten profitieren vom Know how der Spezialanbieter im Handel und waren froh, dass wir in engen Gesprächen Fehler vermeiden konnten. Der Handel half uns die richtige Sprache mit den Bibliotheken zu finden, dabei haben wir viel Unterstützung erfahren“, sagte sie.

Dass man vielleicht zur Neuorientierung mal einen ganz weiten Abstand nehmen kann, legten Hans-Jürgen Harthauer (t&t teaching and training) und Eberhard Spngenberg (Garibaldi) nahe, die beide mit ganz neuen Geschäftsmodellen ihren Weg gehen. Für alle, die in der Branche bleiben wollen, lieferte Detlef Büttner (Lehmanns media ein paar Ideen wie man an den Endkunden vermarktet. Dennoch lässt sich anders als in vergangenen Jahren kaum mehr etwas vermitteln, was sich so einfach nachmachen oder adaptieren lässt, die Geschwindigkeit der Veränderungen in einem deutlichkomplexeren Markt fordert Fachinformationsanbieter mehr denn je dazu heraus, eigene Strategieprozesse zu durchlaufen und sich jährlich, monatlich, stündlich im Markt neu zu behaupten.

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