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Dr. Peter Hanser-Strecker: „Kampf um Urheberrecht ist so wichtig wie der Umweltschutz“

Dr. Peter Hanser-Strecker, Vorsitzender der Geschäftsführung von Schott Music, plädiert für mehr Kreativität im Nachdenken über das Urheberrecht und schlägt deshalb Gründung einer Art Club of Rome zur weltweiten Verständigung vor. Buchmarkt.de sprach mit ihm über seine Ideen.

buchmarkt.de: Als Inhaber des Verlages Schott Music, der weltweit agiert, müssen Sie mit Urheberrechtsbestimmungen in vielen Ländern umgehen. In einigen Ländern Europas sind Piratenparteien entstanden. Wie erleben Sie die Diskussion um das Urheberrecht?

Dr. Peter Hanser-Strecker

Dr. Peter Hanser-Strecker: Die augenblickliche Diskussion in der breiteren Öffentlichkeit über den Schutz und die Schutzlosigkeit des geistigen Eigentums nimmt immer mehr an Wucht zu und an Bedeutung ab.

Wie meinen Sie das?

Positionen werden aufgebaut, zementiert und im Diskurs wie uneinnehmbare Trutzburgen verteidigt. Mit Polarisierungen oder mit leichtsinnig, nachlässigen Parolen gewinnt man kein Terrain, sondern verliert nur wertvolle Zeit und die Gelegenheit für ein gemeinsames und kreatives Nachdenken über den sinnvollen Umgang mit dem neu geschaffenen Universum des digitalen Zeitalters.

Verschwinden bald die Rechte der Künstler in diesem Universum?

Ich halte es gerne mit dem indischen Sprichwort, wonach Probleme im Grunde nichts anderes sind als Geschenke des Himmels. Die freie Zugänglichkeit der Werke im Internet ist für sich betrachtet zunächst einmal eine große Chance und eröffnet ungeahnte Perspektiven der weltweiten Vermarktung. Die freie Zugänglichkeit darf nur nicht mit kostenfreiem Zugang gleichgesetzt oder verwechselt werden. Es gilt eine kreative Brücke zu schlagen zwischen Zugänglichkeit und einem angemessenen finanziellen Ausgleich für die Nutzung.

Es sind ja bereits einige Lösungsideen im Umlauf, zum Beispiel Flatrate oder verschiedene Formen des DRM.

Die bisherigen Vorschläge haben auf allen Ebenen versagt. Politisch: Die Flatrate wäre tödlich für uns, denn eine Pauschalvergütung nützt nur den großen Medienunternehmen. Juristisch: Ein urheberrechtlicher Schutz lässt sich weltweit nicht durchsetzen, weil im Internet das Territorialprinzip nicht funktioniert. Und auch technisch lässt sich ein Urheberrecht kaum sichern, dies haben unsere Erfahrungen der letzten Jahre gezeigt. Kurzum: Es gibt keine Schutzmöglichkeit. Es bleibt nur die freiwillige Seite.

Wie könnten wir Menschen dazu bewegen, freiwillig Urheberrechte einzuhalten?

Es bedarf einer mit der Umweltbewegung vergleichbare Idee und es müsste Rainbow-Aktionen für Künstler geben. Wir brauchen eine Bewusstseinsveränderung, wie das auch mit dem Umweltbewusstsein geschehen ist, damit wir wegkommen von den Piraten und deren unglaublicher Leichtsinnigkeit.

Würden die Menschen die Dringlichkeit begreifen?

Sie müssen es, denn der geistige Rohstoff ist unser entscheidender Rohstoff. Ohne ihn werden wir keine Lebensqualität mehr haben. Die Piraten kommen zur Unzeit. Vor einigen Monaten gab es in Hannover eine Aktion „PlayFair – respect music“, das müssen wir fortsetzen. Urheberrecht muss als Menschenrecht begriffen werden.

Das müsste ja eine weltweite Bewegung sein. Haben Sie konkrete Vorstellungen?

Ich plädiere für die baldige Gründung eines Art Club of Rome oder einer ähnlich hochkarätig besetzten Plattform für die Belange der geistig Schaffenden und der weltweit interessierten Nutzer. Dieses Gremium sollte mit kreativen Digital Natives, erfahrenen Vertretern von Apple und Google, der Fraunhofer-Gesellschaft und herausragenden Machern aller Lager zusammenkommen und vorgabefrei über neue Modelle der Partizipation nachdenken.

Was könnte dabei herauskommen?

Ich stelle mir vor, dass unter anderem ein Modell entstehen könnte, wonach grundsätzlich nur die konkrete Nutzung zu einem gebührenpflichtigen Vorgang führt. Dann ist nicht mehr entscheidend, woher das jeweilige Werk stammt – dies ist im Grunde dann auch weniger wichtig – solange jede Nutzung, zum Beispiel das Anhören, das Versenden etc. zu einem Micropayment führt.

Wie soll das funktionieren?

Das neue System kann nur auf freiwilliger Basis entstehen, aber zum Beispiel mit aktiver Mithilfe von Apple. Es könnte einen polymedialen so genannten Fahrtenschreiber enthalten. Dieser registriert jede Form von relevanter Nutzung und meldet die entsprechenden, anonymisierten Daten an eine Clearingstelle weiter, die dann zum Beispiel via Telefonnetz die entsprechenden Micropayments erfasst. Diese Clearingstelle schüttet sie dann an die Verwertungsgesellschaften zur Verteilung aus.

Welche Chancen sehen Sie darin?

Auf diese Weise wird zunächst einmal sichergestellt, dass eine so genannte kulturelle Flatrate, die der Tod jeder relevanten Nische wäre, keine Chance auf Einführung hat. Mit der individuellen Erfassung aller genutzten Werke wird der Multipluralität des Medienkonsums Rechnung getragen und das Phänomen des Long Tail entsprechend ernst genommen.

Das klingt kompliziert.

Technisch dürfte das gar nicht so schwierig sein. Die GEMA ist ja soweit, dass sie allen Werken eine Nummer geben und diese damit identifizieren kann. Wie auch immer, die Kreativbranche muss sich zusammentun. Die GEMA steht momentan als Buhmann da, sollte aber eigentlich ein Robin Hood-Image haben, weil sie sich für Arme und Entrechtete einsetzt. Denn die Technik hat viele Künstler bereits entrechtet. Genau wie Künstler auch im Mittelalter rechtlos waren. Wenn sie so wollen, sind wir bereits im Mittelalter angekommen, auch Piraten waren ein Phänomen des Mittelalters.

Nun bauen Sie aber eine Trutzburg auf.

Darum geht es nicht, wir müssen diese mittelalterlichen Reaktionsmuster überwinden. Mir geht es darum, kreativ mit dem Thema umzugehen. Natürlich müssten entsprechende Programme so gestaltet sein, dass sie nicht zur Ausforschung missbraucht werden können. Wichtig ist, dass die gezielte Nutzung vergütet werden muss, nicht die potenzielle, wie derzeit bei der Nutzung von Radio und Fernsehen.

Das heißt, mit dem jetzigen System sind Sie auch nicht zufrieden?

Wir brauchen mehr Freiheit. Zum Beispiel in der Bildung. Ein Lehrer muss in die Lage versetzt werden, zum Beispiel einen Beatles Song im Unterricht einsetzen zu können. Er muss leicht an ihn herankommen und der Rechteinhaber muss honoriert werden können. Durch die Cloud wird das technisch möglich und wir dürfen uns diesen Möglichkeiten nicht entgegenstellen. Mit den technischen Möglichkeiten stehen uns immer mehr Herausforderungen ins Haus. Mit der Cloud zum Beispiel braucht niemand mehr etwas zu kaufen. Für uns – und auch für den Handel – heißt das, einmal verkauft, für immer verkauft. Damit gibt es keinen Besitz mehr, sondern nur noch Nutzen. Das heißt, die Nutzung muss bezahlt werden. Zudem entsteht da etwas, das ewige Haltbarkeit hat. Wie auch immer, wir brauchen jetzt Zukunftsforscher, die sich vorstellen können, wohin die Reise geht. Die umfangreichen Zugriffsmöglichkeiten auf die geistigen Werke sind eine Riesenchance und eine riesige Hypothek für die heutigen Schaffenden.

Sie sind gerade 70 Jahre geworden, hätten also schon vor fünf Jahren aufhören können, Ihr Engagement klingt so als ob Sie gerade 50 wären.

Ich wollte mich gerade zur Ruhe setzen und stelle fest, dass uns das gesamte Verlagsmodell aus den Händen genommen wird. Es macht mir Spaß, dafür kreativ neue Modelle zu entwickeln. Zu meinem Geburtstag hat es ein multimediales Werk gegeben. Gemeinsam mit der Strecker Stiftung haben wir 73 Komponisten weltweit mit Klavierkompositionen zum Motto „Dances of Our Time“ (Tänze unserer Zeit) beauftragt. Diese wurden an vier Orten, in New York, Peking, London und in Mainz uraufgeführt. Auf der Website www.petrushka-project.com kann man die Konzerte ansehen. Dort können Sie die einzelnen Stücke herunterladen und die Noten kaufen. (lacht) Print kommt in diesem Fall zuletzt, aber es ist eine schöne 350 Seiten starke Ausgabe geworden, die im September erscheinen wird.

Wird man mit solchen Produkten auch Geld verdienen können?

Das werden wir werden, aber wir müssen jetzt erst einmal ausprobieren können. Gerade haben wir die Schott Pluscore ® Sing-Along App auf den Markt gebracht. Das ist ein Übungsprogramm zum Einstudieren populärer Opernarien. Damit kann man eigene Wendestellen festlegen, Notengrößen per Zoomfaktor einstellen, Transpositionen in andere Tonarten vornehmen und vieles mehr. Selbst die Begleitung zum Gesangspart kann auf die eigene Interpretation abgestimmt werden. Wir müssen heute mehr machen als nur auf unser Tagesgeschäft zu gucken.

Die Fragen stellte Matthias Koeffler

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