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Thomas Montasser: „Zurück in die Zukunft oder Willkommen in der Gegenwart, Mr. Bezos“?

“I see the elimination of gatekeepers everywhere“, stellt Amazon-Gründer Jeff Bezos in der New York Times fest. Er meint damit unter anderem Agenten und Verleger. Wir fragen den Agenten Thomas Montasser.

Herr Montasser, wenn es nach Jeff Bezos geht, müssen sich die alten Büchermacher warm anziehen – sie würden bald überflüssig. Hat der Amazon-Chef recht?

Thomas Montasser

Thomas Montasser: Die These ist nicht neu: Der Autor von Welt verlegt sich selbst, nur dass er das neuerdings im Kindle-Store tut, wo er sich um Lektoren und andere Parasiten am Wert seines Werkes nicht scheren muss. Denn jeder kann bereits heute sein eigener Verleger sein – und in Zukunft wird sich das Gewicht massiv in Richtung Self-publishing verschieben. Bereits jetzt, rechnet uns Bezos vor, seien 16 der Top 100-Titel auf der Kindle-Bestsellerliste Eigenpublikationen. Mir hat einer meiner Autoren den Artikel von Thomas L. Friedman geschickt mit den Worten: „Ich will meinen über die Massen geschätzten Freund und Agenten nicht erschrecken, aber die Zahl ‚16 von 100’ fand ich faszinierend. Now, go look for it:-) Back to OUR book.“

Sechzehn Prozent, das ist doch immerhin eine beeindruckende Quote.

Ich habe mir seine Liste einmal genau angesehen: Unter den ersten 100 Titeln auf der US-Kindle Store-Bestsellerliste rangieren sage und schreibe zehn, die unter dem Titel „Bestseller“ firmieren. Dazu kommen noch zwei weitere, die dem Leser dazu verhelfen wollen, einen solchen zu schreiben. Anders als noch vor gut einem Jahr scheint hingegen die Zeit der mehr oder weniger pornografischen E-Books bereits abgelaufen. Waren seinerzeit sechs Titel der Top Ten schwer in Sachen Sex unterwegs, findet sich aktuell kaum noch Erotisches oder Quasi-Erotisches unter den ersten 100. Stattdessen jede Menge „Thriller“ und Verschwörungstheoretisches.

Bestsellerlisten spiegeln immer auch den Markt wieder. Was geht und was nicht geht, bestimmt der Leser. Mit Qualität hat das im Zweifel nicht viel zu tun.

Richtig. Für sich genommen, entkräftet diese Beobachtung Bezos’ Argument nicht. Angebot und Nachfrage haben aber nicht nur mit Inhalten, sondern auch mit dem Preis zu tun, den Leser zu zahlen bereit sind. Tatsächlich ist das Preisgefüge der Kindle-Liste durchaus interessant: 21 Titel wurden mit einem Preis unter zwei USD angeboten, gerade mal sechs Titel kosteten über 10 USD, ein einziger über 15 USD. Das Gros der restlichen E-Books lag preislich zwischen 3 und 4 USD. Natürlich gehörten die No-name-Veröffentlichungen, also diejenigen Bücher, die nicht im Original bei einem renommierten Verlagshaus erschienen sind, zu den billigeren Veröffentlichungen. Was sagt uns das: Jeder Autor kann zwischen 75 ct und 2 USD Gewinn pro verkauftem E-Book liegen, also bei jedem Kauf durchschnittlich ein Honorar erlösen, wie es auch dem Honorar entsprochen hätte, das er – wäre er dort verlegt worden – von einem der tradierten Verlage bekommen hätte.

Kein Nachteil also für den Autor, oder?

Für ihn hat die Eigenpublikation auf der von Bezos so hochgelobten Plattform keinen Nachteil – sieht man von dem Detail ab, dass sein Werk lediglich als Bündel elektronischer Impulse auf dem Erdenrund existiert und damit Welten entfernt davon, ein „Buch“ zu sein. Für den Leser hat es allerdings den gravierenden Nachteil, dass er die Rolle des Agenten und Lektors selber übernehmen muss: Er muss prüfen, ob das Buch überhaupt etwas taugt, netterweise, nachdem er für diesen Job auch noch Geld bezahlt hat. Dafür darf er auf den Service eines Lektorats und eines Korrektorats sowie eines professionellen Satzes verzichten. Gut, nehmen wir diese letzteren Faktoren als „eingepreist“ in den VK. Und doch: Der Kauf und die Lektüre von E-Books wird sich mit zunehmender Bedeutung von Eigenpublikationen zu einer typischen „Trial-and-error-Lektüre“ hin verschieben. Mit entsprechenden Ergebnissen auch für die Autoren.

Die da wären?

Einen Vorgeschmack darauf hat eine Amazon-Aktion vor Weihnachten 2011 gegeben: Kindle-Käufer bekamen zehn E-Books gratis dazu. Amazon hatte herkömmliche Verlage angefragt (warum eigentlich?), ob sie mit einer kostenlosen Zurverfügungstellung einverstanden sein würden. Einige waren es. Auch an uns als Agentur kam eine solche Anfrage. Wir haben sie an die betroffene Autorin, die Amazon sich ausgeguckt hatte, weitergereicht. Und, ja, unsere Autorin war einverstanden. Sie erwartete, dass eine solche Aktion im Sinne der PR einiges brächte. Eine zweischneidige Sache. Denn schon kurz nach der Aktion geschah etwas sehr bestürzendes: Viele Leser, die sich den Roman downgeloaded hatten, schrieben vernichtende Kritiken auf der Amazon-Seite. Ihr gutes Recht, natürlich, auch wenn es schäbig ist. Würden alle diese Kritiker sich mit ihren Weihnachtsgeschenken auf den Marktplatz stellen und dort lauthals über die Geschmacklosigkeit oder Minderwertigkeit des Erhaltenen schwadronieren? Sicher nicht. Die Anonymität des Internet und die dort weit verbreitete Abwesenheit sozialen Empfindens fördern solche Verhaltensweisen. Daran werden sich die Anbieter von Billig-E-Books auch gewöhnen müssen. Denn wenn man sich für „gutes Geld“ etwas gekauft hat, dann wird man erst recht nicht mit Kritik hinter dem Berg halten. Gerade in der Trial-and-error-Kultur der kommenden Jahre. Und wir alle können ja von Glück reden, wenn der Leser überhaupt geneigt ist, etwas für die Lektüre zu bezahlen.

Wird also die Bedeutung des E-Books für die Zukunft überbewertet?

Keine Frage, das E-Book ist auf dem Vormarsch. Die Diagnose von Bezos, dass damit die Tage der Verlage und Agenten gezählt sind, stimmt dennoch nicht. Erstens werden Autoren, die etwas auf sich halten, auch in Zukunft ihre Werke nicht unlektoriert und unkorrigiert auf den Markt werfen wollen, schon gar nicht im Angesicht der Kritik-Kultur im Internet. Zweitens ist auf weite Sicht kein Erlösmodell erkennbar, mit dem sich Autoren unterm Strich besserstellen als mit Publikationen in echten Verlagen. Drittens stimmt auch die Feststellung nicht: „Never have individuals been more empowered, and we’re still just at the start of this trend.“ Books on demand kann jeder Autor schon seit einem Jahrzehnt veröffentlichen – und dieses Phänomen ist spurlos am herkömmlichen Buchmarkt vorbeigegangen. Viertens: Warum eigentlich hat Amazon begonnen, körperliche Bücher zu verlegen und drängt auch im deutschsprachigen Markt in dieses Segment? Wäre dieser Markt tot, bräuchte es ein solches Engagement nicht. Damit wäre fünftens auch Bezos’ Behauptung widerlegt: „That means no agent, no publisher, no paper — just an author, who gets most of the royalties, and Amazon and the reader.“ Denn, bitteschön, wozu denn dann überhaupt Amazon? Für mein selbst „verlegtes“ E-Book genügt auch meine eigene Website.

Wenn man Bezos’ These zu Ende denkt, müsste das doch bedeuten, dass es in Zukunft weder Agenten, noch Verleger, noch Amazon oder sonst einen Mittler zwischen Autor und Leser braucht.

Letztlich bringt Thomas L. Friedman es in seinem Artikel – wenn auch vielleicht eher ungewollt – ganz trefflich auf den Punkt, indem er feststellt: „Unfortunately, even to self-publish, you still need to know how to write.“ Stimmt. Wirklich schade.

Thomas Montasser, seit über 20 Jahren Literaturagent in München, vertritt zahlreiche bekannte Autoren und schreibt gelegentlich auch selbst, zuletzt die Streitschrift „Weil die Erde keine Google ist – Lob des analogen Lebens“.

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