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Cora Stephan – löst Wortgewalt die gesellschaftlichen Konflikte ums Urheberrecht?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Cora Stephan.

Cora Stephan, geboren 1951 in Osnabrück, Historikerin, Politologin, Publizistin und nicht zuletzt unter dem Pseudonym Anne Chaplet eine der erfolgreichsten Kriminalschriftstellerinnen, hat mit einem Beitrag in der Welt unter dem Titel „Schert euch zur Hölle, ihr blasierten Nerds!“ in die Debatte um das Urheberrecht eingegriffen.

Cora Stephan – löst Wortgewalt die gesellschaftlichen Konflikte ums Urheberrecht?

Dr. Cora Stephan
(C) Rudolf Westenberger

Cora Stephan: Nein, nein. Natürlich nicht. Ich verstehe ohnehin nicht, warum wir Debatten wie diese so unversöhnlich führen müssen, ohne den Versuch, von entgegengesetzten Standpunkten etwas zu lernen. Ich erlebe einerseits, dass Vermittlungsversuche wie u.a. einer des Chaos Computer Club von einigen Autoren wutentbrannt abgewehrt werden, und andererseits die völlige Ignoranz, die uns aus der Piratenpartei entgegenschlägt nach dem Motto: in Wirklichkeit sind wir alle ja Kreative, geistiges Eigentum ist nichts, daher weg mit dem Urheberrecht, jetzt wird umverteilt, und die Autoren sind überhaupt überempfindlich. Beide Haltungen führen natürlich zu gar nichts.

Sie sind die Erste, die darauf hingewiesen hat, dass diese ekligen Filesharer da draußen Ihre Leser sind…

Cora Stephan: Es geht nicht, dass der Leser unter Generalverdacht gestellt wird, nur weil das Netz neue Zugriffsmöglichkeiten und Kommunikationsformen eröffnet hat. Klar: früher musste man sich die Bücher im Laden klauen, das war riskant. Heute saugt man, das ist einfacher. (lacht) Aber unsere Leser bleiben unsere Leser. Unsere Strategie ist auf zwei Ebenen verkehrt, glaube ich. Einerseits ignorieren wir Autoren sturköpfig die Leser und ihre Bedürfnisse, weil wir Angst vor Enteignung haben, und wir übersehen, dass wir unserer Urheberrechte gar nicht beraubt werden. Andererseits erschweren die Verlage, unterstützt von vielen Autoren, den legalen Bezug von E-Books. Das fängt schon beim Preis an, der keinen hinreichenden Abstand zur gedruckten Ausgabe hat. Und dann der volle Mehrwertsteuersatz – als ob ein E-Book kein Kulturgut wäre!

Nun hat es nicht an Versuchen gefehlt, den reduzierten Mehrwertsteuersatz auch auf elektronische Bücher anzuwenden. Aber Verlage argumentieren auch, dass sie bei der Produktion von E-Books gar keine so gewaltigen Einsparungen machen oder dass sie gar für die die Digitalisierung mehr ausgeben als für den traditionellen Prozess.

Cora Stephan: Also aus meiner Erfahrung heraus glaube ich das einfach nicht. Wir Autoren liefern ja die digitale Vorlage fix und fertig ins Haus. Und die anderen Spieler auf dem E-Book-Markt zeigen, dass es auch anders geht. Andererseits: Die großen Traditions-Verlage müssen heute mehrere Märkte bedienen, unter ihnen den digitalen. Ihr Geschäftsprozess aber ist auf das normale Print-Geschäft ausgelegt. Die dort entstehenden Kosten (Druck, Lager, Vertrieb) bleiben also erhalten.

Sitzen die Verlage auf gefüllten Geldsäcken und jammern bloß herum?

Cora Stephan: Sicher nicht. Doch es gibt bereits Anbieter von digitalen Produktionen, die den Autoren größere Margen anbieten. Wir Autoren nutzen das aber nicht aus, wir sind treu und loyal aus den bekannten Gründen – nicht zuletzt wegen der Vorschusszahlungen, denen viele von uns die Möglichkeit verdanken, als Autoren zu existieren. Doch bei Ergebenheitsadressen darf es nicht bleiben. Die Phalanx zwischen Autoren und Verlagen ist nicht so eng und dicht, wie der Aufruf „Wir sind die Urheber“ glauben machen möchte.

Autoren und Verleger haben schon immer leidenschaftlich gestritten, auch ums Geld…

Cora Stephan: … und dass wir nun so tun, als ob solche Konflikte angesichts eines bedrohlichen Feindes aufgehört hätten, ist albern. Autoren haben heute eine höhere Verhandlungsmacht, sie nutzen sie aber nicht, weil die meisten von ihnen vom digitalen Markt nicht viel verstehen. Und nicht viel verstehen wollen. Wir stehen im Umbruch. Dieser Umbruch ist unbequem. Die Rückgänge im Buchhandel sind auch für Autoren eine schlechte Botschaft, nicht nur für den Handel und die Verlage. Aber es ist kontraproduktiv, wenn ich von Autoren höre: das E-Book, das ist etwas für die USA, bei uns kommt das nicht an. Die Augen zu schließen, ist keine Strategie.

Was muss passieren, damit die Kontrahenten aus ihren Gräben hervorkommen?

Cora Stephan: „Urheberrechtsdebatte“ ist der falsche Titel für die Diskussion. Und die Abmahnerei ist ausgesprochen unglücklich. Wir haben damit Anwälten eine neue Einnahmequelle eröffnet, aber wir haben gleichzeitig die Kluft vergrößert, die uns von unseren Lesern trennt. Daher plädiere ich für ein neues Bündnis zwischen Autoren, Verlagen und Lesern. Dazu müssten aber auch die Verlage offen mit den Autoren reden. Wir müssen eine Preisgestaltung hinkriegen, die den digitalen Klau unnötig macht. Jeder, der sich schon mal an einer Tauschbörse bedient hat, weiß, das Saugen ist unbequem. Wenn ich als Leser mir diese Mühe und womöglich ein schlechtes Gewissen sparen kann, indem ich zu günstigen Preisen kaufe, werde ich das vermutlich auch tun. Viele Autoren müssen bei dieser Gelegenheit die Realität des Buchmarktes zur Kenntnis nehmen. In meiner Sparte Kriminalroman ist, glaube ich, ein Hardcover nur noch für Bestsellerautoren sinnvoll.

Aber viele Autoren denken so: fürs Hardcover kriege ich 10 %, fürs Taschenbuch 6 %, also setze ich ein Hardcover durch. Das ist unsinnig, das ist kurzfristiges Denken von Buch zu Buch. Über die Prozentsätze müssten wir uns allerdings wirklich unterhalten. Da bei einem E-Book der Buchhandel wegfällt, muss auch der Autor besser bedient werden.

Neben der Verteilung und dem Download kompletter Bücher sorgen in der Praxis digitale Kleinkopien für Unsicherheit: der Blogger, der ein Gedicht einstellt, weil es ihn fasziniert und der darüber diskutieren möchte, oder die Hobbyköchin, die ihren Freunden ein tolles Rezept zeigen will. Worum sich früher in den Verlagen und Verwertungsgesellschaften niemand gekümmert hat, weil es sich jeder Beobachtung entzog, das hat heute unendliches Verbreitungspotenzial und kann gleichzeitig überwacht werden.

Cora Stephan: Solche Leser zu verfolgen, ist eine Verzerrung der Realität. Wenn Sie sich ansehen, was Buch-Fans für ihre Autoren tun: Sie rezensieren sie, sie kommentieren sie, sie bloggen über ihre Leseerlebnisse. Das Internet bringt uns eine Nähe zu unseren Fans, die früher nicht möglich war. Das ist doch fantastisch. Dieses Verhältnis müssen wir zuerst entgiften.

Ist die gegenwärtige Situation nicht ein Fall von Staatsversagen – warum wollen Sie, dass der Staat sich besser weiterhin aus der Sache heraushält?

Cora Stephan: Der Staat kriegt ja nicht mal eine Energiewende hin. Und bis da mal was durch ist in Sachen Urheberrecht usw., ist das Buch längst in den Brunnen gefallen. Ich denke, wir müssen ein neues Gewohnheitsrecht etablieren, eine Art Netiquette, die auch auf mehr Toleranz bei privater, geringfügiger Nutzung hinausläuft. Dazu sollte man vielleicht als erstes wieder miteinander reden. Und ich warte auf die Initiative der Verlage, was ein neues Bündnis zwischen ihnen, den Autoren und den Lesern betrifft. Die strafrechtliche Verfolgung von Anonymous steht nicht gerade oben auf meiner Liste, so ärgerlich ich diese sogenannten „Aktivisten“ finde. Das ist symbolische Politik und geht am Kern des Problems vorbei.

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben veröffentlicht er Reportagen und Interviews.

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