Freitags um fünf: Was bewegt jetzt die Branche? Michael Lemsters Frage der Woche an Reportagen-Chefredakteur Daniel Puntas Bernet, der mit einem ungewöhnlichen Zeitschriften-Konzept auf den Markt gekommen ist.
Daniel Puntas Bernet, geboren 1965, war Devisenhändler und Tennis-Manager; dann Südamerika-Tramper, Weinbauer, Taxi-Tangotänzer, Pizzaiolo, Deutschlehrer; schließlich Journalist. Seine Leidenschaft fürs Geschichtenerzählen und noch viel mehr fürs Geschichtenerzähltbekommen hat zur Idee von Reportagen geführt. Für das Blatt ist er jetzt Chefredakteur.

Herr Puntas Bernet: Wie kommt man dazu eine Zeitschrift im DinA5-Format zu machen und Bildlosigkeit zum Konzept zu erheben? Fällt einem das irgendwo in Tibet ein?
Daniel Puntas Bernet: Warum nicht genau dort?
Das war jetzt geraten, Sie sind tatsächlich in Tibet auf die Idee gekommen?
Nicht im Tibet, dort war ich noch nie. Die Idee reifte über eine längere Zeit – und zwar hauptsächlich auf meinen längeren Reportage-Reisen in abgelegenen Weltgegenden (Kongo, Sibirien, Patagonien), wo einem der Blick angesichts hiesiger gesellschaftlicher Normen und Zwängen nicht verstellt wird. Jedenfalls brauchte es einen gewissen Abstand zum normalen Medienbetrieb.
Was hat der Abstand ausgetragen?
Reportagen setzt ganz bewusst bei Inhalt, Format und Haptik auf die Anlehnung ans Buch. Ich bin überzeugt davon, dass im Zeitalter der kurzen Agenturmeldungen der Bedarf wieder da ist, in längeren Geschichten unsere reale Welt reflektiert zu finden. Wir möchten unsere Leser nicht einfach informieren, wir möchten sie auf neue Gedanken bringen. Und das gelingt nur auf einer längeren Strecke, für die man sich Zeit nehmen muss oder besser: nehmen darf.
Eine Zeitschrift im Internetzeitalter zu machen, wo alle Informationen zugänglich sind, ist mutig. Was können Sie noch anders sagen, was man im Netz so nicht sagen kann?
Mit einer Zeitschrift, die aus längeren guten Texten besteht, setze ich mich gerne in ein Sofa oder in den Strandstuhl, eingewickelt in eine warme Decke und vergesse für eine Zeit lang meine unmittelbare Gegenwart. Genau wie bei einem Buch. Information ist das eine, das andere ist das Eintauchen in Geschichten, die das Leben fühlbar machen.
Jetzt ist die sechste Ausgabe von Reportagen auf dem Markt, wie hat sich der Start angelassen?
Wir sind vom positiven Zuspruch gleich zu Beginn sogar überrascht worden. Reportagen hat schnell eine begeisterte Leserschaft gefunden. Jetzt geht es darum, bei einer breiteren Leserschaft bekannt zu werden.
Wieviele Abonnenten haben Sie jetzt?
Wir bewegen uns noch im unteren vierstelligen Bereich.
Reportagen ist kein gewöhnliches Zeitschriftenkonzept. Schon das Format erinnert eher an ein Buch. Haben Sie damit kalkuliert, dass es deshalb auch gut in den Buchhandel passt?
Ja, das haben wir. Reportagen ist broschiert, hat einen Umschlag aus Leinen und ist kleinformatig. Man sollte uns im Buchhandel also gut platzieren können. Reportagen passt ins Buchregal und macht sich aufgrund der wertigen Aufmachung auch gut bei der Ladenkasse. Und nicht ganz unwichtig: Reportagen hat in jeder Handtasche Platz.
Spricht Reportagen Frauen auch speziell an?
Reportagen spricht Männer und Frauen gleichermaßen an. Während Männer eher das Faktische/Journalistische an unserem Magazin schätzen, liegen die Präferenzen unserer Leserinnen unter Umständen mehr beim Narrativen – eigentlich analog zum statistischen Leseverhalten der Gesamtbevölkerung, wo ja auch Männer eher Sachbücher lesen und Frauen Belletristik.
Warum könnte der Buchhandel ein guter Partner sein?
Die Gattung der Reportage bewegt sich stets zwischen Journalismus und Literatur, deshalb sind unsere Autoren oftmals auch Schritsteller. Wer REPORTAGEN liest, liest auch gerne Bücher. Und: Wer glaubt, keine Zeit mehr für ein ganzes Buch zu haben, wird eventuell mit REPORTAGEN wieder zum Lesen finden. Das macht den Buchhandel zum interessanten Partner.
Warum sollten Buchhandlungen auch Zeitschriften haben?
Buchhandlungen sind erster Ansprechpartner für Leser. Und weil hochstehende Zeitschriften und Magazin die Leselust genau so bedienen, wie Belletristik oder Sachbücher, haben sie ihren Platz im Buchhandel verdient.
Wie sollte so ein Sortiment aussehen?
Als Buchhändler würde ich mit erstklassigen deutsch- und fremdsprachigen Magazinen, die sich aufs nichtfiktionale Story-Telling oder aufs Essay spezialisiert haben eine spezielle Ecke gestalten – wahlweise unmittelbar neben Reiseliteratur/Belletristik/zeitgenössische Sachbücher. Spontan kämen mir da sofort zwei Dutzend Titel in den Sinn. Es müssten haptisch ansprechende Titel sein, so wie wir das machen, die dem Käufer in eine andere Welt zurückführen als die E-Welt.
Und wie wird Ihr Titel angenommen? Gibt es Reaktionen aus dem Handel?
In der Schweiz sind wir im Buchhandel schon recht breit vertreten. Wo man uns kennt, stoßen wir auf viel Goodwill und haben erste vielversprechende Rückmeldungen. In Deutschland stehen wir noch am Anfang. In den Städten, vor allem in Berlin und Hamburg, haben uns die Buchhändler zum Teil schon entdeckt.
Kann man sich als kleine Zeitschrift investigativen Journalismus leisten?
Man muss es sich leisten können. Unsere Autoren recherchieren vor Ort. Nur so kommt man zu den spannenden Details, die man aus der Ferne oft übersieht. Ich bin den Beweis zur Zeit noch schuldig, aber ich glaube, ja, es geht!
Ist das das Besondere? Oder was ist noch besonders oder anders am Konzept?
Wir wagen im Grunde genommen ein Experiment. Mit Anleihen aus dem nordamerikanischen Feature und der südamerikanische Chronik möchten wir die im deutschen Sprachraum die Reportage neu definieren. Dafür braucht es gute Schreiber, die den Mut haben, mit einer noch nicht genau definierten Textsorte zu spielen, und damit die literarische Gattung der Reportage weiterzuentwickeln.
Was sind Ihre Themen?
Das Leben in einem kleinen russischen Dorf, kurz bevor es zur Gasmetropole der Welt wird. Ein junges iranisches Paar, das wegen einer künstlichen Befruchtung vor vielfältigen Hindernissen steht. Buchpiraten, die in Lima zwar geistiges Eigentum stehlen, mit ihren Raubkopien den meisten Peruanern aber überhaupt erst das Lesen ermöglichen. Die Themen stecken immer in den Geschichten, die wir weitererzählen möchten. Wir setzen uns thematisch deshalb (fast) keine Grenzen.
Wie sehen Sie aus der Schweiz die Rolle der Print-Medien im Online-Zeitalter?
Es kann durchaus sein, dass man Reportagen in Zukunft auch einmal in einer digitalen Version lesen kann. Es fragt sich nur: Wieviel Bildschirm erträgt der Mensch, der gerne fühlt und riecht? Und genau da sehe ich durchaus Chancen für sorgfältig produzierte, ansprechende Printprodukte.
Sie haben inzwischen eine Reihe von Mitarbeitern auf dem Lohnzettel, wie steht es um die Wirtschaftlichkeit des Projekts?
Im Moment sind wir noch auf Investoren angewiesen. Wir wollen jedoch in ein, zwei Jahren wirtschaftlich produzieren können.

Mit seiner Firma alVoloConsult berät Michael Lemster Verlage, Buchhändler, Dienstleister und E-Commerce-Unternehmen bei Geschäftsentwicklung, Programm, Business- und Datenprozessen. Katalogdaten sind sein Spezialgebiet. Daneben publiziert er in Fach- und Publikumsmedien.