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Verena Hofmeier: wie gesund ist der Versandbuchhandel?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an die Geschäftsführerin des Versandbuchhändlerverbands, Verena Hofmeier.

Verena Hofmeier, geboren am 6. Juni 1982 in Mainz, ist Rechtsanwältin in der Kanzlei Fuhrmann Wallenfels in Wiesbaden. Seit Mai 2010 ist sie neben Prof. Dr. Christian Russ zudem Geschäftsführerin und Justitiarin des Bundesverbandes der Deutschen Versandbuchhändler. Als Anwältin ist sie mit den Themen Buchpreisbindung, Wettbewerbs- und Medienrecht befasst.

Verena Hofmeier – wie üblich auf den Versandbuchhändlertagen wurde schön gefeiert bis in die Nacht hinein. Angesichts der mauen Branchenzahlen, die Sie im Vorfeld veröffentlicht haben, scheint Galgenhumor um sich zu greifen…

Verena Hofmeier

Verena Hofmeier:(lacht) Naja, also „mau“ ist anders. So schwarz darf man es nicht sehen. Wir hatten in den letzten Jahren ein Riesenwachstum im Internet, dass das mal abflacht, ist zu erwarten. Speziell die Zahlen des Vorjahres waren gigantisch, der kalte Winter hat das Weihnachtsgeschäft 2010 angekurbelt, das hatten wir 2011 nicht. Das kann schon einmal eine Korrektur bedeuten, aber am generellen Wachstumstrend ist nicht zu rütteln.

Stammen die Zahlen von Amazon aus zuverlässiger Quelle – die Kollegen selbst veröffentlichen ja kaum Zahlen, und schon gar keine warengruppenbezogenen…

Verena Hofmeier: Die Zahlen stammen auch nicht von Amazon. Wir berechnen sie anhand von Informationen, die wir von Verlagen und anderen Branchenteilnehmern bekommen.

Sie schreiben es selbst: wenn Amazon nicht wäre, würde der komplette Versandbuchhandel stagnieren. Und selbst der Amazon-Faktor bringt der Sparte gerade mal laue 2,6 % plus. Das ist sicherlich stärker als der gesamte Buchmarkt, aber für viele weit unter den Erwartungen. Bedeutet das, dass die Weltbild, buch.de, buecher.de als Wachstums-Lokomotiven mittlerweile ebenfalls ausgedient haben?

Verena Hofmeier: Was heißt ausgedient? Sie sind vielleicht nicht mehr der Motor, der sie waren. In diesem Punkt hat Amazon im Moment eine Alleinstellung.

Die Zahlen zeigen, dass der mittelständische Versandbuchhandel sich positionieren muss. Gibt es Beispiele, dass das gelingt, und wie sehen die aus?

Verena Hofmeier: Ich habe den Gesprächen mit den mittelständischen Händlern entnommen, dass es den Spezialisten in der Fachinformation, zum Beispiel in der Medizin, oder den Special Interest-Anbietern etwa von Kunstbüchern im Verhältnis besser geht als den Allroundern. Dass diese etwas Grundlegendes anders machen, ist für mich nicht erkennbar. Vielleicht vertrauen die Kunden bei Spezialthemen den spezialisierten Anbietern mehr.

Die andere Nachricht der Woche ist die beschlossene regelmäßige Kooperation mit dem Bundesverband des Deutschen Versandhandels. Worum soll es da im Einzelnen gehen?

Verena Hofmeier: Die Interessen der Mitglieder beider Verbände sind nahezu identisch. Die Unternehmen unterscheiden sich natürlich im Sortiment. Aber uns allen liegt die Stärkung des Versandhandels gleichermaßen am Herzen, und wir glauben, durch gezielte Zusammenarbeit, die auch nach außen hin stark erkennbar wird, diese gemeinsamen Interessen effektiver vertreten zu können. Wir haben uns zahlreiche Dinge vorgenommen, und die Zeit wird zeigen, wie wir sie in der Praxis umsetzen.

Ein wichtiger Punkt ist sicher gemeinsame PR, wir wollen auch bei den jeweiligen Mitgliederversammlungen die Mitglieder zusammenführen, zu unseren Hauptversammlungen BVH-Mitgliedsunternehmen einladen, also persönliche Netzwerke begünstigen. Ein großer Punkt sind rechtliche Themen wie der Fernabsatz oder der Datenschutz, wo es im Sinne der Durchsetzung gemeinsamer Interessen wichtig ist, nach außen hin stark aufzutreten. Wir werden nationale und europaweite Gesetzesvorhaben mit gemeinsamen Stellungnahmen begleiten, um für unsere Mitgliedsunternehmen das Beste herauszuholen, das in unserer Macht steht.

Was kann das dem einzelnen, vielleicht schwer kämpfenden Mitglied bringen?

Verena Hofmeier: Wir rechnen mit regem Austausch auf der Ebene der einzelnen Mitglieder, die sich auf diese Weise Rat in einzelnen operativen Fragen holen können. Konkrete Effekte sind noch schwer abzusehen. Die Kooperation ist in dieser Hinsicht kein Selbstläufer und nichts, was jedes Mitglied getrost an die Geschäftsstelle delegieren kann. Aber wir sind offen, wenn aktive Mitglieder den Prozess der Kooperation aktiv mitgestalten und das für sie Sinnvolle herausziehen wollen.

Wollen Sie den BVH-Mitgliedern auch die Buchpreisbindung beibringen?

Verena Hofmeier: Das spielte bisher in den Gesprächen keine Rolle und ist vermutlich auch nicht notwendig.

Der BVH zählt Riesen wie Neckermann oder Otto zu seinen Mitgliedern. Das klingt nicht nach einer gleichberechtigten Partnerschaft…

Verena Hofmeier: Ich glaube nicht, dass diese Partnerschaft davon geprägt sein wird, wer unter seinen Mitgliedern die „dickeren Fische“ hat. Davon ganz abgesehen haben wir zum Beispiel Amazon. Aber das spielt, wie gesagt, keine Rolle, es ist allen Beteiligten klar, dass sie gleichberechtigt sind, selbst wenn der BVH ein größeres Marktsegment abdeckt als der Versandbuchhändlerverband. Wir werden nicht als kleine Schwester zurückstecken, und ich bin sicher, dass auch der BVH das nicht im Sinne hat.

Zum ersten Mal seit langer Zeit wurde in Ulm ein branchenfremder Aussteller gesichtet, ein Anbieter von Zahlungssystemen. Er wirkte ein wenig wie von einem anderen Stern gefallen. Ein erstes Ergebnis der BVH-Connection? Welches Konzept steckt dahinter?

Verena Hofmeier: Das ist kein Ergebnis dieser Connection, sondern spiegelt ein Bemühen unsererseits wider, unsere Veranstaltungen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Wir glauben, dass es niemandem schadet, sich in fremden Gefilden umzuschauen.

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.

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