Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? In Vertretung von Michael Lemster, der für uns auf der Informare arbeitet, übernimmt heute Matthias Koeffler die Freitags und fünf-Frage.
Auf der AWS-Tagung hat Dr. Dorothea Redeker es geschafft, zahlreiche Vorträge und Referenten zusammenzubringen, die ein umfassendes Bild vom sich wandelnden Bibliotheksmarkt gezeichnet haben. Matthias Koeffler fragte, wie nun ihr Blick zusammenfassend auf die Entwicklung der Kompetenzen bei den Branchenteilnehmern ausfällt.
Vor einem Jahr hat die AWS nach Allianzen gefragt, also wer zukünftig zusammen mit wem die Geschäfte macht. War das zu früh gefragt? Dennn dieses Jahr ging es um Kompetenzen. Bevor sich Partner finden, müssen sie doch erst einmal wissen, ob die Kompetenzen überhaupt vorhanden sind.

Dr. Dorothea Redeker: Ja und nein, wir haben es weiterhin mit den Geschäftspartnern Bibliotheken, Verlage und Handel/Dienstleister zu tun. Was sich aber kontinuierlich ändert, sind deren Rollen und so stellt sich die Frage, wie Kompetenzen neu definiert werden müssen, um auch in Zukunft miteinander arbeiten zu können. Da auf der AWS-Tagung Teilnehmer aus allen Bereichen vertreten waren, gab es viel Gelegenheit, sich über die neuen Anforderungen auszutauschen und sie zu konkretisieren.
Sind nach den Vorträgen die Kompetenzen der einzelnen Marktteilnehmer noch klar?
Wir befinden uns in einem anhaltenden Wandlungsprozess. Deswegen ist vieles noch schwammig. Deutlich wird aber, dass die Handelskomponente zwar noch eine Rolle spielen wird, aber zunehmend andere Kompetenzen gefragt sind, wie beispielsweise organisatorisches und koordinierendes Know how – Stichwort: Projektmanagement. Wir brauchen Medienspezialisten mit technologischem und betriebswirtschaftlichem Hintergrund, mit viel thematischem Wissen zur jeweiligen Disziplin und Begeisterung, zusammen mit Kunden Lösungen zu entwickeln. Dienstleister im digitalen Umfeld müssen ihren Gesprächspartnern in allen Bereichen auf Augenhöhe begegnen, das aktive Gespräch suchen und gemeinsam mit den Kunden herausarbeiten, welche Mehrwerte durch den Einsatz von Informationen relevant sind. Das hat mit klassischem Buchhandel nicht mehr viel zu tun, sondern ist primär Dienstleistungsgeschäft.
Wie kann sich der Buchhandel sein Vertrauen erhalten?
Die Vorträge auf der AWS-Tagung haben gezeigt, dass es ein großes Vertrauen zu den Library Suppliern gibt. Wichtig ist, dass der Fachbuchhandel die Impulse aufnimmt und unternehmensintern Umsetzungsmöglichkeiten sondiert – und wenn es alleine nicht realisierbar ist, aktiv Kooperationen mit anderen Unternehmen sucht. Wichtig ist aber auch, über Deutschland hinaus zu blicken. Denn die Bibliothekare sind weltweit gut vernetzt und schauen ganz genau, was die Kollegen in anderen Ländern machen.
Kristallisieren sich die Anforderungen überhaupt bereits klar heraus?
Der Schwerpunkt liegt eindeutig im Dienstleistungsgeschäft. In Zukunft handeln Handelsspezialisten im Bibliotheksgeschäft eher mit Software, die mit Inhalten gefüllt sind. Und das bedeutet: beim Abschluss von Lizenzen beraten, Schulungen anbieten, die Rahmenbedingungen gestalten und Kundensupport vorhalten. Medien und IT-Dienstleistungen werden miteinander vereint, zusammengeführt.
In der Open Access Diskussion hat man den Eindruck, dass Kompetenzen nur verlagert werden, die vorher bereits in guten Händen lagen und wohl organisiert waren.
Die Open-Access-Diskussion ist ja bereits einen Schritt weiter. Längst bringen Verlage ihre Kompetenzen in dieses Geschäft ein. Für die Wissenschaftscommunity ist es wichtig, einen offenen Zugang zu den Inhalten zu haben. Die Forderung ist schon deshalb berechtigt, weil die Wissenschaft immer mehr interdisziplinär forscht. Das ist mit einem öffentlich zugänglichen Medienangebot leichter. Öffentlich heißt aber nicht kostenlos und die Diskussion über tragfähige und akzeptable Geschäftsmodelle und deren Umsetzung in die Strukturen der Hochschullandschaft wird uns noch einige Zeit beschäftigen.
An welchen Kernkompetenzen kann und muss der Buchhandel auch in Zukunft festhalten?
Kundenkenntnis und Beratungskompetenz sind auch in Zukunft gefragt. Dabei gilt es aber, Arbeits- und Entscheidungsprozesse beim Kunden genauer kennenzulernen und das Beratungsgeschäft um technologische und lizenzrechtliche Komponenten auszubauen.
Wird er sich auch alte Kompetenzen neu erkämpfen müssen?
Auch im digitalen Geschäft braucht es Mittler, Unternehmen, die aktiv Verlagsangebote beim Kunden platzieren, gebündelt anbieten und managen. Hier liegen weiterhin die Chancen der Handelsspezialisten, denn für Verlage, insbesondere mittelständische ist diese Funktion nur schwer zu erbringen. Sie merken, dass es zu teuer ist, wenn sie den Vertrieb allein organisieren wollen. Die Vorträge auf der AWS-Tagung waren gerade in diesem Punkt Hände reichend.
Hat der Buchhandel durch die neuen Formen zu publizieren auch Möglichkeiten, sich neue Kompetenzen zu erarbeiten? Und in welchen Bereichen könnte das sein?
Aktuell haben wir es mit einem Nebeneinander verschiedener Publikationsformen zu tun. Die Parallelität wird uns auch noch eine Weile erhalten bleiben. Und so bleibt Zeit, im Dialog mit allen Beteiligten, neue Mehrwerte zu generieren und entsprechende Kompetenzen aufzubauen.