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Johannes Kambylis – Berliner Bibliothekare berichten über Sexarbeit bei Meiner: eine neue Erlösquelle?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an den Marketing- und Presseleiter des Meiner-Verlages, Johannes Kambylis.

Johannes Kambylis, geboren 1965, verantwortet in den Wissenschaftsverlagen Meiner (Philosophie) und Buske (Fremde Sprachen und Sprachwissenschaft) Marketing, PR, Rechte und Lizenzen.

Johannes Kambylis – die Branchenzeitschrift „China Publishers“ zitiert einen ungenannten Bibliothekar der Freien Universität Berlin mit den Worten: “seine Sexarbeit ist ein wesentlicher Bestandteil der Philosophie des Materials“. Das klingt ja fast so, als ob nach Feierabend in den Verlagsräumen die Post abgeht…

Johannes Kambylis
© Christine Schröder

Johannes Kambylis: Dazu kann ich nur sagen: die Post geht im Meiner Verlag lange vor Feierabend ab, und zwar wortwörtlich: wir liefern selber aus, bringen unsere Buchpakete gegen 15:00 Uhr auf den Weg und hoffen sehr, dass sie alle gut beim Empfänger ankommen. Ich bin sicher, dass der ungenannte Bibliothekar noch nicht zu Besuch war (wozu wir ihn herzlich einladen!), denn dann würde sicherlich der Eindruck, den der Text erwecken mag, sehr schnell relativiert werden, da wir uns aufgrund der Thematik unserer Bücher auf eine sehr klassische Weise mit den Texten beschäftigen, die wir übers Jahr publizieren.

Auch von „Herzrasen“ ist an anderer Stelle die Rede – wird dieses von amourösen oder von intellektuellen Impulsen ausgelöst?

Johannes Kambylis:(lacht) Herzrasen entsteht bei uns, wenn wir, was leider nicht jede Woche vorkommt, eine Besprechung eines unserer Bücher in einer der großen Zeitungen lesen – insbesondere dann, wenn es, wie vor einiger Zeit geschehen, um einen Text geht, der seit 20 Jahren lieferbar ist, und der sich, weil sein Herausgeber plötzlich interviewt wird, innerhalb von drei Monaten so häufig verkauft wie in den 20 Jahren zuvor.

Welcher ist das?

Johannes Kambylis: Der „Traktat über die drei Betrüger“ von einem bis heute unbekannten Autor, was der Grund dafür ist, das wir dieses Buch nach wie vor mit der Autorenangabe „Anonymus“ verkaufen. Manchmal ist allerdings auch Belustigung der Grund für einen höheren Pulsschlag. Wir waren erfreut, als wir in der Branchenzeitschrift „China Publishers“ ein großes Verlagsporträt über uns lasen, und sehr erstaunt, als wir den chinesischen Text durch Google Translate vollautomatisch übersetzt zugesandt erhielten: das Ergebnis war eine Beschreibung, die so weit von dem entfernt ist, was (nicht nur!) unserem Selbstverständnis nach den Meiner Verlag kennzeichnet, dass wir vor Lachen schlichtweg unterm Tisch lagen. Mich erinnert das an einen Fall, wo die Finanzbehörden unsere Tätigkeit in dieselbe Kategorie wie den Bergbau einsortierten.

Wenn man den chinesischen Originaltext und die durch Google besorgte deutsche Übersetzung liest, muss man nicht chinesisch können, um festzustellen, dass die Übersetzung nicht wesentlich verständlicher ist als das Original. Sätze wie „SchrittPräsident überzeugt ist, dass sie wurden, die eine sehr vorsichtige Haltung der Veröffentlichung dieser Werke, das Ziel, die Welt, die den Prozess der Gedankenaustausch zwischen Lehrern und Schülern der frühen Philosophie und Wissenschaft sein soll, welche Art von Literatur von großem wissenschaftlichen Wert“ können einen schon ins Grübeln bringen…

Johannes Kambylis: Uns hat das auch sehr ins Grübeln gebracht. Und es hat uns auf den Gedanken gebracht, dass das, was kostenlos ist, nicht immer, aber häufig in des Wortes doppelter Bedeutung umsonst ist – umsonst, weil man nichts dafür zahlen muss, und umsonst, weil es vergebens ist! Seit März flammt in der Öffentlichkeit die Debatte über die Legitimität des geltenden Urheberrechts wieder auf. Und bei vielen Menschen entstand durch die schiere Menge an im Netz verfügbarer Information der trügerische Eindruck, es müsste einfach jede kreative Leistung ohne Gegenleistung erreichbar sein. Darüber geriet leider in Vergessenheit, dass die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung – häufig langjähriger internationaler Forschung – einen hohen Preis haben und dass die Umwandlung dieser Forschungsergebnisse in Bücher oder digitale Produkte bezahlt werden muss. Von wem: das mag sich im Lauf der Zeit ändern. Aber es muss eine Gegenleistung geben!

Hat der Fall einen Image-Schaden für den grundsoliden Fachverlag mit sich gebracht?

Johannes Kambylis: Nein, keineswegs – der Originaltext geht auf ein von Manfred Zähringer verfasstes Verlagsprofil zurück, das für die Website des Goethe-Instituts erarbeitet wurde und unsere Arbeit auf sehr anschauliche und sehr angemessene Art und Weise darstellt.

Welche Schlüsse ziehen Sie für sich daraus?

Johannes Kambylis: Aufmerksam zu bleiben und wiederholt Korrektur zu lesen zahlt sich aus. Wir halten den Text für eine wunderschöne Internet-Trouvaille und haben ihn als News-Meldung auf unsere Website gestellt – und wir hoffen auf zahlreiche Lacher und etwas Nachdenklichkeit.

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.

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