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Schlüsselübergabe an Marcel Beyer

Marcel Beyer erhält den Schlüssel von
Thomas Lehr

Gestern Abend wurde in Frankfurt Bergen-Enkheim traditionell im Zelt die Amtsübergabe an den neuen Stadtschreiber mit einem großen Volksfest gefeiert.

Der bisherige Stadtschreiber Thomas Lehr gab den Schlüssel für das Domizil An der Oberpforte 4 weiter an Marcel Beyer, der damit als 39. Preisträger in das Haus einzieht.

Erst am Vortag war Marcel Beyer angereist und hatte sich auf einer Pressekonferenz vorgestellt. Ortsvorsteherin Renate Müller-Friese bezeichnete den 1965 im württembergischen Tailfingen Geborenen, der 1992 sein Literaturstudium mit einer Arbeit über Friederike Mayröcker abgeschlossen hat und seit 1996 in Dresden lebt, als gute Wahl der Stadtschreiberjury. Überhaupt zeichne sich der seit 1974 bestehende Preis durch die Reihe der Namen, die an der Hauswand An der Oberpforte nachlesbar sind, aus.

Entsprechend konnten auch zum Stadtschreiberfest ehemalige Amtsinhaber wie Eva Demski, Peter Weber und Thomas Rosenlöcher begrüßt werden.
Renate Müller-Friese dankte in ihrer Eröffnungsrede Thomas Lehr für ein kulturell abwechslungsreiches Jahr, das er Bergen-Enkheim geschenkt habe.

„Mit dem Stadtschreiberfest wird nicht nur der Berger Markt, sondern die literarische Saison eröffnet“, stellte Frankfurts Kulturdezernent Prof. Dr. Felix Semmelroth fest. Auf den soeben erschienen Titel Größenwahn passt in die kleinste Hütte, Hanser Verlag von Thomas Lehr anspielend, äußerte er Zweifel an der Aussage des Autors, dass dieser Titel nichts mit der Oberpforte zu tun habe: „Das glaubt Ihnen kein Mensch!“

Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber, geschäftsführende Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt, nannte Marcel Beyer in ihrer Festrede einen „Fährtensucher der Erinnerung“. Der Autor gehe in den Geschichten seiner Protagonisten den Fährten der Traumatisierungen nach, „in immer wiederkehrenden Schleifen von Assoziationen und minutiösen Beobachtungen.“ Das „mag durchaus an unsere Tätigkeit als Psychoanalytiker erinnern“, stellte Marianne Leuzinger-Bohleber einen Zusammenhang her. Sich an die Zuhörer wendend fuhr die Rednerin fort: „Ich kann nur hoffen, dass Sie, verehrtes ‘Zeltpublikum’, meinen Gedanken etwas abgewinnen können, obschon es sicher sehr ungewöhnlich, ja vielleicht sogar ‚etwas schräg’ ist, in einem Festzelt Gedanken zum Unbewussten, dem intimen Gegenstand der Psychoanalyse, zu folgen.“ Ihr Schweizer-Deutsch ließ sie an Max Frisch anknüpfen, der an diesem Ort 1981 sagte, dass „für uns Schweizer das Deutsche eine Fremdsprache (ist), die wir mühsam erlernen müssen, weswegen wir eben etwas langsamer reden. Doch meinte Frisch dazu: ‚In einer Sprache, die man gelernt hat, redet man nicht flinker als man denkt.’“
Marianne Leuzinger-Bohleber stellte einen Bezug zwischen ihrem eigenen Fachgebiet, der therapeutischen Wirkung von Erinnerung, und den Romanfiguren Marcel Beyers her. Es sei in der Psychoanalyse wichtig, dass Menschen, die solch schwere Erlebnisse wie die Shoah bewältigen müssen, Zeugnis davon ablegen können. Das funktioniere jedoch nur, wenn ihnen jemand zuhört. Gemeinsames Erinnern müsse deshalb immer wieder versucht werden. „Zukunft ist von außen wiederkehrende Erinnerung. Darum hat die Gedächtnislosigkeit keine.“
„Der Zusammenhang zwischen Trauma und Depression … wird in der Fachwelt noch zu wenig diskutiert, obwohl die Depression als Krankheitsbild ständig zunimmt … Heute leiden weltweit 121 Millionen Menschen unter dieser Krankheit, davon allein 5,8 Millionen in Deutchland“, konstatierte Marianne Leuzinger-Bohleber.
Schriftsteller wie Marcel Beyer wirken mit ihrer literarischen Gestaltung, mit dem Zauber und Sog der Sprache, mit Geschichten, die den Leser an eigene Erfahrungen erinnern, fast unbemerkt psychisch entlastend. „In diesem Sinne kann Literatur durchaus eine heilende und präventive Wirkung haben“, stellte die Rednerin fest.

Thomas Lehr setzte sich in seiner Abschiedsrede mit den „begrenzten persönlichen Raum-Zeit-Ressourcen“ auseinander: „Da fährt man sein Lebtag lang von Bergen nach Enkheim und von Enkheim nach Bergen, und am Ende heißt es, man sei doch immer nur in Frankfurt gewesen.“ Viele Lesungen führten den Autor im letzten Jahr mit seinem Roman September in die Welt hinaus. „So war ich sowohl für das Stadtschreiberamt als auch für mein Berliner Privatleben zu oft nicht da und vermisste nicht selten gleich zwei heimische Orte“, stellte Thomas Lehr fest. Er habe sich nicht ausgiebig mit Bergen-Enkheimer Geschichte befasst, ließ sich „einfach hineinfallen und dahintreiben“. Stets lohnend seien die Abstecher zu Monika Steinkopfs Berger Bücherstube gewesen.
Im Rückblick auf das gesellschaftlich ereignisreiche Amtsjahr stellte der scheidende Stadtschreiber fest: „Die Eurokrise konnte ich nicht lösen, was wohl daher rührt, dass ich noch nie mit Geld umgehen konnte. Dass das CERN das Higgs-Teilchen gefunden zu haben scheint, war für den Autor von 42 endlich mal eine unbeschwerte Wissenschaftsnachricht.“ Doch angesichts der Entwicklung in der islamischen und arabischen Welt sei ihm das Herz oft schwer geworden. „Bestimmte historische Entwicklungen (brauchen) den verdammt langen Atem der Geschichte, der dem einzelnen menschlichen Leben oft unerträglich schwer und walfischhaft erscheint.“
Thomas Lehr versuchte, im Dichterhaus mit all diesen Aspekten zurechtzukommen. „Ich glaube, es muss dieses sinnfällige vertikale Verhältnis zu sich selbst sein, was einen – neben den schönen dort lagernden Büchern der Vorgänger – in fruchtbare Unruhe versetzt“, bemerkte er, den es stets wieder zur Schrift trieb – „der Hausgeist ist da ganz unerbittlich.“
Doch was nütze ein Haus allein? Wichtiger seien „diejenigen, die den Stadtschreiberpreis ausrichten, pflegen, mit ihrem Organisationstalent erhalten und mit Sinn füllen.“

Nach der symbolischen Übergabe des Schlüssels begab sich Marcel Beyer zu seiner Antrittsrede ans Pult. Unter dem Titel Wattestäbchen spannte er den Bogen vom Kofferpacken, bei dem er stets die Wattestäbchen vergesse, zu jenen Wattestäbchen, denen die Republik „eine der bizarrsten Kriminalgeschichten der vergangenen Jahre zu verdanken hat.“ Nach der Rekapitulation der Ereignisse, einer stets neue Fragen aufwerfenden Mordserie, stellte Marcel Beyer fest: „Anhand des Phantoms von Heilbronn und der Folgen lässt sich nachvollziehen, wie sich eine Überfülle an Datenmaterial auf der einen und ein allzu simples Menschenbild auf der anderen Seite aneinander reiben.“ Man versuchte, mit immer mehr Schablonen dem vermutlichen Täter auf die Schliche zu kommen. „Für derart spektakulären psychologischen Real-Unfug würde sich jeder Schriftsteller, dem es mit dem Schreiben ernst ist, bis zum Verlust des Bewusstseins selber ohrfeigen“ schlussfolgerte er. Und: „Die Literatur soll wie das Leben sein? Um Himmels Willen – bitte nicht. ‚Geschichten, wie sie das Leben schreibt’ sind schlechte Literatur.“

Im Anschluss an die Festreden signierten die anwesenden Stadtschreiber Bücher, darunter auch Thomas Rosenlöcher sein ebenfalls pünktlich zum Stadtschreiberfest in der Insel-Bücherei erschienenes Lyrik-Bändchen Hirngefunkel.

JF

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