Der Erfolg der „Piraten“ bei den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen macht die Buchbranche mehr als nachdenklich, immerhin geht es ums Urheberrecht. Pendragon Verleger Günther Butkus hat dazu (s)eine Meinung.
Wir haben den Verleger, der sich seit über dreißig Jahren quasi als Einzelkämpfer am Markt behauptet, gefragt:

„Piraten nehmen sich, was
andere erarbeitet haben“
Herr Butkus, wie stehen Sie zu der Forderung der Piraten-Partei?
Günther Butkus:Wir haben in Deutschland die Meinungs- und Kunstfreiheit und niemand soll in seinen Möglichkeiten eingeschränkt werden. Der Zugang zur Kunst soll frei sein. Das ist gut und richtig, aber Kunst kann nicht kostenlos sein. Eine Gesetzesänderung betrifft jeden, der mit kreativer Arbeit sein Geld verdient, also auch Schriftsteller, Autoren und Journalisten. Wenn es nach den Piraten ginge, gehört jedes Wort, das geschrieben wird, uns allen. Romanautoren, Drehbuchschreiber oder Songtexter hätten dann keinen Anspruch auf eine Vergütung für ihre Arbeit. Das würde ihnen nicht nur die Existenzgrundlage entziehen, sondern wäre auch in höchstem Maße unfair.
Welche Auswirkungen hätte denn eine entsprechende Gesetzesänderung?
Würde das Modell wirklich Schule machen, dann könnten alle privaten Rundfunk- und TV-Anstalten irgendwann nur noch Werbung ausstrahlen, weil die Inhalte fehlen, denn die wird niemand mehr produzieren können. Noch krasser verhält es sich mit der Print-Landschaft, die z. T. häufig mit freien Autoren arbeiten. Was es mit der Literaturszene anstellen würde, mag ich mir gar nicht ausmalen. Es sollte also in der Diskussion vor allem darum gehen, wie die Millionen von Menschen, die direkt und indirekt mit der Schaffung und Verwertung von Kunst – und zwar Kunst in allen kreativen Ausrichtungen – weiterhin kreativ tätig sein sollen, wenn man ihnen die Existenz nimmt. Ohne das Urheberrecht würde der Buchmarkt keineswegs von heute auf morgen florieren, im Gegenteil, er würde sich radikal wandeln – statt Vielfalt gäbe es Kahlschlag.
Was sollte man denn Ihrer Meinung nach unternehmen?
Wenn man aktiv werden will, dann sollte man kritisch auf einige Verwerter schauen, die nichts mehr für Inhalte zahlen wollen. Da hätten wir beispielsweise Youtube. Hier sollen alle Videos umsonst gezeigt werden dürfen und mit diesen Inhalten ein Maximum an Werbeeinnahmen generiert werden. Youtube ist noch nicht einmal bereit, ein Minimum als Verhandlungsgrundlage zu zahlen. Auch Amazon will pro E-Book lediglich 9,99 Euro zahlen, während Apple in den USA bereit war, den Verlagen und damit allen an der Produktion beteiligten Künstlern eine angemessene Vergütung zu zahlen. Somit spielen die Piraten indirekt Youtube, das zu Google gehört, und Amazon in die Hände.
Bleiben wir beim Thema E-Book. Sie sagten, Amazon wolle nur einen Festpreis zahlen?
Das ist richtig. Ob das E-Book 120 oder 1.000 Seiten hat, ist dabei egal. Amazon als Verwerter der Plattform will die Preise diktieren. Und wenn dies nicht alle unabhängigen Verlage mitmachen können, bleiben sie außen vor. Das ist ja in den USA bereits geschehen, wo mehrere hundert unabhängige Verlage von Amazon ausgelistet wurden, d.h. diese E-Books kann man über Amazon nicht mehr kaufen und sind damit faktisch „tot“.
Warum betrachten Sie den von Amazon angebotenen Preis als zu gering?
Jeder Verlag muss zunächst einmal Geld investieren, um die E-Books zu erstellen. Es ist technisch sehr aufwändig, bis eine E-Book-Datei auf einem Kindle (Mobilpocket-Format) und anderen Readern (ePub) und allen Smartphones überhaupt funktioniert. Man kann leider nicht einfach die Druckdaten für die Bücher nehmen. Als kleiner Verlag musste Pendragon in den letzten Jahren sehr viel Geld für die Konvertierung seiner Printbücher investieren. Ob aber dieses Geld jemals wieder „eingespielt“ wird, ist ungewiss. Zudem verdient man weitaus weniger an einem E-Book, weil alle großen Verwerter wie Amazon, Apple und Google hohe Rabatte von den Verlagen fordern. Und auch die Autoren fordern höhere Honorare beim E-Book, weil alle meinen, die Verlage hätten keine Arbeit mit dem E-Book und würden viel daran verdienen, dabei bleibt bei den E-Books weitaus weniger als bei den Büchern hängen. Verlage lektorieren durchschnittlich jedes Buch mehrere Wochen lang mit dem Autor. Beide Seiten geben alles für ein gutes Buch. Dann muss der Text gesetzt und gestaltet werden, bis das Buch letztlich gedruckt wird. Übrigens: Alle Leistungen bis auf den Druck müssen auch für ein E-Book erbracht werden. Wir Verlage müssen uns sehr genau überlegen, ob wir auch weiterhin jedes Buch auch als E-Book produzieren können. Ich frage mich: Was sagen eigentlich die Piraten dazu, wenn die Verlage nicht mehr das Geld haben, um ihre Bücher auch als E-Books zu produzieren?
Ihr Fazit?
Eigentlich gibt es für mich keine bessere Antwort als das Statement von Sven Regener, der in seinem Interview mir dem BR gesagt hat: „KUNSTFREIHEIT bedeutet nicht, dass Kunst NICHTS kosten darf. Und zu den Piraten bleibt zu sagen, dass diese auch schon früher keine Freiheitskämpfer waren. Sie nahmen sich einfach das, was andere sich mühevoll erarbeitet haben. Der Name ist also in der Tat Programm. “
Die Fragen stellte Christian von Zittwitz