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Tom Erben: Warum twittert Mark Twain?

Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Aufbau-Geschäftsführer Tom Erben.

Für das Mammutprojekt des Aufbau Verlages, die zwei Bände der „Geheimen Biographie“ von Mark Twain, hat der Verlag jetzt auch einen Twitter Account eingerichtet. Das war Anlass für die Frage an Tom Erben:

Wem nichts einfällt, der macht Social Media?

Tom Erben: Na ja, uns ist schon eine Menge dazu eingefallen – das zeigt auch die Resonanz auf unsere Ankündigung dieses ungewöhnlichen Buchprojektes (nicht zuletzt im BUCHMARKT April Heft): Wir sind mittlerweile

Tom Erben

bei fast 20.000 Vormerkern, das ist für einen Klassiker wie Twain allein schon ein Riesenerfolg. Offenbar teilt der Handel vom kleinen Sortiment bis zu den Großen unsere Einschätzung, dass ein Einführungspreis von 49,90 € für eine solch hochwertige Edition ein attraktives Angebot ist.

Das allein war bestimmt nicht der Grund für die sichtliche Euphorie…

… mit der wir die Medien angesteckt haben: Die Presse von FAZ bis taz wird das Buchereignis flächendeckend begleiten. Startschuss ist der 13.9. mit einer Preview im Aufbau Haus, die wir aufzeichnen und als Trailer einsetzen werden. Zum Erscheinen folgt ein Vorabdruck im SPIEGEL und am 1. Oktober die Buchpremiere im Hamburger Thalia Theater mit Harry Rowohlt und dem Übersetzer Hans-Christian Oeser, begleitet von Live Mississippi-Blues. Neben weiteren Lesungen mit Harry Rowohlt auf der Buchmesse (Spiegelzelt, 12.10.), der Münchner Bücherschau (21.11.) und der Abschlußveranstaltung der StadtLandBuch in Berlin (2.12.) gibt es zahlreiche Schauspieler-Lesungen in Buchhandlungen von Regensburg bis Reinbek. Unser Twain-Plakat („Jungs wie mich gibt es nicht alle Tage“) ist ein Schmuckstück, und wer Glück hat, kann sogar eine Flasche Twain-Whiskey aus einer kleinen Destillerie ergattern, die wir entdeckt haben. Dass uns zum Erscheinen von Mark Twains Autobiographie nichts einfällt, kann man also wahrlich nicht behaupten.

Warum dann noch twittern?

Ihre Frage spielt natürlich darauf an, dass Verlage verstärkt den Weg zum Leser suchen und sich nicht mehr allein darauf verlassen, dass der Buchhandel die Inhalte vermittelt.

Na ja, da klafft noch eine große Lücke – sollten sich die Verlage nicht auch um die Zielgruppe der 30.000 buchhändlerischen Mitarbeiter – auch eine Community wie lovelybooks.de – kümmern, die für den Verkauf genauso viel wissen sollten wie ihre Kunden?

Ich glaube aber, dass der vorliegende Fall das beste Beispiel dafür ist, dass sich die Kommunikation von Verlag und Handel ergänzen müssen, und dass es hier nicht um ein Entweder-Oder geht. Wenn das Buch ins Gespräch kommt und von Buchhändlern und Lesern empfohlen wird, ist jeder zusätzliche Impuls wichtig, um aus einem kleinen Erfolg einen großen Erfolg zu machen. Erst im Zusammenspiel dieser Maßnahmen wird ein Schuh daraus.

Gerd Haffmans hatte für seine erfolgreiche Samuel Pepys Ausgabe bei Zweitausendeins auch regelmäßig getwittert…

… dieses Potential hat Mark Twains Autobiographie auch: Sie ist hochkompetent übersetzt und ediert, mit einem kundigen Vorwort von Rolf Vollmann. Die Edition ist wahrlich ein einziger Lesespaß und ein riesiger Fundus an Abenteuern, Geschichten und Anekdoten, die dem Großen Meister der amerikanischen Literatur eingefallen sind. Wohlgemerkt: All dies unter der nicht ganz uneitlen Prämisse, dass der Text erst 100 Jahre nach seinem Tod gelesen werden wird. Wir hatten schon nach der Lektüre der ersten Seiten den Eindruck, dass wir es mit dem ersten Blogger der Literaturgeschichte zu tun haben – und da war der Gedanke nicht weit, Twain mittels eines Tweets wieder auferstehen zu lassen.

Leute die twittern, haben die überhaupt Zeit zum Lesen?

Twitter-User sind älter als z.B. Facebook-User, sie sind kritischer als der Durchschnitt – vor allem aber sind sie Multiplikatoren, Meinungsführer, die früh Trends entdecken und sie weitertragen, wenn sie gefallen daran finden. Hier zählen intelligente, originelle Inhalte.

Widerspricht das nicht dem Twitter Gedanken, wenn man das als Werbung missbraucht?

Richtig, Werbelinks kommen auch bei Facebook nicht gut an, aber unsere Ankündigung, dass Mark Twain höchstselbst twittert, ist erfolgreich angenommen worden. Es gibt zwar englischsprachige Tweets von Mark Twain, aber unsere Inhalte stammen exklusiv aus der Autobiographie, die somit erstmals und vorab auf Deutsch veröffentlicht werden. Ich bin davon überzeugt: Die Social-Media-Kampagne und die sonstigen Werbemaßnahmen, auch die Kataloge und Tische der Buchhandlungen, werden sich multiplizieren. Wir planen sogar Postkarten mit Twain’s Twitter-Sprüchen in Kooperation mit Incognito. Die Zitate von Twain sind einfach unerschöpflich.

Na gut, dann hätte ich gern ein paar Kostproben der Tweets…

Gern, als unverhohlene Werbung für ein großes Lesevergnügen, dass ich auch allen Kolleginnen und Kollegen wünsche – und nicht nur den Mitarbeiterinnen im Verkauf:

Ich kenne den Geschmack der ehrlich ergatterten und der ergaunerten Wassermelone. Die Erfahreneren wissen, welche besser schmeckt.

Wenn ich unter jemandem ein Feuer anzünde, dann nicht nur für das Vergnügen, sondern weil er die Mühe lohnt.

Es ist der Wille Gottes, dass wir Kritiker, Missionare, Kongressabgeordnete und Humoristen haben, und so müssen wir diese Last tragen.

Als ich jünger war, konnte ich mich an alles erinnern, ob es sich nun zugetragen hat oder nicht.

Zahlen amüsieren mich oft, besonders wenn ich sie selbst zusammenstelle.

Ich hatte mir schon immer eine Anstellung gewünscht, bei der sich die Bezahlung umgekehrt proportional zum Arbeitsaufwand verhält.

Beide Seiten eines Gegensatzes wirken auf mich gleichermaßen reizend.

Ich bin nicht daran interessiert, mit irgendwas fertig zu werden.

In der Welt sind gewisse süßduftende, mit Zucker überzogene Lügen gebräuchlich. Eine davon lautet, es gebe so etwas wie Unabhängigkeit.

Was Koseworte und Zärtlichkeiten anbelangt, war ich zurückhaltend auf die Welt gekommen.

Bei einer Scharade ist Undeutlichkeit eine großartige Sache.

Ich war immer gutaussehend. Außer einem Kritiker hätte das jeder sehen können.

Wenn sich jemand nicht selbst täuschen kann, hat er kaum eine Chance, andere zu täuschen.

Mit 24 hat ein Mädchen das Leben von seiner besten Seite gesehen – nach diesem Alter beginnen die Risiken.

Guter Geschmack ist mir wichtiger als Rechtschaffenheit.

Ich mag Kritik, aber sie muss zu meinen Gunsten ausfallen.

Das wirkliche Leben eines Menschen findet in seinem Kopf statt und ist niemandem bekannt außer ihm.

Das aufrichtigste, offenste und privateste Produkt des menschlichen Verstandes und Herzens ist ein Liebesbrief.

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.

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